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Faust I
Faust. Der Tragödie erster Teil, kurz Faust I, ist ein Drama des deutschen Schriftstellers Johann Wolfgang von Goethe, das 1808 veröffentlicht wurde. Es gilt als eines der bedeutendsten und meist zitierten Werke der deutschen Literatur. Das Drama greift die vielfach von anderen Autoren beschriebene Geschichte des Doktor Faustus auf und weitet sie zu einer Menschheitsparabel aus.
Faust I wurde von Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1806 vorläufig beendet. Der Veröffentlichung von 1808 folgte 1828/29 die überarbeitete Fassung in der Ausgabe letzter Hand. Vorangegangen war 1790 der Teildruck Faust. Ein Fragment; die Entstehung der Textfassung des so genannten Urfaust (zwischen 1772 und 1775) lässt sich nicht mehr in allen Einzelheiten klären.
Einordnung
Faust I, genauso wie Faust II, entstand über mehrere Jahre und ist ein Querschnitt durch Goethes Leben. Goethe selbst bezeichnete „Faust“ als „summa summarum“ seines Lebens. Dies drückt sich in einer Vielzahl unterschiedlicher und teils widersprüchlicher Stilrichtungen, inhaltlicher Betonungen und Charakterausdeutungen aus.
Faust I ist kein Drama der geschlossenen Dramenform (mehr), das sich aber auch nicht einwandfrei der offenen Dramenform zuweisen lässt. Auch einer Literaturepoche entspricht es nicht eindeutig: Es weist sowohl Elemente der Klassik, des Sturm und Drang als auch der Romantik auf. Zusätzlich bedient Goethe sich der Satire und Funktionen des Mysterienspiels in einigen Szenen.
Die einzelnen Szenen besitzen insgesamt eine eher lose Anbindung an die Gesamthandlung. Eine grobe strukturelle Gliederung wird meist in der Einteilung in Gelehrtentragödie, Gretchentragödie und in Rahmenhandlung vorgenommen (siehe unten), die jedoch nicht unbedingt ist.
Inhalt
Protagonisten
Ausführlichere Charakterisierungen siehe unten
- Heinrich Faust, ein Gelehrter
- Mephistopheles, kurz: Mephisto, der Teufel
- Gretchen, kurz für: Margarete, Fausts Geliebte
Nebenrollen:
- Marthe, Gretchens Nachbarin
- Valentin, Gretchens Bruder
- Wagner, Fausts Famulus
Gliederung
Faust. Der Tragödie erster Teil kann formal in zwei Teile eingeteilt werden: Die drei Prologe und die eigentliche Haupthandlung.
Diese wird gängigerweise, dem Inhalt entsprechend, in die Gelehrtentragödie und die Gretchentragödie eingeteilt.
Vorspiel
Gretchentragödie
Das Stück besitzt drei vorgestellte Einleitungen, die der Gesamthandlung einen Rahmen geben...
Zueignung (1 - 32)
In der „Zueignung“ berichtet Goethe vom Schaffensprozess des Werkes und seiner autobiographischen Dimension.
Vorspiel auf dem Theater (33 - 242)
Darauf folgt das „Vorspiel auf dem Theater“, in dem drei Personen, der Direktor, der Dichter und die Lustige Person über die Frage diskutieren, was Theater sein soll. Dem Direktor kommt es dabei vor allem auf hohe Einnahmen an, die lustige Person sucht Ruhm als Schauspieler, während dem Dichter ein inhaltlich wertvolles Stück wichtig ist.
Wie auch in verschiedenen Inszenierungen (z. B. von Gustav Gründgens) umgesetzt, lassen sich die Charaktere in ihren Ansichten auf Mephistopheles (lustige Person), Faust (Dichter) und Wagner (Direktor) übertragen.
Prolog im Himmel (243–353): Die Wette
Der Prolog im Himmel (243–353) nimmt das erste Mal Bezug auf die eigentliche Handlung des Faust. In Anlehnung an die Hiobswette im Alten Testament will Mephistopheles mit Gott um die Seele des Faust wetten. Die nihilistische Weltansicht des Teufels wird dabei exemplarisch der positiv-bejahenden Gottes gegenübergestellt.
Der Herr ist entschlossen, Faust, der ihm jetzt nur „verworren dient“, „bald in die Klarheit zu führen“. Wenn er Mephisto erlaubt, Faust zu verführen, solange er auf der Erde lebt, so nur, um Faust auf die Probe zu stellen. – Gott verkündet: „Es irrt der Mensch, solang er strebt“
Im Prolog wird bereits angedeutet, dass Faust erlöst werden wird, und die Wette somit eine Scheinwette bleibt: „Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst.“ Mephisto darf Faust verführen, damit dieser durch Irrtümer zur Wahrheit kommen kann.
Der Tragödie Erster Teil, Gelehrtentragödie
Nacht (354–807) Erkenntnisgrenzen – Suizidgedanke
In einem Monolog des Protagonisten erfährt der Zuschauer, dass der Gelehrte Faust vor einer Wende seines Lebens steht: Er ist trotz seines großen und umfassenden Wissens mit seiner Erkenntnis um die Welt unzufrieden geblieben. Er will Aufschluss über den Sinn des Seins, über das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (382f.). Aus seiner Verzweiflung zieht er den Schluss, „dass wir nichts wissen können“.
Die Methoden der Wissenschaft scheinen ihm nicht als hinreichend, das von ihm Gewünschte zu erfahren. In einem Buch von Nostradamus glaubt er, die magischen Gesetze der harmonisch wirkenden Natur zu erkennen. Er beschwört den Erdgeist, der ihn verspottet und in seine Grenzen zurückweist: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!“ (512f.)
Fausts lerneifriger und bornierter Famulus Wagner betritt Fausts Kammer und wird von Faust mit unterschwelliger Ablehnung empfangen. Wagner symbolisiert den Typus des Wissenschaftlers, der sein ganzes Wissen aus Büchern zusammenträgt. Er ist eitel und vertritt ein spießerisches Bildungsbürgertum. Ihm wohnt, im Gegensatz zu Faust, der sich ganz in die Natur einfühlen will, und sich vom Verlangen nach göttlichem Wissen, Emotion und Intuition leiten lässt, ein helles kaltes wissenschaftliches Streben inne.
Wieder alleine, will Faust sich aus Verzweiflung und in einem letzten Wunsch der Grenzüberschreitung mit einer Phiole Gift töten. Durch den Ostergesang wird er jedoch vom Suizid abgehalten, nicht durch die christliche Botschaft, sondern durch die Erinnerung an glückliche Kindertage: „Erinnerung hält mich nun mit kindlichem Gefühle, / Vom letzten, ernsten Schritt zurück.“ (781f.)
Vor dem Tor (808–1177)
Aus der Isolation des Studierzimmers tritt Faust am nächsten Tag mit Wagner in die kontrastierende frühlingshafte Natur, die dem promenierenden Volk zum gesellschaftlichen Auftritt dient. In der Idylle der Osterspaziergänger offenbart Faust Wagner seinen sinnlichen und geistigen Durst, seine innere Zerrissenheit: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen: die eine hält in derber Liebeslust sich an die Welt mit klammernden Organen; die andre hebt gewaltsam sich vom Dunst zu den Gefilden hoher Ahnen.“ (1112ff.) Ein seltsamer Pudel schließt sich Faust und Wagner an und folgt ihnen.
Studierzimmer (1178–2337) Der Teufelspakt
Faust übersetzt den Anfang des Johannesevangeliums, wobei er sich recht schwer tut, denn er weiß nicht, auf welche Weise er den Anfang des selben zu deuten hat. Schließlich ringt er sich dazu durch, "Im Anfang war die Tat" als sinngemäße Übersetzung stehen zu lassen. Die Tat ist es auch, die ihm den Augenblick, der verweilen soll, bringt. Faust findet die Verwirklichung seiner selbst im Dienste an der Allgemeinheit. Der Pudel, von Faust mit Zaubersprüchen magisch bedrängt, wird in einer Metamorphose zu Mephisto in der Verkleidung eines fahrenden Schülers, der sich Faust vorstellt als „[e]in Teil von jener Kraft, / Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ (1335f.) und als „[...] Geist, der stets verneint“. (1338)
Faust schlägt dem Teufel einen Pakt vor, doch Mephisto, der durch einen Zufall gefangen ist, will noch nicht auf den Vorschlag eingehen. Er schläfert Faust ein, befreit sich mit Hilfe von Mäusen aus seinem magischen Bann (1524), verlässt den Raum (1525) und erscheint dann wieder (1530ff.).
Faust verflucht sein irdisches Leben (1583ff.), und Mephisto bietet ihm nun den Pakt an. Faust verlangt nach den „Tiefen der Sinnlichkeit“ (1750), zu denen ihm Mephisto während seiner Lebzeiten verhelfen soll. Mephisto verspricht ihm „die kleine, dann die große Welt“ (2052) (Hinweis: Faust I: Reise durch die kleine Welt; Faust II: Reise durch die große Welt), als Gegenleistung für Fausts Dienste im Jenseits. Zusätzlich wettet Faust, Mephisto werde es nicht gelingen, ihm einen solchen "höchsten Augenblick" zu verschaffen. Faust akzeptiert, nach altem Brauch wird mit Blut unterschrieben (1737).
(Anmerkung: Die Stelle im Wortlaut ist ein Punkt großer Interpretationsdifferenzen; einige Interpreten gehen von einem Pakt, einige von einer Wette aus. Genau wie die Auflösung des Paktes in Faust II handelt es sich um keine eindeutige Stelle)
Die folgenden Szenen zeigen die Fahrt durch die "kleine" und die "große" Welt. Sie bestätigen, was für Faust in Überschätzung seiner Macht klar war: Er kann die Wette nicht verlieren, weil er nie zufrieden sein wird und deshalb auch der "höchste Augenblick" nicht eintreffen wird. Mephisto scheint den Pakt nicht einhalten zu können, denn er will Faust seine Wünsche nicht erfüllen, sondern ihn mit "seiner Welt" ablenken. Nie verschafft er Faust das, was er eigentlich will; immer versucht er, Faust mit oberflächlichen Genüssen zu betören und ihn in weiterer Folge in schwere Schuld zu verstricken.
Saufende Studenten, denen Mephisto durch Weinzaubereien Angst einjagt, sollen Faust als erster Station der Weltenreise in der Szene „Auerbachs Keller“ unterhalten, doch dieser ist nur gelangweilt. Mephisto ist mit seinem ersten Verführungsversuch gescheitert, Faust erwartet anderes von ihm.
Hexenküche (2338–2604) Faust wird verjüngt
Die Gretchentragödie beginnt. Faust wird durch Vermittlung Mephistos in einer Hexenstube durch den Zaubertrank einer Hexe verjüngt. Bereits vorher wird er durch eine Traumfrau, die er im Zauberspiegel erblickt, in Bann geschlagen und liebestoll gemacht.
Diese Traumfrau entspringt ganz allein seiner Fantasie und hat nichts mit Mephisto oder irgendeiner anderen Magie zu tun.
Während sich in Auerbachs Keller die Menschen wie Tiere aufführen, verhalten sich die Tiere hier wie Menschen.
Straße, Abend, Spaziergang (2605–2864) Gretchen
Als Faust in einer kleinen Stadt auf der Straße Margarete sieht, verlangt er von Mephisto, dass er sie ihm beschaffe. Mephisto erwähnt Schwierigkeit in Bezug auf die Unverdorbenheit Gretchens. Er stellt ein Schmuckkästchen in Gretchens Schrank, das ihre Neugierde weckt; das Mädchen bringt den Kasten zu ihrer Mutter, die ihn dem Pfarrer übergibt. Der Teufel soll nun einen neuen besorgen.
Der Nachbarin Haus, Straße (2865–3072)
Gretchen zeigt verunsichert Frau Marthe Schwerdtlein den neuen Schmuck und diese rät ihr, ihn hier bei ihr heimlich zu tragen.
Mephisto bringt Frau Marthe die erlogene Nachricht, ihr verschollener Mann sei gestorben. Unter dem Vorwand, einen zweiten Zeugen beibringen zu können, vereinbart er mit Marthe ein Treffen im Garten, bei dem auch Gretchen anwesend sein soll.
Faust ist in der darauffolgenden Szene Straße allerdings zunächst nicht bereit zu lügen. Erst durch Mephistos geschickte Rhetorik wird er so weit auf Gretchen gelenkt (sexualisiert oder verliebt?), dass er schließlich einwilligt zu lügen, um sie zu sehen.
Garten ff. (3073–3835) Die Gretchenfrage
Bei dem Treffen hofiert Mephisto ironisch Marthe und hat alle Mühe, ihre unverhüllten Anträge abzuweisen. Gretchen gesteht Faust ihre Liebe, sie spürt aber instinktiv, dass sein Begleiter (Mephisto) unaufrichtige Beweggründe besitzt.
Gretchen stellt Faust die berühmte Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ (3415) Sie will Faust zwar in ihr Zimmer lassen, doch hat sie Angst vor ihrer Mutter. Faust gibt ihr ein Fläschchen mit einem Schlaftrunk (3511), die Katastrophe nimmt ihren Lauf, der Schlaftrunk enthält nämlich Gift.
In den folgenden Szenen hat Gretchen erste Vorahnungen, dass sie schwanger ist. Das Gespräch am Brunnen mit ihrer Nachbarin über eine ledige Mutter, bestätigt den Verdacht, dass Gretchen schwanger ist. Und als sie erfährt, wie schlecht die gesellschaftliche Stellung einer solchen Frau ist, gerät sie in Bedrängnis und bekommt es mit der Angst zu tun. Der Soldat Valentin, Gretchens Bruder, erfährt vom Fehltritt seiner Schwester. Mephisto ficht mit ihm, lähmt ihm die Hand und sorgt dafür, dass Valentin von Faust umgebracht wird. Der Sterbende verflucht Gretchen als „Metze“ (Hure).
Gretchen merkt, dass sie schwanger ist, und in der Domszene erlebt sie während einer Messe die Vision des Jüngsten Gerichts.
Siehe auch Walpurgisnachtstraum.
Mephisto zieht Faust in der dritten Station der Verführung von der Ebene der Liebe auf eine sexuell-sinnliche Ebene, um ihn von Gretchens Schicksal abzulenken.
Ein alter Volksglaube besagt, dass sich in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai auf dem Brocken im Harzgebirge die Hexen zu einem Fest mit dem Teufel treffen. Das Fest ist eine kultische Feier des Bösen und Dämonischen.
Mephisto, hier als Junker Volland mit Pferdefuß auftretend, lockt Faust in die Arme einer jungen nackten Hexe, doch diesem erscheint ein „blasses, schönes Kind“, das „dem guten Gretchen gleicht“. Faust möchte zu Gretchen zurück.
Gretchen hat in ihrer Verzweiflung das neugeborene Kind ertränkt, ist dafür zum Tode verurteilt worden und erwartet ihre Hinrichtung. Faust fühlt sein schuldhaftes Versagen und macht Mephisto Vorhaltungen, der aber deutet ihn darauf hin, dass Faust selbst Gretchen ins Verderben gestürzt habe: „Wer war’s, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder du?“ Auch macht Mephisto deutlich, wer den Pakt angezettelt habe: „Drangen wir uns dir auf, oder du dich uns?“
Ein böser Geist beschuldigt sie ihrer Verfehlungen.
Kerker (4405–4615) Gretchens Erlösung
Faust dringt in den Kerker ein, Mephisto hat ihm den Schlüssel verschafft und den Wächter eingeschläfert.
Gretchen ist dem Wahn verfallen und erkennt anfangs Faust nicht mehr. Dieser will sie zur Flucht überreden, doch sie weigert sich, weil sie erkennt, dass Faust sie nicht mehr liebt, sie nur mehr bemitleidet. Gretchen bewahrt so für sich die reine Liebe. Als sie Mephisto sieht, erschrickt sie und empfiehlt sich Gott: „Gericht Gottes! Dir hab ich mich übergeben!“. Mephisto drängt Faust aus dem Gefängnis mit den Worten: „Sie ist gerichtet“. Die Erlösung Gretchens erweist sich jedoch in den folgenden Worten: „Sie ist gerettet“.
Charaktere
Mit der Tendenz und der Intention, grundsätzliche Bedingungen des Menschseins nachzuweisen, besitzen alle Charaktere im Faust zwar einen gewissen eigenen Charakter, sie dienen aber vordergründig dazu, ein allgemeines Prinzip und menschliche Archetypen darzustellen. Auf diese Fragestellung weist bereits die Rahmenhandlung, die himmlische Wette, hin, die nach dem Sinn des Menschen fragt.
Heinrich Faust
Es gibt zwei klassische Elemente der Interpretation des Faust-Charakters:
Der erste, oft auftauchende Erklärungsansatz ist die Ausdeutung von Faust als „dem Menschen schlechthin“. Faust erscheint in dieser Deutung als Verkörperung der Summe aller menschlichen Eigenschaften, der positiven wie der negativen. Im titanischen Charakter Fausts verbinden sich somit sowohl die teuflischen, mephistophelischen Eigenschaften wie Nihilismus, Destruktivität, Schuldhaftigkeit und Egozentrik, als auch die göttlichen, positiven Eigenschaften wie Streben nach dem Guten, die Fähigkeit zur Erkenntnis und des Mitgefühls. In Faust zeigen sich diese Elemente in ihren Extremen. Die Wette mit dem Teufel ist also der Versuch des Menschen überhaupt, die Grenzen des Menschlichen zu sprengen und damit im Umkehrschluss zu erfahren, was der Mensch ist.
Das zweite Element der Faustinterpretation ist die These, dass Faust im Gegensatz zur ersten These keinesfalls als Repräsentant des Menschlichen gesehen werden kann. Faust ist ein Mensch, gefangen in einer extremen Polarität. Faust selber spricht davon, wenn er sagt: „Zwei Seelen wohnen, ach in meiner Brust“. Auch während des weiteren Dramenverlaufs tritt Fausts Gespaltenheit oft zu Tage. So ist er kontinuierlich sowohl dem Himmel als auch der Hölle, also dem Teuflischen, zugetan.
Fausts Gemütszustände schwanken zwischen Ruhe oder Tatendrang, Systole und Diastole und er gibt sich selten ausschließlich einem Teil dieser beiden Gegensätze hin. Faust ist somit kaum als Repräsentant der Menschheit, sondern eher als Ausnahmeexistenz zu verstehen. Sein Titanismus, also sein Streben nach der Ganzheit der Erkenntnis und des Daseins, lässt ihn eher exorbitant, denn menschlich erscheinen.
Stärker noch wiegt die Tatsache, dass Faust als normaler Mensch in einer unmenschlichen, beziehungsweise für Menschen nicht nachahmbaren Grenzlage aufzufassen ist. Sein übermenschlicher Drang, stets noch weiter zu streben und wider allen Irrtümern nicht aufzugeben, macht ihn zu solch einem Menschen. Auch die Fähigkeit Fausts zur Nutzung der Magie unterstreicht diese These. Faust bedient sich übernatürlicher Mittel, einerseits der Magie, andererseits des Teufels, um die Transzendenz zu erreichen. Er durchdringt die Welt auf eine magische Weise, auf eine Weise, die nicht jedem Menschen zusteht und mithilfe von Methoden, die nicht jedem Menschen möglich sind. Faust wird hierdurch zu einem Menschen in einer außergewöhnlich gesteigerten Grenzlage erhoben. Faust symbolisiert und zeigt somit auf, wo die Grenzen eines Menschen liegen und macht dessen Maximum sichtbar. Durch Faust zeigt Goethe, wo die absoluten, nicht mehr steigerbaren Möglichkeiten, sowie die absoluten und unüberwindbaren Grenzen des Menschen liegen.
Vergleiche hierzu Nietzsches Idee des Übermenschen (490: Fasst Übermenschen dich!)
Die Frage, ob Faust als typischer Mensch gelten kann, muss demnach differenziert betrachtet werden. Dennoch ist zu beachten, dass Faust schon vom Beginn der Tragödie an durch die Worte des Herrn zum Repräsentanten ausgewählt wurde. Der Mensch ist ebenso ein polares Wesen, wie Faust es ist. Im Menschen mischen sich Schwarz und Weiß zu Grau. Das Innere des Menschen ist grau und trübe, ebenso wie das Faustische. Der Mensch strebt nach Fortschritt und immer mehr Wissen. Analog hierzu strebt auch Faust immer weiter, hindurch durch alle Irrtümer und wider alle Umstände. Dennoch bleibt im Raum stehen, wie Faust eigentlich als Ausnahmeexistenz auftritt und handelt. Er besitzt magische Fähigkeiten und paktiert mit dem Teufel, beides Dinge die ein Normalsterblicher nie erfahren kann. Er bleibt aber dennoch unwiderlegbar ein typisches Beispiel eines Menschen. Am treffendsten für die These, ob Faust als Menschheitsvertreter gelten kann, bleibt die Einschätzung, dass Faust in der Vordergrundshandlung eine beispielslose Ausnahmeexistenz darstellt, in der Hintergrundshandlung des Dramas jedoch die beispielhafteste Vertretung für die Menschheit überhaupt ist.
Mephistopheles
Mephisto ist eine klassische Figur, die in einer Grunddeutung dem Teufel der Bibel entspricht. Er ist damit Teil des christlichen Weltbildes und stellt den Gegenpart zum biblischen Gott dar. Deutlich wird dies u.a. im „Prolog im Himmel“. Gleichzeitig ersichtlich wird, dass er in einem solchen Weltplan letzten Endes Gott untergeordnet ist.
Doch die Rolle von Mephistopheles erstreckt sich über mehr Bedeutungen als nur diese. Über Goethes ohnehin sehr freien Begriff von Christentum stellt Mephisto allgemein das (philosophische) Prinzip der Verneinung, des Chaos und des Nichts dar. Mephistos Einordnung in die Konstruktion des Faust ist also nicht alleinig im moralischen Schema „gut – böse“ zu suchen.
Mit einem neutralen Blick, der das gesamte Stück und die mögliche Intention Goethes in einem Gesamtzusammenhang sieht, kann man Mephisto auch als niedere Natur des Menschen deuten. Ohne unsere geistige, höhere Natur würden wir uns wie ein Tier verhalten. Jedoch hat uns Gott, wie in Faust in der Einführung beschrieben, auf diese Welt geschickt um zu streben. Mephisto wird so zu der Triebfeder unserer Entwicklung, wenn sie vom wahren Ich, von Faust als Mensch, gezügelt und genutzt wird. Daher beschreibt sich Mephisto auch als Kraft, die das Böse will, aber das Gute schafft. Ohne unsere tierische Natur wäre also keine Entwicklung möglich, so wie ein Reiter sein Pferd braucht, brauchen wir den Körper und seine Triebe, wenn wir sie zügeln. Dafür ist Mephisto ein Sinnbild.
Gretchen/Margarete
Die Rolle der Margarete, im Stück auch diminuierend Gretchen genannt, hat Goethe klassischen Motiven entnommen, insbesondere die Stoffe des „Gefallenen Mädchens“ und der Kindsmörderin, die auch in anderen zeitgenössischen Stücken nachzuweisen sind. Als Vorlage besaß er zudem den Prozess der real existierenden Susanna Margaretha Brandt, die wegen Kindesmordes zum Tode verurteilt wurde. Zugleich wandte er mit der Faust-Gretchen-Tragödie das alte Schema der ständeübergreifenden Liebe an.
Gretchen ist wesentlich geprägt durch einen starken christlichen Glauben. Dem aufgeklärten, intelligent-überheblichen Pantheismus Fausts setzt sie ein bodenständiges Bekenntnis zu konventioneller Moral und dogmatischer Frömmigkeit entgegen, das zu ihrer Erlösung in Faust I führt.
Gretchen ist ein einfaches und ungebildetes, naives junges Mädchen, das hart arbeitet:
Vers 3111-3112: „Wir haben keine Magd; muß kochen, fegen, stricken /
Und nähn, und laufen früh und spat“
Sie lebt in ihrer kleinbürgerlichen Umwelt, die gleichzeitig eine Idylle und Beengung durch strenge Werte und Normen darstellt.
Ihre Mutter steht dabei für Religion, Sitte und Moral, die Freundin Lieschen für den Neid und die Schadenfreude der kleinbürgerlichen Welt. Ihr Bruder Valentin prahlt mit ihr als tugendhafter Schwester und erweist sich letztendlich als mitleidslos und selbstgerecht, indem er sie als Hure brandmarkt.
Ihre Nachbarin Marthe Schwerdtlein unterläuft die bürgerliche Moral und erlaubt ihr, den geschenkten Schmuck bei ihr aufzubewahren.
Zu Beginn des Stücks ist ihr Vater bereits lange tot und sie kümmert sich um ihre gesundheitlich angeschlagene, aber nichts desto weniger strenge Mutter. Ihr älterer Bruder, Valentin, ist Soldat.
Aufopferungs- und liebevoll hatte Gretchen sich auch um ihre jüngere Schwester gekümmert, die jedoch gestorben ist.
Sie ist durch Fausts Interesse an ihr überrascht und lässt sich dennoch von ihm ins Verderben ziehen: Ihre Mutter tötet sie versehentlich mit einem Schlaftrunk, den Faust ihr gegeben hat, ihr Bruder Valentin, der gleichzeitig ihr letzter Beschützer ist, wird von Faust ermordet und ihr uneheliches Kind ertränkt sie, weshalb sie zum Tode verurteilt wird.
Hinweise zum Verständnis
Das Stück ist fast gänzlich reimend geschrieben und liefert viele der bekanntesten Zitate der deutschen Sprache. Mephistopheles wird als schalkhafter intelligenter Geist dargestellt, der die menschlichen Eitelkeiten verlacht und ausnutzt.
Grundthema ist der Konflikt des Menschen zwischen dem Streben nach Höherem, wie es Faust anfänglich tut, und der Sinnlosigkeit dieses Strebens, wie es Faust schmerzvoll erkennen muss. Sein ganzes Wissen erscheint Faust sinnlos, da es ihm nicht hilft zu ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Sein ewiges Streben nach der Ergründung der Schöpfung hindert ihn daran, das Leben zu genießen, und er verfällt der Depression. Als er dem Teufel (Mephisto) begegnet, verwettet er seine Seele, dass ihn Mephisto nicht Zufriedenheit schaffen kann, da er sich des Gegenteils absolut sicher ist.
:„Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
:So sei es gleich um mich getan!
:Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
:Daß ich mir selbst gefallen mag,
:Kannst du mich mit Genuß betrügen-
:Das sei für mich der letzte Tag!
:Die Wette biet ich!“
Siehe auch: Johann Faust, Faust II, Walpurgisnachtstraum, Murnaus "Faust - eine deutsche Volkssage", Gretchenfrage
Des Weiteren durchzieht das gesamte Werk die Ambivalenz der Begriffe „Systole“ und „Diastole“. Die Handlung befindet sich im ständigen Wandel zwischen „Begrenzung“ und „Entgrenzung“. Besonders deutlich wird dies an der Figur des Faust, der sich entgrenzen möchte um auch die letzten Geheimnisse des Wissens zu entdecken und die großen Zusammenhänge zu verstehen. Um dies zu erreichen sind ihm Mittel wie die Beschwörung des Erdgeistes oder der geplante Freitod recht. Diese Versuche der Entgrenzung werden allerdings für Faust schmerzhaft niedergeschmettert (Hohn des Erdgeistes) oder durch den Gesang der Engel verhindert.
Ersichtlich wird dies auch an den Schauplätzen an denen Faust I handelt. Zu Beginn befindet sich der Protagonist in der Enge seines Studierzimmers und besucht auf seiner „kleinen“ Reise immer weitläufigere Areale. Das Ende jedoch schließt wieder in einem engen, systolischen Raum, dem Kerker in dem Gretchen auf ihre Hinrichtung wartet. Somit zeigt sich der ständige Wechsel zwischen Systole und Diastole, der oftmals als einziger Zusammenhalt der, wie Goethe selbst äußerte, „Schwammfamilie“ gilt.
Bedeutende Inszenierungen
- 24. Mai 1819 Uraufführung einzelner Szenen, Schloss Monbijou, Berlin
- 19. Januar 1829 Uraufführung des vollständigen ersten Teils, Braunschweig
- 1938 Welturaufführung beider Teile ungekürzt im Goetheanum in Dornach (Schweiz). Inszeniert von Marie Steiner.
- 1960 von Peter Gorski; mit Will Quadflieg (Faust), Gustaf Gründgens (Mephisto), Ella Büchi (Gretchen), Elisabeth Flickenschildt (Marthe), Max Eckard (Valentin), Eduard Marks (Wagner), Uwe Friedrichsen (Schüler)
- 1988 von Dieter Dorn, 1989 als Kinofilm; mit Helmut Griem (Faust), Romuald Pekny (Mephisto), Sunnyi Melles (Gretchen), Cornelia Froboess, Axel Milberg, Katja Riemann, Peter Lühr, Andrea Sawatzki, Rolf Boysen
- 1998 von Cordula Trantow; mit Karl-Walter Diess (Faust), Norbert Mahler (Mephisto), Elisabeth Degen (Gretchen), Angelique Duvier (Marthe), Gunnar Solka (Valentin), Fred Alexander (Wagner), Viola von der Burg (Hexe)
- 2000 von Peter Stein; beide Teile ungekürzt mit Bruno Ganz und Christian Nickel (als alter und junger Faust), Johann Adam Oest (Mephisto), Dorothée Hartinger, Corinna Kirchhoff und Elke Petri. Premiere am 22./23. Juli 2000 auf der Expo 2000 in Hannover, Aufführungsdauer (mit Pausen:) 21 Stunden.
- 2000 von Ingmar Thilo; mit Christian Ammermüller (Faust), Raphaela Zick (Mephisto), Ulrike Dostal (Margarete), Brigitte Hörrmann (Marthe), Max Friedmann (Dichter)
- 2003 von Manfred Gorr; mit David Gerlach (Faust), Uta Eisold (Mephisto), Johanna Bönninghaus (Gretchen), Christine Reinhart (Marthe), Peter Meyer (Valentin), Stefan Gille (Wagner)
- 2004 von Wilfried Hammacher am Goetheanum; Christian Peter (Faust), Paul Klarskov (Mephisto)
- 2004/2005 "Faust - Die Rockoper" von Rudolf Volz. Mit Alban Gaya(Faust), Falko Illing (Mephisto), Miriam Riemann (Gretchen) siehe [http://www.faust.cc]
- 2004 Deutsches Schauspielhaus "Faust I", Regie: Jan Bosse, Mit Edgar Selge (Faust), Joachim Meyerhoff (Mephisto), Maja Schöne (Gretchen)
- 2004 Deutsches Theater Berlin "Faust I", Regie: Michael Thalheimer, Mit Ingo Hülsmann (Faust), Sven Lehmann (Mephisto), Regine Zimmermann (Gretchen), Henning Vogt (Valentin), Isabel Schosnig (Marthe)
Ausgaben
- Johann Wolfgang von Goethe: Faust - Erster Teil, Hamburger Leseheft Nr.29, ISBN 3-87291-028-0 Preisgünstigste Ausgabe, mit Nachwort und Anmerkungen.
- E. Trunz (Hg.) Faust. München 1998, C.H. Beck, ISBN 3-406-31234-9 Preisgünstige wissenschaftlich zitierfähige Ausgabe, zum Einstieg geeignet.
- A. Schöne (Hg.) Faust. Frankfurt am Main 1994, Deutscher Klassiker Verlag, ISBN 3-618-60270-7. Auch als preiswerte Taschenbuchausgabe erhältlich: Frankfurt am Main 2003, Insel Verlag, ISBN 3-458-34700-3 Zur vertiefenden Beschäftigung geeignet, zeigt den Faust-Text erstmals in Goethes ursprünglicher Gestalt (in modernisierter Orthographie), enthält einen hervorragenden Kommentarband.
- Reclam-Universalbibliothek Nr. 1, Faust - Der Tragödie Erster Teil, Stuttgart 2000, ISBN 3-15-000001-7
-
- Als Webausgabe frei zugänglich bei [http://www.digbib.org/Johann_Wolfgang_von_Goethe_1749/Faust_I DigBib.Org]
- Alfred Raab: Unsä Göte: dä Faust und nu mehr Gwärch vom Göte in dä Närmbercher Mundort. Nürnberg: Hofmann, 1990, 95 S., ISBN 3-87191-150-X
Sekundärliteratur (Kommentare)
- H. Arens Kommentar zu Goethes Faust I. Heidelberg 1982, Carl Winter Universitätsverlag, ISBN 3-533-03184-5 Gilt als einer der wissenschaftlichen Standardkommentare. Der denkbar ausführlichste Zeilenkommentar zu Faust I, bietet neuartige, fundierte interpretatorische Zugänge.
- A. Schöne Faust. Kommentare. Enthalten in: Goethe Faust. Frankfurt am Main 1994, Deutscher Klassiker Verlag, ISBN 3-618-60270-7 Ebenfalls ein moderner Kommentar, der nicht unreflektiert alte Lehrmeinungen übernimmt, übersichtlich und prägnant.
- U. Gaier Faust-Dichtungen. Kommentar I. Enthalten in: Johann Wolfgang Goethe Faust-Dichtungen. Stuttgart 1999, Philipp Reclam jun. Verlag, ISBN 3-15-030019-3, Akt-, Szenen- und Zeilenkommentar, der die Offenheit für verschiedene Lesarten betont.
Weblinks
- [http://www.digbib.org/Johann_Wolfgang_von_Goethe_1749/Faust_I Faust I in "Die freie digitale Bibliothek"]
- [http://gutenberg.spiegel.de/goethe/faust1/faust_to.htm Faust I im Projekt Gutenberg-DE (kommerziell)]
- [http://www.ikg.rt.bw.schule.de/virkla/names/schuels/deutsch2/klassfaust Interpretationshilfe zur Gelehrten- und Gretchentragödie]
- [http://www.theaterportal.de/detail_search?stueck=Faust&autor=Goethe Faust im Spielplan deutschsprachiger Bühnen]
- [http://www.heim2.tu-clausthal.de/~kermit/faust.shtml Eine Zeittafel zur Figur des Faust in der Literatur]
- [http://www.heim2.tu-clausthal.de/~kermit/wte/faust.shtml Faust als Spiegel der Geschichte - Ein Vortrag zum Verständnis der Figur des Faust]
- [http://de.wikiquote.org/wiki/Goethe "Zitatsammlung zum Faust"]
- [http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=1666 Faust-Illustrationen von Eugène Delacroix]
- [http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=774 Illustrationen zu Faust und Gretchen von Friedrich Kaskeline]
- [http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=608 Gestalten aus Faust. Silhouetten von Paul Konewka.]
- [http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=703 Faust-Illustrationen von August von Kreling]
- [http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=758 Faust-Illustrationen von Hans Stubenrauch]
Kategorie:Literarisches Werk
Kategorie:Literatur (19. Jh.)
Kategorie:Literatur (Deutsch)
Kategorie:Drama
Kategorie:1808
Kategorie:Faust
Kategorie:Goethe
Deutsche
Als Deutsche bezeichnet man sowohl Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit, als auch Menschen, die eine ethnische Abstammung von deutschsprachigen Menschen aus Mitteleuropa haben. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland definiert "Deutsche" in Artikel 116 sowohl über Staatsangehörigkeit als auch über Abstammung.
Personen mit deutschen Vorfahren in einem anderen Staat, werden häufig als deutschstämmig bezeichnet, auch wenn sie nicht allein deutsche Vorfahren haben. Deutschstämmige, die ihr deutsches Erbe, ihre deutsche Sprache und deutsche Traditionen besonders pflegen, bezeichnen sich teilweise selber auch als Deutsche oder Auslandsdeutsche. Auch Deutsche, die ins Ausland gezogen sind - z.B. aus beruflichen Gründen oder als Rentner - werden oft als Auslandsdeutsche bezeichnet.
Die Staatsangehörigen Österreichs, der Schweiz und anderer deutschsprachigen Länder sind, auch wenn sie Deutsch als Muttersprache sprechen, keine Deutschen, sofern sie nicht auch die Staatsangehörigkeit der Bundesrepublik besitzen oder sich aufgrund ihrer Abstammung kulturell mit Deutschland identifizieren. Es gibt knapp über 100 Mio. Menschen deutscher Muttersprache, wobei weniger als 80 Millionen sich als Deutsche verstehen.
Geschichte und Herkunft
Ursprünge
Die Vorläufer der Deutschen sind in den im wesentlichen östlich des Rheins angesiedelten Germanen, also den Sachsen, Friesen, Thüringern, Franken, Alemannen, Baiern) zu suchen, doch trugen auch die Kelten, Slawen und andere zur Herausbildung der deutschen Ethnie bei, die etwa seit dem 9./10. Jh. in sich selbst ein Volk zu erkennen glaubte, als die Ausbildung eines deutschen Staatswesens im Gefolge der karolingischen Teilungen des Frankenreiches begann. Zwar war es im 19. und zu Beginn des 20. Jhs. üblich, auch für die germanischen Vorläufer der Deutschen diesen Begriff zu verwenden (siehe z.B. Kennzeichnung des Cheruskers Arminius als "Deutschen" oder auch die Bezeichnung "Ludwig der Deutsche"), tatsächlich handelt es sich dabei aber um einen Anachronismus. Erst die Vereinigung einiger bestimmter germanische Stämme in einem Staat bildete die Voraussetzung für ein deutsches Zusammengehörigkeitsgefühl. Zwar lassen sich natürlich Kontinuitäten feststellen, der entscheidende Aspekt des Gemeinschaftsgefühls wird aber vielleicht deutlich, wenn man sich klarmacht, dass ursprünglich z.B. die Sachsen den Dänen und Angelsachsen sprachlich und kulturell weit näher standen als den Baiern und erst die Entstehung des (römisch-)deutschen Reiches aus dem Ostfrankenreich auch die Bindungen der nördlichen zu den südlichen Deutschen intensivierte.
Der Begriff "deutsch" (theodisk), eigentlich: volksmäßig, auf das Volk bezogen, ist ebenfalls seit der spätkarolingischen Zeit belegt und verstand sich zunächst als Abgrenzung zum Romanischen ("Welschen"), wurde in diesem Sinne auch bei den Angelsachsen verwendet, erlangte aber bald die Bedeutungseinengung in Bezug auf das (römisch-)deutsche Reich und dessen Bewohner.
Mittelalter und frühe Neuzeit
Im Zuge der hochmittelalterlichen Siedlungsbewegung nach Osten gingen große Teile der Westslawen, die ab dem späten 6. und 7. Jahrhundert in die von den Germanen während der Völkerwanderung weitgehend geräumten Gebiete eingewandert waren (in etwa identisch mit den neuen Bundesländern, dem östlichen Holstein, dem niedersächsischen Wendland und Teilen Oberfrankens sowie dem östlichen Österreich - siehe Germania Slavica), in der deutschsprachige Bevölkerung auf. Letzte nicht-assimilierte Gruppen dieser Slawen sind die heute sämtlich zweisprachigen Sorben (max. 60.000) und in gewisser Weise auch die kärntner Slowenen in Österreich, welche aber - anders als die Sorben - eine direkte Fortsetzung des slowenischen Siedlungsgebiets im heutigen Slowenien darstellen.
Im Heiligen Römischen Reich, das seit etwa 1500 den Zusatz "Deutscher Nation" trug, bildeten sich unterhalb des Königtums zunehmend souveräne Territorien heraus, deren Untertanen dabei auch eine entsprechende, auf den Kleinstaat bezogene Identität entwickelten: So kämpfte man in Kriegen für seinen Fürsten gegen das Heer des Nachbarfürsten, auch wurde die Art der Religionsausübung im Zeitalter der Reformation nicht von einer gesamtdeutschen Autorität bestimmt (anders als etwa in England oder Frankreich), sondern vom jeweiligen Territorialherren. Daher beschränkte sich eine deutsche Identität naturgemäß auf den sprachlichen und kulturellen Bereich. Dieser wurde allerdings mit der Zeit, vor allem aber auch durch die vermehrte Teilhabe der Bevölkerung an der Schriftkultur, immer wichtiger. Ulrich von Hutten und Martin Luther konnten daher mit ihrem Kampf gegen "welsche" Kirchenherrschaft auf breite Unterstützung bauen. Auch die Barockdichter setzten sich für die deutsche Sprache und gegen Einflüsse anderer Sprachen ein, auch wenn noch beispielsweise Friedrich der Große der französischen Kultur den Vorzug gab, die in der frühen Neuzeit der deutschen Kultur wichtige Impulse gab (Vorbild Ludwigs XIV., Hugenotten). Die deutsche Kultur erfuhr auch von Zuwanderern wichtige Anregungen, genannt seien hier neben den Hugenotten (unter deren Nachfahren sich auch Theodor Fontane findet) z.B. polnische Gelehrte wie Chodowiecki. Auch jüdische Deutsche hatten entscheidenden Anteil am deutschen Geistesleben (Moses Mendelssohn, Heinrich Heine, u.a.). Da Deutschland kein Zentralstaat wie England oder Frankreich war, erfolgte auch die Ausbildung einer deutschen Nation mit deutlicher Verzögerung und erfolgte erst durch die Auseinandersetzung mit dem napoleonischen Frankreich.
Im Laufe der Zeiten wanderten weitere Bevölkerungsgruppen in den deutschen Sprachraum ein, so im 19. Jahrhundert viele Polen und Masuren ins Ruhrgebiet, und assimilierten sich im Laufe der Zeit. Auf der anderen Seite wanderten auch deutsche Bevölkerungsgruppen (aus den Niederlanden, der Schweiz, Deutsches Reich, usw.) in fremdsprachige oder überseeische Gebiete aus, gründeten dort eigene Kolonien oder wurden von der dortigen Bevölkerung assimiliert.
Nationalismus
Einen Wechsel brachte erst die nationalen Bewegungen in der ersten Hälfte und der Mitte des 19. Jahrhunderts (siehe Burschenschaft, Märzrevolution von 1848 unter anderem ). Erst 1871 wurde mit dem Deutschen Reich der erste deutsche Nationalstaat begründet. Seine Einwohner wurden entsprechend als "Reichsdeutsche" bezeichnet. Andere Deutsche hatten ihre Siedlungsgebiete meistens in Vielvölkerstaaten und bezeichneten sich beispielsweise als "Banater Schwaben" oder als "Sudetendeutsche" usw. Für sie wurde hauptsächlich im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus der Sammelbegriff Volksdeutsche verwendet.
Deutschland heute
Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik führten nur diese beiden Staaten noch das Wort "Deutsch" in ihrem Staatsnamen. Seit der Wiedervereinigung wird im Allgemeinen nur noch von Deutschland gesprochen. Wenn heute von Deutschen die Rede ist, sind meist die Einwohner der Bundesrepublik Deutschland gemeint. Aber auch hier haben sich die Menschen regionale Identitätsbezeichnungen bewahrt und bezeichnen sich je nach Kontext beispielsweise als Bayern oder als Niedersachsen.
Länder und Regionen mit deutschsprachiger Bevölkerung
Niederlande
Die Niederländer, (Niederdeutsch-Länder) bewohnen die niederen (flachen) Lande und sind hervorgegangen aus den westgermanischen bzw. deutschen (Teil-)Stämmen der Westfriesen, Niedersachsen und Niederfranken, deren Dialekte sie auch heute noch sprechen. Der Staat ist entstanden nach dem westfälischen Frieden in Münster/ Osnabrück. Ihre Sprache und Kultur sind Niederdeutsch und so bezeichneten sie das Niederländische (dütsche taal der nederen landen) bis ins 20. Jahrhundert (Ende des 2. Weltkrieges), z.B. neederduitsche kerke. Das mundartliche niederdeutsche Wort Dutch aus den Niederlanden für das hochdeutsche Wort Deutsch wurde ins Englische übernommen und meint die Niederländer, obgleich Niederlande mit (the) Netherlands ins Englische zu übersetzen ist. Ihre hochniederländische Schriftsprache ist hauptsächlich aus dem „Niederfränkischen” - ein niederdeutscher Dialekt - entstanden und hat sich von Anfang an gemeinsam mit den niedersächsischen Formen des Niederdeutschen parallel zum Hochdeutschen entwickelt, jedoch keineswegs unabhängig davon.
Als im 18., 19. Jahrhundert homogene Nationalstaaten in Mode kamen, wurde der Begriff "deutsch" in erster Linie von den unter hochdeutschem Einfluss stehenden Gebieten für sich in Anspruch genommen. Mit den damaligen Vorstellungen eines monozentrischen Nationalstaates vertrug sich das Vorhandensein mehrerer Sprachformen, die automatisch Plurizentrismus bedeuteten, nicht. Dies führte einerseits dazu, dass im deutschen Nationalstaat (Deutsches Reich) unter preußischer Führung die im Westen noch angewandte niederländische Schriftsprache durch Einführung der hochdeutschen Amts- und Schulsprache unterdrückt und schließlich verdrängt wurde, andererseits, dass sich die Niederländer vom Begriff "deutsch" langsam zu distanzieren begannen, endgültig aber erst nach dem 2. Weltkrieg. Insbesondere die Erfahrungen des zweiten Weltkrieges verstärkten diese Distanz.
Schweiz
Ebenso wie die Niederländer sind die (ober-)deutschsprachigen Schweizer faktisch seit dem Schwabenkrieg, formell seit dem Westfälischen Frieden, politisch vom Binnendeutschen getrennt. Sie bezeichnen sich zwar weiterhin als Deutschschweizer und ihre Dialekte mit dem Sammelbegriff Schweizerdeutsch beziehungsweise "Schwyzertüütsch", doch betrachten sie sich schon lange nicht mehr als zum deutschen Volk zugehörig. Diese Einstellung wurde durch die Wilhelminische Zeit und dann die Herrschaft des Nationalsozialismus in Deutschland endgültig gefestigt.
Österreich
Das 18. und 19. Jahrhundert war gekennzeichnet durch die Zuspitzung des Konflikts zwischen Preußen und Österreichern um den Vorrang innerhalb des deutschen Staatensystems. Noch in der Revolution von 1848 stritt man sich heftig darum, ob den Österreichern eine Rolle in einem zu bildenden deutschen Nationalstaat zukommen sollte und wenn ja, welche. Diese Fragen wurden 1866 bzw. 1870/71 dadurch gelöst, dass Preußen zunächst den militärischen Sieg über Österreich erzwang und daraufhin die "kleindeutsche" Lösung eines weitgehend preußisch geprägten Deutschen Reiches ohne Österreich durchsetzte. Dennoch bestanden kulturelle und bündnispolitische Verbindungen weiter fort.
Die Österreicher bezeichneten ihren Staat noch 1918 als Deutsch-Österreich und votierten 1919 in Volksabstimmungen in Tirol und Salzburg für einen Anschluss an Deutschland, der durch den Versailler Vertrag allerdings ausgeschlossen wurde. Auch während des Austrofaschismus blieb es sogar die offizielle Richtlinie der Politik, als zweiter deutscher Staat zu gelten. Hatte die Mehrheit der Österreicher dem "Anschluss" am 13. März 1938 noch begeistert zugestimmt, sorgten die darauffolgenden Ereignisse und dann verstärkt die Folgen des Krieges seit 1945 zu einer Meinungsänderung und starken Abgrenzung gegenüber den Binnendeutschen, die auch durch die erfolgreiche Geschichte der 2. Republik unterstützt wurde. So bezeichnen sich die Österreicher heute in ihrer überwiegenden Mehrheit trotz der gemeinsamen Sprache (mit Ausnahme von einigen deutschnationalen Kreisen) nicht mehr als "Deutschösterreicher" oder gar "Deutsche", eine eigene österreichische nationale Identität ist unverkennbar. In der Republik Österreich wird unterschieden zwischen deutsch-, slowenisch- und kroatischsprachigen Österreichern.
Parallel zur Etymologie von Englisch dutch für die Niederländer heißt Österreich auf Arabisch Nimsâ, was eine Ableitung vom slawischen Wort Niemcy für Deutsche (die "Stummen") darstellt: Im osmanischen Reich wurden die Habsburger als "die Deutschen" bezeichnet. Als sich die deutsche und österreichische Nation auseinanderentwickelten, wurde der alte Begriff für Österreich weiterverwendet, während man für Deutschland das Wort Almânija aus westeuropäischen Sprachen neu übernahm.
Südtirol
Südtirol wurde 1919 von Österreich an Italien abgetreten; die deutsche Sprache und Kultur wurde dort zunächst unterdrückt (s. Italianisierung). Auch nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland sollte Südtirol bei Italien verbleiben. Die deutschsprachigen Einwohner (damals 80% der Bevölkerung) wurden bei der so genannten „Option“ vor die Wahl gestellt zwischen einem zukünftigen Leben in ihrer zu Italien gehörenden Heimat, allerdings unter Aufgabe der deutschen Sprache und Kultur, und einer Umsiedlung in damals von Deutschland besetzte Gebiete in Polen oder Galizien. Zwar stimmten 86% der Wahlberechtigten für die Umsiedlung, tatsächlich umgesiedelt wurden jedoch nur Wenige. 1946 wurde Südtirol formal eine Autonomie zugestanden, die jedoch erst mit dem 2. Autonomiestatut von 1972 vollständig umgesetzt wurde. Heute sind etwa 69% der Bevölkerung deutschsprachig, doch nur wenige von ihnen verstehen sich noch als Österreicher oder gar als Deutsche. In letzter Zeit (2005) ist in Südtirol eine Diskussion aufgekommen, ob die deutschen Südtiroler eine deutsche oder österreichische Minderheit in Italien sind. Für Österreich spricht die Tatsache, dass Südtirol lange zu Österreich gehört hat und die österreichische Regierung sie immer im Bestreben unterstützt hat, eine weitgehende Autonomie zu erreichen. In Bezug auf die Sprache gilt in Südtirol im Zweifelsfalle das österreichische Wörterbuch vor dem Duden.
Luxemburg
Auch in Luxemburg haben die kriegerischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts, vor allem die rücksichtslose Politik während der deutschen Besetzung von 1940 bis 1944, zu einer zumindest von offizieller Seite suggerierten emotionalen Trennung von Deutschland und den Deutschen geführt, was sich auch in einer Aufwertung des einheimischen moselfränkischen Dialektes zur vollausgebauten Schriftsprache Luxemburgisch äußert.
Liechtenstein
Siehe auch: Liechtenstein
Das Fürstentum Liechtenstein war im 19. Jahrhundert Mitglied des Deutschen Bundes und hat als einziges Land im deutschen Sprachraum ausschließlich Deutsch als Amts- und Schulsprache.
Belgien
Siehe auch: Flandern, Ostbelgien
weitere
Deutschsprachige Minderheiten leben unter anderem in Belgien, Dänemark, in Frankreich (Elsass und Lothringen), in Italien (Südtirol), in Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Rumänien, wie auch in Israel, Namibia, Brasilien und in den USA.
In den Auswanderergruppen bzw. vertriebenen Gruppen (Deutsche jüdischen Glaubens) erfolgte die Assimilation in unterschiedlichem Maß: viele Einwanderer haben sich völlig an die Kultur des Gastlandes angepasst und zum Teil auch ihre Namen entsprechend geändert (z.B. Schmidt in Smith), andere halten, in mehr oder weniger intensiver Form, kulturelle und folkloristische Traditionen aufrecht. Insbesondere der 2. Weltkrieg trug dazu bei, dass viele Deutsche sich vom deutschen Mutterland eher distanzierten. Traditionsgebunden blieben dagegen vor allem die Hutterer, Alt-Mennoniten und Amische in den USA.
In die USA gab es unterschiedliche Auswanderungswellen. Im 18. Jahrhundert siedelten sich viele Deutsche in New York und Pennsylvania an, darunter insbesonders in Germantown sowie die Gegend um Lancaster (Pennsylvania). Mitte des 19. Jahrhunderts war der Mittlere Westen als Ziel besonders beliebt. Unter den Städten waren Cincinnati, St. Louis, Chicago und Milwaukee die bevorzugten Orte, aber auch viele ländliche Gegenden von Ohio über Illinois bis nach North Dakota wurden von den eher landwirtschaftlich interessierten Auswanderern bevorzugt.
Die vor fast 400 Jahren nach Osteuropa ausgewanderten Deutschen hatten sich ihre kulturelle Identität teils bewahrt, sich aber zum großen Teil auch mit der jeweiligen einheimischen Bevölkerung vermischt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden sie fast zur Gänze vertrieben, flohen oder emigrierten in der folgenden Zeit. Nur noch in Polen, Russland, Kasachstan, Ungarn und in schnell abnehmender Zahl in Rumänien gibt es (nach eigenem Selbstverständnis) noch Minderheiten, die zum Teil von mittelalterlichen oder neuzeitlichen deutschen Auswanderern abstammen.
Die um den zweiten Weltkrieg ausgewanderten deutschen Gemeinschaften haben sich ihre Identität vor allem in Brasilien (Gebiet um Blumenau sowie um Novo Hamburgo in Rio Grande do Sul), Argentinien (Misiones), Chile (beispielsweise Gebiete um Valdivia oder Puerto Montt), Paraguay (unter anderem Mennoniten im Chaco und Schwaben in Itapúa), und in Namibia erhalten. Dort gibt es jeweils auch deutschsprachige Zeitungen, Schulen und ein mehr oder weniger reges Kulturleben.
Siehe auch: Deutschstämmige
Siehe auch
- Demographie Deutschlands
Literaturhinweise
- Heinrich Beck/Dieter Geuenich/Heiko Steuer/Dietrich Hakelberg (Hrsg.): Zur Geschichte der Gleichung "germanisch - deutsch". Sprache und Namen, Geschichte und Institutionen. Ergänzungsbände zum Reallexikon der germanischen Altertumskunde 34. Berlin 2004. ISBN 3110175363. [http://www.degruyter.de/rs/bookSingle.cfm?id=IS-3110175363-1&l=D Inhaltsverzeichnis des Bandes], Rezension von [http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-3-059 Gregor Hufenreuter in H-Soz-u-Kult, 22.07.2004].
Weblinks
- [http://www.press-guide.com/kontakt.htm Auslandsdeutsche Zeitungen weltweit]
Kategorie:Europäische Ethnie
Kategorie:Deutschland
ja:ドイツ人
ko:독일인
Johann Wolfgang von GoetheJohann Wolfgang von Goethe ( - 28. August 1749 in Frankfurt am Main als J.W. Goethe; † 22. März 1832 in Weimar; auch Göthe) ist als Dichter, Naturwissenschaftler, Kunsttheoretiker und Staatsmann der bekannteste Vertreter der Weimarer Klassik. Als Verfasser von Gedichten, Dramen und Prosa-Werken gilt er als der größte deutsche Dichter und ist eine herausragende Persönlichkeit der Weltliteratur.
Weltliteratur
Leben
Herkunft und Jugend (1749–1765)
Weltliteratur
Goethes Vater, Johann Caspar Goethe ( - 1710; † 1782), war im kaiserlichen Rat vertreten. Er ging zunächst auf eine der besten Schulen des Landes, auf das Gymnasium Casimirianum in Coburg, hatte in Leipzig Rechtswissenschaften studiert, am Reichskammergericht in Wetzlar gearbeitet, Reisen nach Rom und Paris unternommen, und sich schließlich in seiner Vaterstadt Frankfurt niedergelassen, wo die Familie in einem geräumigen Haus am Großen Hirschgraben lebte. Er ging dort seinen Neigungen und Interessen nach; so widmete er sich der Zusammenstellung eines Naturalienkabinetts und der Sammlung von Gemälden.
Goethes Mutter Catharina Elisabeth Goethe ( - 1731; † 1808) war eine geborene Textor. Die Tochter des Frankfurter Bürgermeisters hatte mit 17 Jahren den damals 38-jährigen Rat Goethe geheiratet.
Außer der am 7. Dezember 1750 geborenen Schwester Cornelia Friderike Christiana starben alle anderen Geschwister früh. 1758 erkrankte Goethe an den Blattern (Pocken).
Goethe wurde von seinem Vater und durch Privatlehrer unterrichtet; auch erhielt er Unterricht im Reiten und Fechten.
Schon früh interessierte er sich für die Literatur, wobei er sein Augenmerk zunächst auf Friedrich Gottlieb Klopstock und Homer richtete. Mit 14 Jahren bewarb er sich bereits um die Mitgliedschaft in der Arkadischen Gesellschaft zu Phylandria. Auch begeisterte er sich für das Theater – so besuchte er während der französischen Besetzung 1759 häufig das französische Theater im Junghof. 1763 erlebte er ein Konzert des damals 7 Jahre alten Mozart.
Am 30. September 1765 verließ er Frankfurt, um in Leipzig das Studium der Rechte aufzunehmen.
Studium und Geniezeit (1765–1775)
Leipzig
Leipzig (1765–1768)
Von 1765 bis 1768 studierte Goethe in Leipzig. Er hörte dort die Poetikvorlesung von Christian Fürchtegott Gellert und nahm an dessen Stilübungen teil. Auch nahm er Zeichenunterricht bei Adam Friedrich Oeser, dem Direktor der Leipziger Akademie.
Er verliebte sich in Käthchen Schönkopf und besang diese Liebe in heiter-verspielten Versen in der Tradition des Rokoko (Gedichtzyklus Annette).
Auerbachs Keller und die dort beheimatete Sage von Fausts Fassritt 1525 beeindruckten ihn so sehr, dass er später Auerbachs Keller als einzigen konkret existierenden Ort in sein Drama Faust I aufnahm. – Ein Blutsturz zwang ihn, das Studium abzubrechen und am 28. August 1768 nach Frankfurt zurückzukehren.
Frankfurt/Straßburg (1768–1770)
Eine eineinhalbjährige, von manchen Rückfällen unterbrochene Genesungszeit folgte. Während der Rekonvaleszenz wurde er liebevoll von Mutter und Schwester umsorgt. Eine Freundin der Mutter, Susanne von Klettenberg, brachte ihn mit pietistischen Vorstellungen in Berührung.
Im April 1770 verließ er Frankfurt, um dem Wunsch seines Vaters entsprechend in Straßburg sein Studium zu beenden.
In Straßburg lernte er Friederike Brion, eine Pfarrerstochter, kennen. Ihr widmete er einige Gedichte, darunter z. B. „Willkommen und Abschied“, „Sessenheimer Lieder“ und „Heidenröslein“.
Frankfurt und Darmstadt (1771) und dann nach Wetzlar (1772)
Am 31. Aug. 1771 wurde Goethe in Frankfurt als Advokat zugelassen. Damals stand er in Verbindung mit dem Darmstädter Hof, der der Empfindsamkeit huldigte; aus diesem Kreis sind Schlosser und Johann Heinrich Merck hervorzuheben.
Am 10. Mai 1772 ging Goethe zum Abschluss der juristischen Ausbildung als Referendar an das Reichskammergericht in Wetzlar. Er war vom 25. Mai desselben Jahres an Rechtspraktikant am Reichskammergericht. Seine Großtante, Frau Hofrat Susanne Cornelia Lange, die in Wetzlar lebte, vermittelte ihm ein Haus, in dem er zusammen mit Jakob Heinrich Born, einem Bekannten aus der Leipziger Studienzeit und Sohn des Bürgermeisters von Leipzig, wohnte. Nach der unglücklichen Liebe zu Charlotte Buff verließ Goethe Wetzlar am 11. September 1772 wieder.
Er hatte gerade sein Studium der Rechtswissenschaften abgeschlossen und wollte auf Drängen seines Vaters Kenntnisse im Kameralrecht und in der Prozessführung sammeln. Goethes Vater hatte große Pläne mit seinem einzigen Sohn: Sein Ziel war es, ihn zum Schultheißen in Frankfurt zu machen. Daher hatte er seinen Sohn schon früh mit Rechtsbüchern vertraut gemacht und ihn viel auswendig lernen lassen.
Es war nicht so, dass Goethe das Praktikum am Reichskammergericht unwichtig gewesen wäre. Er war durchaus interessiert am Erscheinungsbild des Reichskammergerichtes, da er hoffte, sich daraus ein Bild über die Zustände im Reich machen zu können. Er nahm Veränderungen in der Rechtspraxis wahr und konnte diese als Ganzes überschauen, war sich aber der Lückenhaftigkeit seiner Fachkenntnisse beim Studienabschluss bewusst. Goethe wollte im Sinne von fortschrittlicher, humaner Rechtsprechung und Vollzug und systematisch strukturierten und philosophisch begründeten Gesetzen unter Berücksichtigung von psychischen und sozialen Faktoren arbeiten. Dies lässt sich aus den erhaltenen 28 Akten des Advokaten Goethe ableiten.
Dennoch besuchte er das Reichskammergericht sehr selten und nutzte es kaum als Ausbildungsmöglichkeit. Denn zum einen war er gegenüber der Rechtspraxis skeptisch wegen der Korruption, die er als Ausdruck der zerrütteten Verhältnisse in Deutschland sah. Diese hatte sein Vater schon, als Goethe noch ein Kind war, angeprangert. Zum anderen misstraute er dem Reichskammergericht und den Visitationen zwischen 1767 und 1776. Er glaubte wie viele andere junge Juristen, mit denen er sich im Gasthof »Zum Kronprinzen« traf, nicht, dass diese etwas verbessern könnten. Außerdem behauptet Goethe später, als er Dichtung und Wahrheit niederschreibt, es habe sich schon in seiner Kindheit gezeigt, dass er kaum aus Interesse an den Rechtswissenschaften Jurist werden wollte, sondern vielmehr aus Reiselust.
Nach dem Suizid des Gesandtschaftssekretärs Karl Wilhelm Jerusalem Ende Oktober 1772 kehrte Goethe vom 6. bis 10. November 1772 noch einmal für kurze Zeit nach Wetzlar zurück. Jerusalem war ein entfernter Bekannter von Goethe. Sein Suizid war für Goethe der Auslöser, seinen Roman Die Leiden des jungen Werthers zu schreiben. Darin verbindet er die eigenen Erlebnisse mit seiner angebeteten Charlotte Buff mit dem Schicksal Jerusalems, das er in Gesprächen mit Personen, die kurz vor seinem Tod noch mit ihm zu tun gehabt hatten, ergründete. Der Roman wird ein großer Erfolg und gilt als literarische Initialzündung der Empfindsamkeit und der Sturm und Drang-Literatur.
1774 Lahnreise mit seinen Freunden Basedow und Lavater nach Ehrenbreitstein. Im Anblick der Burg Lahneck: Geistesgruß.
Weimar (1775–1805)
Burg Lahneck
1775–1776 betreibt Goethe einen intensiven Briefwechsel mit Gräfin Augusta Louise zu Stolberg-Stolberg, die in dem adeligen Kloster zu Uetersen lebt.
1776 tritt Goethe als Geheimer Legationsrat in den Staatsdienst des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach ein und bekam weitere politische Aufgaben. Er wohnte sechs Jahre in seinem „Gartenhaus“ (Goethes Gartenhaus), das der Herzog ihm schenkte und dessen umliegenden Garten er als Parkgarten selbst plante und gestaltete. Diesen „Garten am Stern“ bezeichnete er später in seinen Tagebüchern als „untern Garten“. Maßgeblich beteiligt war er auch an der Planung des Landschaftsgartens an der Ilm. Wollte, Gott hätte mich zum Gärtner oder Laboranten gemacht, ich könnte glücklich sein schreibt er in seinem Tagebuch.
Er lernte die Hofdame Charlotte von Stein kennen. Zehn Jahre lang verband die beiden eine innige Beziehung.
Charlotte von Stein schrieb Goethe 1780 sein Gedicht „Wanderers Nachtlied“]]
1779 wird er zum Geheimrat befördert. Die Entscheidung, das Angebot des acht Jahre jüngeren Herzog Carl August in dem Weimarer Mini-Staat ein wichtiges Amt anzunehmen, war eine für politische Reformtätigkeit. Goethe war innerhalb des Kabinetts verantwortlich für eine wachsende Zahl von Zuständigkeiten. Politik blieb – auch nach seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst – ein Feld, dem er seine stetige Aufmerksamkeit schenkte.
In diesen Jahren begann er sich intensiv mit der Naturwissenschaft zu beschäftigen.
Am 23. Juni 1780 wird er als Lehrling in die Weimarer Freimaurerloge Anna Amalia zu den drei Rosen aufgenommen. Der Meister vom Stuhl, Staatsminister Jakob Friedrich Freiherr von Fritsch, sah Goethe mit Skepsis und übergab daher den Hammer an Johann Christoph Bode. Er dachte sogar wegen Goethes Ernennung zum Geheimrat an Rücktritt von seinem Amt als Staatsminister. Zum Gesellen wird Goethe am 23. Juni 1781 befördert, am 2. März 1782 zum Meister erhoben. Wenige Wochen nach dieser Erhebung musste die Loge Amalia ihre Arbeit einstellen, da es in der Freimaurerei in dieser Zeit zu Zerwürfnissen kam.
Der Herzog vermietete ihm 1782 dann ein Haus am Frauenplan, das er ihm 1792 schließlich schenkte. Hier lebte Goethe bis zu seinem Tod. Auch den Garten am Frauenplan gestaltete der Dichter selbst. (1885, nach dem Tod des letzten Enkels und Erben Goethes, wurde das Haus am Frauenplan zum Nationalmuseum erklärt. Da nach dem Zweiten Weltkrieg sehr viel zerstört wurde, kam Karl Foerster nach Weimar und gestaltete den Garten neu).
Aufnahme in den Illuminatenorden am 11. Februar 1783 unter dem Namen „Abaris“, geworben von Johann Christoph Bode.
1777 Erste Reise in den Harz Am 10. Dezember ist er auf dem Brocken; dies gilt als die erste Winterbesteigung dieses Berges. 1783 erfolgt die zweite Reise in den Harz, im darauffolgenden Jahr 1784 die dritte und letzte Harzreise.
1784 entdeckte er den Zwischenkieferknochen am menschlichen Schädel.
Reise nach Italien (1786–1788)
Zwischenkieferknochen
Am 3. September 1786 verließ Goethe fluchtartig die heimischen Gefilde. In Weimar war nur seinem vertrauten Diener und Sekretär Philipp Seidel sein Reiseziel bekannt. Goethe gab sich in Italien unter dem Namen „Filippo Miller“ aus. Die ersten Briefe, welche Goethe nach Hause richtete, waren undatiert. Erst von Rom aus gab er den Nächststehenden Nachricht über seine eigentlichen Entschlüsse und die Absicht, längere Zeit in Italien zu bleiben.
Seinen Aufenthalt in Italien beschreibt Goethe in der Italienischen Reise. In Rom freundete er sich 1786 mit Heinrich Tischbein an, mit dem er 1787 unter anderem nach Neapel reiste. Im selben Jahr entstand auch das berühmte Gemälde Tischbeins, das Goethe als Reisenden in der römischen Campagna zeigt (siehe abgebildetes Detail). Auch Angelika Kauffmann lernte er dort kennen. Goethe beschreibt seinen 15-monatigen Aufenthalt in der „Hauptstadt der Welt“ als Erfüllung eines Lebenstraumes – als „einen zweiten Geburtstag, eine wahre Wiedergeburt“. Er lässt sich als Künstler von der Monumentalität der antiken Bauten inspirieren (Pantheon, Kolosseum, Kaiserthermen u. a.)und studiert antike Skulpturen (Apoll vom Belvedere, Herkules Farnese, Juno Ludovisi u. a.). Darüber hinaus beschäftigt er sich intensiv mit der italienischen Renaissance-Malerei und bewundert neben Michelangelo vor allem Raffael als den Gipfel der abendländischen Kunst und wahren Erneuerer der Antike. In den „Römischen Elegien“ (1795) blickt der Begründer der deutschen Klassik wehmütig auf sein Rom-Erlebnis zurück und äußert den Wunsch einst an der Pyramide des Cestius begraben zu werden. Damit macht er deutlich, dass der Aufenthalt in Rom der entscheidende Anstoß für die Entwicklung einer klassischen deutschen Dichtung war, die an die antike Größe anknüpft.
1788 bis 1805
Etwa ab dem 40. Lebensjahr muss Goethe unbeweglich und steif gewesen sein. Er litt, wie sich später herausstellte, unter schweren Bandscheibenschäden und Verwachsungen mehrerer Brustwirbel.
1795 begann seine Freundschaft mit Schiller, der zuerst als Historieprofessor nach Jena gekommen war. Ihre Freundschaft dauerte bis zu Schillers Tod 1805.
1798 schrieb er die Elegie „Die Metamorphose der Pflanzen“.
Nach 1805
Im Jahr nach Schillers Tod heiratete Goethe Christiane Vulpius, mit der er bereits seit 1789 zusammenlebte und mit der er den gemeinsamen Sohn August hatte.
Am Rande des Erfurter Fürstenkongresses 1808 wurde Goethe von Napoléon I. empfangen, der ihm das Kreuz der Ehrenlegion verlieh.
1814 reiste Goethe in die Rhein- und Maingegenden. 1816 starb seine Frau Christiane. 1817 begann er die „Geschichte seines botanischen Studiums“ „Zeitschrift Zur Naturwissenschaft überhaupt, besonders zur Morphologie“ (bis 1824).
Freundschaft mit Kaspar Maria von Sternberg und Karl Friedrich Zelter.
Goethe starb am 22. März 1832. Seine berühmten letzten Worte sollen „Mehr Licht!“ gewesen sein.
Er wurde am 26. März in der Fürstengruft bestattet. Seine Grabrede hielt Johann Friedrich Röhr, Generalsuperintendent in Weimar.
Nachkommen
Johann Wolfgang von Goethe und seine Frau Christiane hatten fünf Kinder. Außer August, dem ältesten, wurden alle tot geboren oder starben früh. August hatte drei Kinder: Walther Wolfgang ( - 1818), Wolfgang Maximilian ( - 1820) und Alma Sedina von Goethe ( - 1827). August starb zwei Jahre früher als Goethe selbst in Rom. Seine Frau Ottilie von Goethe gebar nach seinem Tod ein weiteres (nicht von August stammendes) Kind namens Anna Sybille, welches nach einem Jahr starb. Alma starb 1844 mit 16 Jahren, Wolfgang starb 1883 und Walther 1885. Alle waren unverheiratet, und so starben die direkten Nachkommen von Johann Wolfgang von Goethe 1885 aus. Wolfgang und Walther, der 1859 Freiherr wurde, vermachten den Nachlass der Großherzogin Sophie und dem Staat Sachsen-Weimar-Eisenach.
Friedrich Georg ( - 1657) (weitere 8 jüngere Geschwister)
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Johann Kaspar G.
+ Katharina Elisabeth Textor
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Johann Wolfgang Cornelia weitere früh Gestorbene
+ Christiane Vulpius |
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August vier früh Gestorbene
+ Ottilie von Pogwisch
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Walther Wolfgang Alma
( - ) Cornelia hatte zwei Töchter: Luise Maria Anna (1774–1811) und Julie (1777–1793; nur 16 Jahre). Luise hatte mit Ludwig Nicolovius neun Kinder. Vier davon waren früh gestorben oder kinderlos. Die anderen fünf Kinder hatten zahlreiche Nachkommen, wovon heute noch einige leben.
Einzelaspekte des Lebens
1859
Goethe ist eine faszinierende Persönlichkeit. Grund dafür ist vor allem seine Vielgestaltigkeit: Diese zeigt sich in vielen Aspekten, die sich gegenseitig erhellen. Jeder dieser Aspekte lässt sich oft über Jahrzehnte hindurch verfolgen und bildet gewissermaßen eine eigene Biografie.
Zwei spezielle Aspekte sind seine Beziehungen zu Frauen – und seine Krankheiten. Wobei diese beiden Aspekte einander insofern entgegengesetzt sind, als Frauen häufig die Anfangspunkte einer Entwicklung in Goethes Leben markieren – ein neues Kapitel wird aufgeschlagen -, während die (teilweise schweren) Erkrankungen häufig Endpunkt, Abschluss, aber auch Flucht kennzeichnen.
Lieben, Liebchen und Liebeleien: Goethe und die Frauen
Anna Katharina Schönkopf (auch „Käthchen“ und „Annette“) (1746–1810): Tochter des Zinngießers Christian Gottlieb Schönkopf, bei dessen Familie Goethe während seiner Leipziger Studienzeit den Mittagstisch nahm.
Dort lernt er 1766 das drei Jahre ältere Käthchen kennen und verliebt sich in sie; eine Liebe, die ihn zur Produktion verspielter Lyrik im Stile des Rokoko anregt (unter anderem die sogenannten Annettenlieder). Im Frühjahr 1768 wird die Beziehung gelöst, die – wegen Goethes extremer Eifersucht – von Anfang an unter Belastungen litt.
Während der Zeit der Beziehung entsteht das Stück Die Laune des Verliebten. In diesem Schäferspiel wird ein eifersüchtiger Liebhaber von seiner Eifersucht geheilt, als er erkennt, dass auch er untreu sein kann.
Auch nach dem Ende der Beziehung schrieb Goethe noch einige Zeit – durchaus galante – Briefe an Anna Katharina. Diese heiratete dann 1770 den achtbaren Juristen Dr. Karl Kanne, der später Vizebürgermeister von Leipzig wurde. Interessant ist, dass er den „von“-Titel von Graf Theodorius von Burgschaften verliehen bekam.
- Susanne von Klettenberg
- Friederike Brion
- Charlotte Buff
- Maximiliane von La Roche, Mutter von Clemens Brentano
- Lilli Schönemann
- Henriette von Lüttwitz
- Charlotte von Stein
- Christiane Vulpius
- Marianne von Willemer
- Ulrike von Levetzow
- Corona Schröter
- Christiane Friederike Wilhelmine Frommann ist Minna Herzlieb. Der Dichter hat ihr mit der Gestalt der Ottilie in seinen „Wahlverwandschaften“ ein unvergängliches Denkmal gesetzt. In Görlitz gestorben und auf dem städtischen Friedhof begraben.
- Anna Amalie von Sachsen-Weimar-Eisenach, Förderin in Weimar
Goethes Freunde
- Friedrich Schiller
- Karl Ludwig von Knebel
- Herzog Karl August
- Johann Peter Eckermann
- Johann Gottfried von Herder
- Friedrich von Müller
Goethes „Widersacher“
- Jakob Michael Reinhold Lenz
- Heinrich von Kleist
Krankheiten
- 1758: Goethe erkrankt an den Blattern (Pocken), die Narbenspuren der Krankheit bleiben ihm bis ins Alter
- 1768: Während der Leipziger Studienzeit kommt es zu einer lebensgefährlichen Erkrankung (Halsgeschwulst und Blutsturz, wohl aus einer tuberkulösen Kaverne), die möglicherweise Ausdruck einer seelischen Krise war. Goethe kehrt nach Frankfurt zurück. Es folgt eine eineinhalbjährige Genesungsphase, die von Rückfällen und Depressionen unterbrochen wird.
- 1801: Er erkrankt an einer Gesichtsrose
- 1805: Nierensteinleiden mit häufigen Koliken
- 1823: Erster Herzinfarkt und Herzbeutelentzündung
- 1830: Erneuter Blutsturz
- 1832: Erneuter Herzinfarkt mit kardiogenem Schock und Lungenödem
Einzelaspekte des Werkes
Naturwissenschaftliche Arbeiten
Lungenödem
In der Weimarer Zeit begann Goethe sich auch naturwissenschaftlich zu beschäftigen, vor allem auf dem Gebiet der Geologie und Botanik. Vor allem in Italien suchte er seine „Urpflanze“. Sein wissenschaftlicher Ansatz als Botaniker: Alles ist Blatt und durch diese Einfachheit wird die größte Mannigfaltigkeit möglich scheint heute allerdings wissenschaftlich widerlegt. Er selbst betrachtete die Farbenlehre als sein naturwissenschaftliches Hauptwerk. Aus physikalischer Sicht gilt seine Farbenlehre heute als wenig naturwissenschaftlich; gerade zu diesem Werk haben sich aber die bedeutendsten Physiker des 20. Jahrhunderts geäußert. In der Zoologie wurde er bekannt durch die Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim Menschenembryo, dessen Fehlen bis zu diesem Zeitpunkt eines der wichtigsten Argumente gegen die Verwandtschaft des Menschen mit den Affen war.
Zu den naturwissenschaftlichen Spätwerken Goethes gehört die Spiraltendenz der Vegetation (1831) in welcher er aufzeigt, dass Lebendiges dazu tendiert, sich in Spiralen zu entfalten.
Mehr Beachtung als die Einzelergebnisse in Goethes naturwissenschaftlichen Arbeiten fand die den Naturstudien zugrunde liegende Wissenschaftsmethodik (Goetheanismus), die sich, anders als die Naturphilosophie der Romantik, als empirisch (nicht spekulativ) versteht und die im Unterschied zum positivistischen Empirismus den Menschen nicht als externen Beobachter, sondern als innerhalb des Beobachteten und als zu diesem gehörend behandelt.
Galerie
Bild:Kupfer zu J. W. Goethe, Das römische Carneval.jpg|Kupfer zu J. W. Goethe, Das römische Carneval
Bild:Die tote Ottilie, der Architekt und Nanny.jpg|Die tote Ottilie, der Architekt und Nanny – Kupferstich zu Goethes Wahlverwandtschaften
Bild:Goethes Wohnhaus am Frauenplan, 1828.jpg|Goethes Wohnhaus am Frauenplan (Weimar), 1828
Bild:Johann Friedrich Bury, Johann Wolfgang von Goethe in seinem italienischen Freundeskreis.jpg|Johann Wolfgang von Goethe in seinem italienischen Freundeskreis
Bild:Goethe, Farbenkreis zur Symbolisierung des menschlichen Geistes- und Seelenlebens, 1809.jpg|Goethe, Farbenkreis zur Symbolisierung des menschlichen Geistes- und Seelenlebens, 1809
Bild:Louis Ernst Moritz, Johann Wolfgang von Goethes Gartenhaus, 1830.jpg|Louis Ernst Moritz, Johann Wolfgang von Goethes Gartenhaus, 1830
Bild:Johann Wolfgang Goethe, Wartburg mit Mönch und Nonne, 14.12.1807.jpg|Johann Wolfgang Goethe, Wartburg mit Mönch und Nonne, 14. Dezember 1807
Bild:Goethe, Italienische Küstenlandschaft - Aquarellierte Federzeichnung.jpg|Goethe, Italienische Küstenlandschaft – Aquarellierte Federzeichnung
Bild:Gartenhaus2.JPG|Goethes Gartenhaus in Weimar
Rezeption
Empirismus
Hauptartikel: Johann Wolfgang von Goethe: Rezeption
Wie kein anderer wurde Goethe schon zu Lebzeiten als unerreichter und unerreichbarer Gipfel deutscher Dichtung stilisiert, wozu sein eigenes Auftreten im Alter zweifellos beitrug.
Goethe ist einer der berühmtesten Autoren der Weltliteratur. Seine Werke gehören in vielen Ländern zum festen Bestandteil des Literaturunterrichts und wurden vielfach vertont und verfilmt.
Werke
Einzelausgaben zu Lebzeiten (Erstausgaben)
Es war eine der besonderen Eigenarten Goethes, begonnene Dichtungen oft Jahre, manchmal Jahrzehnte liegen zu lassen, bereits gedruckte Werke erheblichen Umarbeitungen zu unterwerfen und manches Fertiggestellte erst nach langer Zeit in den Druck zu geben.
Eine chronologische Liste der Werke ist daher insofern schwierig zu erstellen, da der Zeitraum der Bearbeitung häufig unklar, das Jahr des Erstdrucks aber oft nicht mit der dichterischen Entwicklung Goethes korrespondiert. Die folgende Liste orientiert sich im Zweifelsfall am (vermutlichen) Zeitpunkt der Entstehung.
- Die Laune des Verliebten (Schäferspiel), verfasst 1768, im Druck 1806
- Die Mitschuldigen (Lustspiel), begonnen 1769, im Druck 1787
- Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand (Schauspiel), 1773
- Prometheus (Gedicht), 1774
- Neueröffnetes moralisch-politisches Puppenspiel, 1774
- Ein Fastnachtsspiel vom Pater Bray, 1774
- Jahrmarktsfest zu Plundersweilern, 1774
- Götter Helden und Wieland (Farce), 1774
- Clavigo (Trauerspiel), 1774
- Geistesgruß (Gedicht), 1774 Burg Lahneck
- Die Leiden des jungen Werther (Briefroman), 1774, 2. Fassung 1787
- Egmont (Trauerspiel), begonnen 1775, im Druck 1788
- Erwin und Elmire (Schauspiel mit Gesang), 1775
- Wilhelm Meisters theatralische Sendung („Urmeister“, Roman), ab 1776, Im Druck 1911
- Stella. Ein Schauspiel für Liebende, 1776
- Iphigenie auf Tauris (Drama), Prosafassung 1779, im Druck 1787
- Torquato Tasso (Drama), ab 1780, im Druck 1790
- Über den Zwischenkiefer der Menschen und der Tiere, 1786
- Römische Elegien, entstanden 1788–90
- Venezianische Epigramme, 1790
- Faust. Ein Fragment, 1790
- Beiträge zur Optik (Abhandlungen, 2 Bde.), 1791/92
- Der Groß-Cophta (Lustspiel), 1792
- Der Bürgergeneral (Lustspiel), 1793
- Reineke Fuchs (Tierepos), 1794
- In allen guten Stunden (freimaurerisches Bundeslied), 1775
- Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (Rahmenerzählung), 1795
- Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1795/96 [http://gutenberg.spiegel.de/goethe/meisterl/meisterl.htm (Text)]
- Xenien (Gedichte, zusammen mit Friedrich Schiller), 1796
- Faust. Eine Tragödie (entspricht dem ersten Teil des Faust), ab 1797, im Druck unter diesem Titel zuerst 1808 erschienen
- Das Leben des Benvenuto Cellini (Aufsatz), 1797
- Novelle, ab 1797
- Herrmann und Dorothea (Idylle in Hexametern), 1798
- Die natürliche Tochter (Trauerspiel), 1804
- Wilhelm Meisters Wanderjahre (Roman), ab 1807, im Druck 1821, erweiterte Fassung 1829 [http://gutenberg.spiegel.de/goethe/meisterw/meisterw.htm (Text)]
- Pandora (Festspiel), entstanden 1807/08, im Druck 1817
- Die Wahlverwandtschaften, 1809 [http://gutenberg.spiegel.de/goethe/wahlverw/wahlv001.htm (Text)]
- Zur Farbenlehre (wiss. Abhandlung), 1810
- Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (autobiografische Dichtung, 4 Bde.), 1811–33
- Vom Sänger hat man viel erzählt (freimaurerisches Gedicht zum Dank des Sängers), 1815
- Wenn die Liebste zum Erwidern (freimaurerisches Gedicht zur Verschwiegenheit), 1816
- Italienische Reise, 1816/17
- Die guten Weiber, 1817
- Über Kunst und Altertum (6 Bde., zusammen mit Johann Heinrich Meyer), 1816–32
- West-östlicher Divan (Gedichte), 1819
- Einleitung zu den Trauerreden (freimaurerische Trauerrede zum Ableben des Meisters vom Stuhl Ridel), 1821
- Kampagne in Frankreich (Bericht), 1822
- Rede zum brüderlichen Andenken Wielands (freimaurerische Trauerrede), von Goethe vorgetragen am 18. Februar 1830
- Dem würdigen Bruderfeste: „Fünfzig Jahre sind vorüber“ (poetischer Dank für eine Ehrenurkunde seines fünfzigjährigen Maurerjubiläums), 1830
- Faust II. (2. Teil des Faust), 1833 (posthum veröffentlicht)
- Maximen und Reflexionen, 1833 (posthum veröffentlicht)
Ausgaben
- Karl Eibl, Fotis Jannidis und Marianne Willems (Hg.): Der junge Goethe in seiner Zeit, 2 Bde. mit einer (Windows-)CD-ROM, 1998.
Literatur
-
- Karl Otto Conrady: Goethe – Leben und Werk, Artemis Verlag Zürich 1994, 1040 Seiten.
- Richard Friedenthal: Goethe – sein Leben und seine Zeit, Piper-Verlag München
- Nicholas Boyle: Goethe. Der Dichter in seiner Zeit. Aus dem Engl. übers. von Holger Fliessbach. Frankfurt am Main: Insel 2004.
- Bd. 1: 1749–1790. (Insel-Taschenbuch. 3025) ISBN 3-458-34725-9
- Bd. 2: 1790–1803. (Insel-Taschenbuch. 3050) ISBN 3-458-34750-X
- Gero von Wilpert: Goethe-Lexikon, Stuttgart 1998, Kröner, ISBN 3-520-40701-9
- Goethe, Johann Wolfgang, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Leipzig, München 1875–1912, Bd. 9, S. 413ff.
- Wolfram Voigt/Ulrich Sucker, Johann Wolfgang von Goethe, BSB B. G. Teubner Verlagsgesellschaft, Reihe: Biographien hervorragender Naturwissenschaftler, Techniker und Mediziner Band 38, Leipzig 1987
- Renate Wieland: Schein Kritik Utopie. Zu Goethe und Hegel, München (edition text + kritik) 1992, ISBN 3-88377-419-7
- Ekkehart Krippendorff: Jefferson und Goethe, Hamburg (Europäische Verlangsanstalt/Rotbuch) 2001, ISBN 3-43450-210-6 (alles was man von Lehrern über den Politiker und kritischen Zeitgenossen G. nicht erfährt!)
- Ettore Ghibellino: Goethe und Anna Amalia – eine verbotene Liebe, A.J. Denkena-Verlag, Weimar 2003, ISBN 3-936177-02-3
- Peter Matussek: Goethe zur Einführung, Hamburg: Junius, 2002, 2. Aufl., ISBN 3885069725
Weblinks
Originaltexte
- [http://gutenberg.spiegel.de/autoren/goethe.htm Texte aus dem kommerziellen Projekt Gutenberg] (siehe auch: Projekt Gutenberg-DE)
- [http://www.sternenfall.de Gedichte von J. W. Goethe] als HTML/PDF, Verzeichnisse, Wörterbuch (Sternenfall.de)
- [http://corpus.en.kyushu-u.ac.jp/ Goethe-Corpus Für Suche nach Textstellen in Werken und Briefen]
- [http://sciencesoft.at/index.jsp?link=literature&book=Faust1&lang=de Faust I] HTML/XML Version, inklusive Suchfunktion
- [http://literaturnetz.org/autoren/johann_wolfgang_von_goethe Werke von Goethe] im Literaturnetz
- [http://www.digbib.org/Johann_Wolfgang_von_Goethe_1749/ Goethe-Corpus in der freien digitalen Bibliothek]
- [http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/gwb/wbwelcome Goethe-Wörterbuch online]
Weitere Links
- [http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=800 Dieter Borchmeyer: Schnellkurs Goethe]: Knapper und konkreter Überblick über Goethes Leben an den Wirkungsstätten Frankfurt, Leipzig, Straßburg, Italien und Weimar, sowie Beschreibung seiner wichtigsten Dichtungen und nichtpoetischen Schriften vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte.
- [http://weias.ub.uni-weimar.de:8080/DB=4.1/ Goethe-Bibliographie (Teilbibliographie)]
- [http://www.biblint.de/goethe_galerie.html Kommentierte Goethe-Galerie]
- [http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=433 Zeitgenössische Goethe-Porträts]
- [http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=425 Goethe-Plastiken]
- [http://natune.net/zitate/autor/Johann+Wolfgang+von+Goethe Zitate von Goethe]
- [http://www.thorwalds-internetseiten.de/weltbgoetbio.htm Inhaltsübersicht der Goethe-Biografie Karl Otto Conradys, Schwerpunkt: Das Weltbild Goethes]
- [http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/multi_fgh/goethe/index.html Linksammlung der FU Berlin]
- [http://www.goethe-gesellschaft.de Goethe-Gesellschaft in Weimar e.V.]
- [http://www.goethe-museum.com/ Goethe-Museum]
- [http://home.tu-clausthal.de/~gpij Stationen von Goethes Harzreise im Jahre 1784]
- [http://www.bad-bad.de/elsass/goethe.htm Auf den Spuren Goethes im Elsass]
- [http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=1732 Goethe-Denkmäler und Goethe-Erinnerungsorte auf Postkarten]
- [http://www.univie.ac.at/sternberg/ Das Sternberg-Projekt]
- [http://www.kobuli.de/goethe/index.html Maximen und Reflexionen in zufälliger Reihenfolge] (Diesen Link bitte in neuem Browserfenster öffnen)
- [http://www.seilnacht.tuttlingen.com/Lexikon/goethe1.htm Die Farbenlehre Goethes]
- [http://www.garten-literatur.de/Leselaube/goethe/goethe1_gartenfreund.htm Goethe als Gartenfreund, Botaniker und Naturwissenschaftler]
- [http://www-public.tu-bs.de:8080/~wittram/reisen/Th90/goethe.html Geheimaktion der DDR – Goethes Gebeine wurden 1970 konserviert] Braunschweiger Zeitung 18. März 1999
- [http://lorsbach.filo.de/goethe/index.html Goethe und der Orientalist Georg Wilhelm Lorsbach]/Goethe, Lorsbach und ihr Werk „West-östlicher Divan“
- [http://goethe.chadwyck.com/ Weimarer Ausgabe]
- [http://www.rg.fr.bw.schule.de/stewe/faecher/deutsch/goethe/index.htm Literarischer Reiseführer zu Goethe]
- [http://www.anna-amalia.de/ Freimaurerloge Anna Amalia zu den drei Rosen]
- [http://www.angelfire.com/poetry/seidel/ Goethe und sein "Blitz page" Philipp Seidel - Zur Homosexualität des Dichterfürsten]
Goethe, Johann Wolfgang von
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ja:ヨハン・ヴォルフガング・フォン・ゲーテ
ko:요한 볼프강 폰 괴테
simple:Johann Wolfgang von Goethe
Literatur
Literatur war bis in das 18. Jahrhundert das Fachwort für Gelehrsamkeit, neueste wissenschaftliche Publikationen, in seltenerer Nebenbedeutung auch für Schriften der griechischen und lateinischen Antike.
Das Wort bezeichnet, nachdem Literaturzeitschriften und ihnen folgend Literaturgeschichten im 18. und 19. Jahrhundert erfolgreich neue Diskussionsangebote in diese Richtung machten, im weitesten Sinn die sprachlich fixierte Überlieferung:
- zu ordnen nach den „Literaturen“ der einzelnen Nationen, Regionen und Sprachen,
- genauer zu untersuchen in den zentralen literarischen Gattungen,
- zu verstehen in einem historischen Prozess, der Kultur- und Literaturgeschichte.
In der neuen Ausgestaltung übernahm die Literatur im 19. Jahrhundert in den Nationen Rang, den zuvor die Religion als Debatten- und Bildungsgegenstand inne hatte. Ihr Kanon wird im wesentlichen im Gebrauch festgelegt, zu dem sie sich eignen muss: Die Würdigung ihrer „künstlerischen“ Qualität und die Interpretation ihrer Fiktionen stehen seit dem 19. Jahrhundert im Zentrum der Beschäftigung mit Literatur.
Etymologie
Das Wort Literatur ist eine spätere Ableitung des lateinischen littera, der „Buchstabe“. Der Plural litterae hatte dabei die eigenen Bedeutungen „Geschriebenes“, „Dokumente“, „Briefe“, „Gelehrsamkeit“, „Wissenschaft(en)“. Im Französischen und Englischen blieb in lettres und letters die besondere Wortbedeutung „Wissenschaften“ erhalten. Das deutsche Wort Belletristik ging aus dem französischen belles lettres, „schöne Wissenschaften“, „schöne Literatur“ hervor.
Die Literaturbesprechung bestimmt, was Literatur sein soll
Der Prozess, in dem im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert Dramen, Romane und Gedichte zu „Literatur“ gemacht wurden (sie hingen vorher unter keinem Wort zusammen), muss unter unterschiedlichen Perspektiven gesehen werden. Ganz verschiedene Interessen waren daran beteiligt, die „Literatur“ im heutigen Wortsinn zum Gegenstand der Literaturdiskussion zu machen.
Die Literaturdiskussion engte ihr Diskussionsthema auf Fiktionen und Poesie ein - sie wuchs im Gegenzug selbst mit dem jetzt viel breiter besprechbaren Gegenstand. Das Gesamt der Wissenschaften beschäftigte sie zu Beginn des 18. Jahrhunderts - ein gesellschaftsweiter Austausch über Literatur besteht dagegen heute, da Romane, Dramen und Gedichte im Zentrum der Debatte stehen.
Nationale Poesie wird Literatur, wo Gelehrsamkeit Literatur war, 1650-1800
Gedicht
Das Wort „Literatur“ ist im wesentlichen ein Wort des sekundären Diskurses (es findet sich auf Titelseiten von Literaturzeitschriften, in den Bezeichnungen von Lehrstühlen und universitären Seminaren der Literaturwissenschaft, in den Titeln von Literaturgeschichten, in Wortfügungen wie „Literaturpapst“, „Literaturkritiker“, „Literaturhaus“, „Literaturpreis“). Das Wort „Literatur“ ist dabei vor allem ein Wort des Streits und der Frage: „Was ist eigentlich Literatur?“. Es gibt eine Literaturdiskussion und sie legt, ununterbrochen auf der Suche nach neuen Themen, neuer Literatur und neuen Literaturdefinitionen fortwährend neu fest, was gerade für „Literatur“ erachtet wird. Sie tat dies in den letzten 300 Jahren mit solchem Wandel ihres Interesses, dass man für das Wort „Literatur“ durchaus keine stabile inhaltliche Definition geben kann.
Das große Thema des Austauschs über Literatur waren bis weit ins 18. Jahrhundert hinein die Wissenschaften. In der Praxis des Besprechungswesens reduzierte sich der Blick auf die neuesten wissenschaftlichen Publikationen, die rezensiert wurden. Zwischen 1730 und 1770 wandten sich deutsche literarische Journale bahnbrechend der nationalen der Dichtung zu - im territorial und konfessionell zersplitterten Sprachraum war die Poesie der Nation ein Thema, das sich überregional und mit größten Freiheiten behandeln ließ. Die Gelehrsamkeit (die „respublica literaria“) gewann mit Rezensionen der „belles lettres“, der „schönen Wissenschaften“, der „schönen Literatur“ (so die Dachbegriffe, die man wählte, um diese Werke ungeniert in wissenschaftlichen Zeitschriften anzusprechen zu können), ein wachsendes Publikum. Aus dem modischen Ausnahmefall des Rezensionswesens wurde im Verlauf des 18. Jahrhunderts der Regelfall.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts musste im Deutschen das Wort „Literatur“ neu definiert werden. „Literatur“ war, hielt man sich vor Augen, was da besprochen wurde, nicht der Wissenschaftsbetrieb, sondern eine textliche Produktion mit zentralen Feldern. „Literatur“ wurde in der neuen Definition:
- im „weiten Sinn“ der Bereich aller sprachlichen und schriftlichen Überlieferung (sie umfaßt mündlich tradierte Epen ebenso wie gedruckte Noten),
- im „engen Sinn“ der Bereich sprachlichen Kunstwerke.
Nach der neuen Definition war davon auszugehen, dass sich die Literatur in nationalen Traditionssträngen entwickelte: Wenn sie im Kern sprachliche Überlieferung war, dann mussten die Sprachen und die politisch definierten Sprachräume den einzelnen Überlieferungen Grenzen setzen - Grenzen über die nur ein Kulturaustausch hinweghelfen kann. Ein Sprechen von „Literaturen“ im Plural entfaltete sich an selber Stelle. Für die Nationalliteraturen wurden die nationalen Philologien zuständig. Eine eigene Wissenschaft der Komparatistik untersucht die Literaturen heute in Vergleichen.
Die Definition Literatur als „Gesamt der sprachlichen und schriftlichen Überlieferung“ erlaubt es den verschiedenen Wissenschaften, weiterhin in „Literaturverzeichnissen“ ihre eigenen Arbeiten als „Literatur“ zu listen (Fachliteratur). Die Definition im „engen Sinn“ ist dagegen gezielt arbiträr und zirkulär angelegt. Es blieb und bleibt darüber zu streiten, welche Werke als „künstlerische“ Leistungen anzuerkennen sind.
Große Dichtung gegenüber Trivialliteratur: Die Macht der Marktreform, 1680-1800
Das, was zu Literatur gemacht wurde, hing vor 1750 nicht zusammen
Der Markt, aus dem im Lauf des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts die Literatur im neuen Wortsinn gemacht wurde, war zu Beginn des 18. Jahrhunderts klein. Er wies auf der anderen Seite ein erhebliches Potential auf. Das was Literatur werden sollte, hatte keinen eigenen Oberbegriff. Der kritische Diskurs über Literatur zog nach 1730 aus verschiedenen getrennten Feldern einzelne Gattungen zusammen und machte diese zu den „literarischen“. Erst die Poesie- und Literaturgeschichten, die nach 1750 geschrieben wurden, erweckten den Eindruck, dass die Gattungen, die jetzt zusammenhingen, schon immer zusammenhingen.
Eines der Felder, aus dem die Literatur gebildet wurde, war die „Poesie“, von den meisten als die Produktion in Versen defniert. Zu ihr gehörte viel, was nicht Literatur wurde: Im Zentrum stand die Oper, um sie herum gruppierten sich das Oratorium, die Kantate, das Lied und das Ballett im Gattungsspektrum. Auf dem Weg zur Literatur wurde die Poesie bereinigt. Alle musikalischen Bereiche wurden der Musik zugewiesen. Die Poesie sollte sich nach Aristoteles definieren und Tragödien und Epen in Versen Hauptgewicht geben. Die Entscheidung ließ sich nicht ganz durchdrücken. Prosadramen kamen Mitte des 18. Jahrhunderts auf. Sie orientierten sich am Roman, und damit wurde es unumgänglich, den Roman selbst zur | | |