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| Psychiater |
PsychiaterTitel eines Arztes mit zusätzlicher Fachausbildung zum Psychiater. Als solcher beschäftigt
er sich mit der Diagnose, Behandlung und Erforschung von Erkrankungen oder
Störungen des Geistes oder der Seele des Menschen. Dabei betrachtet er insbesondere die
Beziehungen zwischen Körper und Geist und deren gegenseitige Beeinflussung.
Das Fachgebiet des Psychiaters ist die Psychiatrie und überschneidet sich inhaltlich mit der
Psychologie, insbesondere der klinischen Psychologie bzw. der psychologischen Psychotherapie, der
Psychosomatik, der Neurologie und der allgemeinen Medizin.
Im Unterschied zum (nichtärztlichen) Psychologischen Psychotherapeuten ist der Psychiater zum Verschreiben von Medikamenten berechtigt.
Voraussetzungen
- ein erfolgreich abgeschlossenes Studium der Medizin,
- die Approbation als Arzt
- eine Facharztausbildung in einer Krankenhausfachabteilung für Psychiatrie
- die Zusatzausbildung in einer Krankenhausfachabteilung für Neurologie
- Erfolgreiches Ablegen der Facharztprüfung zum Psychiater
Seit einigen Jahren ist zusätzlich eine dreijährige Ausbildung zum Psychotherapeuten für Psychiater und Psychologen möglich, wodurch ein Psychologe den Titel des psychologischen Psychotherapeuten und der Psychiater den Titel Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie erlangt.
Berühmte Psychiater
- Alfred Adler (1870–1937)
- Théophile Alajouanine (1890–1980; Nachfolger von Jean-Martin Charcot an der Salpêtrière)
- Alois Alzheimer (1864–1915; Erstbeschreiber der nach ihm benannten Alzheimerschen Krankheit)
- Hans Berger (1873–1941 Jena; Entdecker des Elektroencephalogramm (EEG); Schüler von Otto Binswanger).
- Eric Berne (1910–1970)
- Otto Binswanger (1852–1929 Jena)
- Eugen Bleuler (1857–1939; Schüler und Nachfolger von Forel im Burghölzli)
- Karl Bonhoeffer (1868–1948)
- Oswald Bumke (1877–1950; Nachfolger von Alzheimer in Breslau und Nachfolger von Kraepelin in München)
- Paul Flechsig (1847–1929 Leipzig)
- Auguste Forel (1848–1931; Burghölzli)
- Sigmund Freud (1856–1939)
- Wilhelm Griesinger (1817–1868; Burghölzli)
- Alfred Hoche (1865–1943)
- Heinrich Hoffmann (1809–1894; auch Autor des Struppelpeters)
- Karl Jaspers (1883–1969)
- Carl Gustav Jung (1875–1961; Burghölzli)
- Karl Ludwig Kahlbaum (1828-1899), erarbeitete neue Gliederung der Krankheitsbilder
- Emil Kraepelin (1856–1926)
- Arthur Kronfeld (1886–1941)
- Elisabeth Kübler-Ross (1926–2004)
- Ronald D. Laing (1927–1989)
- Leo Navratil ( - 1921; österr. Psychiater, der sich v.a. mit der Kunst psychiatrisierter Menschen beschäftigt hat)
- Ernst Gottlob Pienitz (1777–1853) – Psychatriereformer
- Hans Prinzhorn (1886–1933)
- Kurt Schneider (1887–1967)
Weblinks
- Psychotherapeutenkammer Berlin - http://www.psychotherapeutenkammer-berlin.de
- Info-Homepage der Berufsverbände und Fachgesellschaften für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie - http://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.de
- Curriculum - http://www.uke.uni-hamburg.de/kliniken/psychiatrie/wbord_fa.pdf
- Berufsverband deutscher Nervenärzte e.V. - http://www.bvdn.de/public/080/020/010_E3_C.html
- Verzeichnis bei WEB.de - http://dir.web.de/Gesundheit+&+Medizin/%C4rzte+&+Therapeuten/Fach%E4rzte/Neurologen+&+Psychiater/
- Erstkontakt mit einem Psychiater - http://web4health.info/de/answers/psy-psychiatrist-first.htm
Kategorie:Psychiatrie
ArztEin Arzt oder eine Ärztin (v. griech.: αρχίατρος archíatros = der Oberarzt, Leibarzt; zu archiater latinisiert) beschäftigt sich mit der Vorbeugung (Prävention), Erkennung (Diagnose), Behandlung (Therapie) und Nachsorge von Krankheiten und Unfällen.
Die germanische Bezeichnung für den Heilberuf (althochdeutsch lâchi) ist beispielsweise im schwedischen läkare, im englischen leech (Blutegel) oder im Familiennamen Lachmann erhalten ([http://www.dike.de/pfr-tischner/22-spr/ht-etym/worter/legis.htm ausführliche Angaben zur Etymologie]).
In vielen fachsprachlichen Komposita taucht das ursprüngliche griechische Wort (γ)ιατρός bzw. die ältere, gelehrtere Form ἰατήρ auf: iatrogen - durch ärztliches Handeln verursacht, der Psychiater - der Seelenarzt etc.
Allgemeines
Die Funktion des »Arztes« bzw. des »Heilers« ist eine der ältesten der Menschheit. Die Berufssoziologie lehrt, dass ein Berufsstand wie der der Ärzte unter solchen Umständen eine eigene Standesmoral entwickelt, deren bekannteste Form der »Eid des Hippokrates« ist. In krassen Fällen (vgl. die »Triage«) steht sie vor fast unlösbaren Aufgaben. Ihre Intaktheit ließe sich z. B. daran ersehen, ob bei lebensgefährlichen Seuchen die Ärzte nicht desertieren.
Ärzte unterliegen dem Arztwerberecht welches weitgehende Einschränkungen in der Publikation und Veröffentlichungen bedeutet. Ärzte haften ihren Patienten zwar nicht auf Erfolg ihres Handelns, können ihnen aber unter dem Gesichtspunkt der Arzthaftung zum Schadenersatz verpflichtet sein.
Ärzte nehmen im Gesundheitswesen eine Schlüsselposition ein und entscheiden durch ihre Verschreibungspraxis maßgeblich über die Umsatzentwicklung von Pharmaunternehmen, von denen sie durch Pharmareferenten nachhaltig umworben werden.
Deutschland
Die freie Ausübung der Heilkunde ist in Deutschland nur approbierten Ärzten erlaubt, mit festgelegten Einschränkungen dürfen auch Heilpraktiker Kranke behandeln. Spezielle Bereiche der Diagnostik und Therapie werden auch (i.d.R. auf Veranlassung von Ärzten) von Angehörigen der Heilhilfsberufe durchgeführt.
Die Approbation als Arzt setzt ein sechsjähriges Studium der Humanmedizin voraus. Die bundesweit einheitliche Approbationsordnung regelt die Ausbildung des Medizinstudenten bezüglich der Dauer und der Inhalte der Ausbildung in den einzelnen Fächern, sowie der Prüfungen. Diese schließt mit dem Staatsexamen ab. Von Oktober 1988 bis Oktober 2004 war zur Erlangung der Vollapprobation zusätzlich eine 18-monatige Tätigkeit als »Arzt im Praktikum« unter Aufsicht eines approbierten Arztes notwendig. Anschließend an das Studium ist es üblich, dass ein Arzt für mehrere Jahre als Assistenzarzt an einer Klinik arbeitet, um sich auf einem oder mehreren Spezialgebieten der Medizin weiterzubilden und evtl. einen Facharzttitel zu erwerben, der die Voraussetzung zur Niederlassung ist. Niedergelassene Ärzte arbeiten in freier Praxis, ggf. auch mit mehreren Ärzten in einer Gemeinschaftspraxis oder Praxisgemeinschaft.
Jeder Arzt ist Pflichtmitglied der Ärztekammer (Landesärztekammer), in deren Gebiet er seine ärztliche Tätigkeit ausübt. In Deutschland sind derzeit (Stand 2004) 394.400 Ärzte gemeldet, davon sind 88.000 ohne ärztliche Tätigkeit. Die Kassenärztliche Zulassung besitzen 59.000 Hausärzte und 58.900 Fachärzte. In den Kliniken sind 146.300 Ärzte beschäftigt.
Österreich
In Österreich ist man mit der Promotion (dem abgeschlossenen Universitätsstudium) zunächst Doktor der gesamten Heilkunde. Selbständig als Arzt tätig werden kann man auch hier nur, wenn für mindestens drei Jahre im Rahmen des »Turnus« verschiedene (definierte) Disziplinen durchlaufen wurden und die Arbeit hier vom jeweiligen Abteilungsvorstand positiv bewertet wurde. Damit hat man sich das »jus practicandi« erworben: Die Berechtigung zur selbständigen Berufsausführung als Arzt für Allgemeinmedizin.
Schweiz
In der Schweiz ist man nach dem mit dem Staatsexamen abgeschlossenen 6-jährigen Studium zunächst eidgenössisch diplomierter Arzt und als solcher zur Arbeit als Assistenzarzt in Krankenhäusern und Arztpraxen befugt.
Die Ausbildung zur selbständigen Berufsausübung befugten Facharzt dauert je nach Fach zwischen zwei (»praktischer Arzt«) und 8 Jahren nach dem Studienabschluss. Für einen Facharzttitel muss zudem eine Facharztprüfung abgelegt werden. Danach darf sich der Arzt »Facharzt für FMH« nennen. Die Erlaubnis zur Praxiseröffnung ist kantonal geregelt, die Zulassung zur Berufsausübung zulasten der Krankenkassen wird vom Krankenkassenzentralverband Santesuisse erteilt, ist aber nur eine Formalität. Aktuell besteht aber ein Praxiseröffnungs-Stopp, welcher die Berufsausübung zulasten der Krankenkassen einschränkt. Lediglich bei Bedarfsnachweis, z.B. bei einer Praxisübernahme, ist eine Zulassung möglich.
Die jeweilige Fachgesellschaft prüft – soweit dies überhaupt möglich ist –, ob jeder Facharzt seiner Fortbildungspflicht (je nach Fachgebiet 60–100 Stunden pro Jahr) nachkommt.
Seit dem 1. Januar 2005 gilt für die Assistenzärzte und Oberärzte eine durch das landesweit gültige Arbeitszeitgesetz begründete maximale Wochenarbeitszeit von 50 Stunden. Bis dahin waren Verträge mit der Formulierung »Die Arbeitszeit richtet sich nach den Bedürfnissen des Spitals« üblich, wodurch Arbeitszeiten oft über 60 und 70 Stunden pro Woche, ohne finanziellen Ausgleich zu leisten waren.
Auch mit dem neuen Arbeitsgesetz leisten die Assistenzärzte und Oberärzte immer noch knapp 20 % mehr Wochenstunden als die übrigen Beschäftigten im Spital- und weiteren öffentlichen Bereich (42-Stundenwoche). Damit ergeben sich für die Assistenzärzte Stundenlöhne und Gesamtvergütungen die unter denen des Heilhilfspersonal (Krankenschwestern, Physiotherapeuten etc.) liegen.
Für junge Oberärzte gilt Entsprechendes im Vergleich zu Heilhilfspersonal mit Fachausbildung und höherer Dienstaltersstufe (z.B. Intensivkrankenschwestern).
Die Leitenden Ärzte und Chefärzte sind finanziell in der Gesamtvergütung besser gestellt, jedoch sind sie aus dem Arbeitszeitgesetz ausgegliedert und haben damit keinen gesetzlichen Schutz ihrer maximalen Arbeitszeit.
Ärzte in anderen Berufen
- Einige Ärzte sind als Schriftsteller bekannt geworden, etwa Peter Bamm, Gottfried Benn, Georg Büchner, Hans Carossa, Louis-Ferdinand Céline, Michael Crichton, Alfred Döblin, Sir Arthur Conan Doyle, Rainald Goetz, Friedrich Reinhold Kreutzwald, Elias Lönnrot, William Somerset Maugham, Joaquín Navarro-Valls, Walker Percy, Friedrich Schiller, Carl Ludwig Schleich, Arthur Schnitzler, Anton P. Tschechow, Ernst Weiß, William Carlos Williams, und Friedrich Wolf.
- Andere Ärzte sind Politiker geworden: Salvador Allende, Gro Harlem Brundtland, Georges Clemenceau, Howard Dean, Bill Frist, Che Guevara, George Habash, Bernard Kouchner, Jean-Paul Marat.
Statistiken
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Zitate
- Ärzte schütten Medikamente, von denen sie wenig wissen, zur Heilung von Krankheiten, von denen sie weniger wissen, in Menschen, von denen sie nichts wissen. (Voltaire)
- Gleichgewicht
:Was bringt den Doktor um sein Brot?
:a) die Gesundheit, b) der Tod,
:Drum hält der Arzt, auf daß er lebe
:uns zwischen beiden in der Schwebe.
::(Eugen Roth)
- An apple a day keeps the doctor away (Ein Apfel am Tag hält den Arzt fort)
- Wer heilt hat recht! (uralte ärztliche Weisheit)
- Todmüde Ärzte behandeln todkranke Patienten! (aktuelle ärztliche Wahrheit)
Siehe auch
- Liste bedeutender Mediziner und Ärzte
- Approbation, Ärztekammer, Ärztemangel, Arztwechsel, Arztwerberecht
- Medizinstudium
- Gesundheitswesen, Gesundheitswesen Schweiz, Gruppenkonsultation
- Patient, Patientenverfügung, Betreuungsrecht
- Visite, Abrechnungsbetrug
Literatur
- Via medici-Buchreihe: Berufsplaner Arzt; Markus Vieten, Thieme Verlag, ISBN 3131161051
Weblinks
- http://www.aerzteblatt.de: Das deutsche Ärzteblatt
- http://www.aerztezeitung.de: Einzige deutschsprachige Tageszeitung für Ärzte
- http://www.facharzt.de: unabhängige Informations- und Diskussionsbasis für Ärzte, minutenschneller Nachrichtendienst, Abo-finanziert, Werbe-finanziert
- http://www.arzt-auskunft.de: Arzt-Such-Service der Stiftung Gesundheit
- http://www.med-kolleg.de/arzt/: Arztsuche
- http://www.arzt.de: Deutsches Ärztenetz – Informationen aus ärztlichen Organisationen in Deutschland
Kategorie:Heilberuf
ja:医師
ko:의사
BehandlungDie Therapie (v. griech. θεραπεία „Dienst“) bezeichnet in der Medizin die Maßnahmen zur Behandlung von Krankheiten und Verletzungen. Ziel des Therapeuten ist die Heilung, die Beseitigung oder Linderung der Symptome und die Wiederherstellung der körperlichen oder psychischen Funktion.
Um eine entsprechende Therapie auswählen zu können, muss zunächst eine korrekte Diagnose gestellt werden. Wenn eine Therapie aufgrund eines Krankheitsbilds angezeigt ist, spricht man von einer Indikation.
Therapie beruht auf einer direkten oder indirekten Einwirkung des Therapeuten auf den Patienten. Die Möglichkeiten der Einwirkung sind vielfältig: In der Chirurgie wird der Körper des Patienten mit Werkzeugen manipuliert (Operation). Die Innere Medizin stützt sich vorwiegend auf die Verabreichung von Medikamenten (Pharmakotherapie) oder die Entfernung von pathologischen Flüssigkeiten (Punktion von Aszites oder eines Pleuraergusses). Ferner gibt es Strahlentherapien mit ionisierender Strahlung (v. a. gegen bösartige Tumoren) oder mit einzunehmenden bzw. eingebrachten, strahlenden Substanzen (Radioiodtherapie gegen einige Geschwülste der Schilddrüse, Kontaktbestrahlung von inoperablen Tumoren mittels implantierter Kapseln), aber auch Lichttherapien bei Hautkrankheiten oder Depressionen oder die Elektrokrampftherapie unter Kurznarkose zur Durchbrechung einer schweren Depression.
Ein wichtiger Teil der meisten Therapien ist die Kommunikation zwischen Therapeut und Patient. Sie stellt sicher, dass die Behandlung den subjektiven Bedürfnissen des Patienten gerecht wird, und verbessert die Möglichkeiten des Patienten, selbst auf einen günstigen Krankheitsverlauf hinzuwirken. Die psychiatrische Therapie stützt sich sogar vorrangig auf Methoden systematischer Kommunikation.
Gewöhnlich muss die Wirksamkeit eines Therapieverfahrens einer Überprüfung nach wissenschaftlicher Methode standhalten können, um von der Medizin als anerkannt zu gelten (siehe auch: evidenzbasierte Medizin). Dennoch werden, vor allem außerhalb von Krankenhäusern und Arztpraxen, oft Methoden eingesetzt, die diese Anforderung nicht erfüllen. Siehe hierzu: Alternativmedizin, Naturheilkunde.
Eine Therapie ist
- kausal, wenn sie die krankheitserregende Ursache beseitigt oder dies zumindest anstrebt (also z. B. die verantwortlichen Bakterien einer bakteriellen Lungenentzündung direkt antibiotisch bekämpft), siehe Kausaltherapie
- symptomatisch, wenn sie sich lediglich auf das Lindern vorhandener Beschwerden und nicht auf die auslösende Ursache richtet (z. B. schleimlösende Hustenmittel bei akuter Bronchitis oder Asthma-Spray im Asthma-Anfall)
- kurativ, wenn sie die Genesung des Patienten (von mindestens einer definierten Krankheit) zum Ziel hat
- palliativ, wenn man gegen ein fortschreitendes Grundleiden nur noch krankheitsbegleitend Komplikationen vorbeugt oder lindert (z. B. operatives Wiederaufweiten der bösartig zugewucherten Atemwege bei Bronchialkarzinom zur besseren Atmung, aber ohne Absicht der vollständigen Heilung)
- supportiv, wenn die unerwünschten Nebenwirkungen einer (meist antitumorösen) Behandlung behandelt werden (z. B. Brechreiz lindernde Medikamente bei Übelkeit durch zytostatische Chemotherapie)
- kalkuliert, wenn es aus Erfahrung (z. B. unverhältnismäßiger Aufwand in der Allgemeinmedizin) oder bei akuter Lebensgefahr nicht praktikabel ist, eine gesicherte Diagnose anzustreben bzw. abzuwarten, und man gleich auf Verdacht beginnt zu behandeln (z. B. sofortige Gabe von Antibiotika bei Verdacht auf bakterielle Hirnhautentzündung)
- elektiv, wenn der Zeitpunkt des Eingriffs relativ frei bestimmt werden kann (wie bei vielen ambulanten Operationen)
- frustran, wenn sie vergeblich ist (z. B. frustrane Wiederbelebung)
- prophylaktisch, wenn es die vorsorgliche Behandlung einer noch nicht ausgebrochenen, aber sicher oder doch wahrscheinlich zukünftig auftretenden Erkrankung ist (z. B. eine spezielle Diät schon vor Auftreten erster Symptome bei gewissen, in Routineuntersuchungen festgestellten angeborenen Stoffwechselkrankheiten: siehe Screening).
Die Impfungen sind so gesehen meist nur eine Stärkung des Körpers gegen die Anfälligkeit zukünftiger, sich noch nicht direkt anbahnender Krankheiten (Schutzimpfungen) und damit keine Therapie im engeren Sinne; es sei denn, eine Infektion ist ziemlich sicher erfolgt, die Inkubationszeit des Erregers aber noch nicht vollständig durchlaufen (der Erreger also noch nicht "angegangen"), und man kann im strengeren Sinne therapeutisch impfen (z. B. bei Verdacht auf Tollwut) und den Erreger so quasi "überholen", so dass er auf ein vorbereitetes Immunsystem trifft.
Übertriebene Therapie (und Diagnostik) nennt man Polypragmasie, eine unangemessene Therapie (und Diagnostik) ist eine Fehlbehandlung oder gar ein Kunstfehler und kann zu Behandlungskomplikationen führen.
Unter Selbsttherapie kann von Therapieabstinenz bis hin zu Kräutern und psychosomatisch als heilsam empfundenen alltäglichen Massnahmen alles mögliche verstanden werden. Beispielsweise sind Yoga, die Asanas, klassisch ein aktiver Weg, oft verglichern mit passiver Massage.
Siehe auch: Psychologie, Physiotherapie
ErkrankungEine Krankheit ist eine Störung der körperlichen, kognitiven und/oder seelischen Funktionen, die die Leistungsfähigkeit oder das Wohlbefinden eines Lebewesens subjektiv oder intersubjektiv deutlich wahrnehmbar negativ beeinflusst oder eine solche Beeinflussung erwarten lässt.
Sozialversicherungsrechtlich ist unter Krankheit ein regelwidriger, vom Leitbild des gesunden Menschen abweichender Körper- oder Geisteszustand zu verstehen, der ärztlicher Behandlung bedarf. Auf die Tatbestandsvoraussetzungen einer Arbeitsunfähigkeit kann nicht zurückgegriffen werden; ist jedoch Arbeitsunfähigkeit gegeben, liegt ohne Weiteres auch Krankheit vor.
Abwesenheit von Krankheit ist eine notwendige, aber laut WHO nicht hinreichende Voraussetzung für Gesundheit.
Synonyma und Ableitungen
Erkrankung, Morbus, Nosos
Systematik
Systematische Einteilungen der Krankheiten waren in der Vergangenheit ständigem Wandel unterworfen (vgl. Liste historischer Krankheitsbezeichnungen). Die moderne Einteilung der Krankheiten kann grob organbezogen nach den Hauptdiagnosegruppen (MDC, Major Diagnostic Categories) erfolgen.
Eine genauere Einteilung erlaubt die Internationale Klassifikation der Krankheiten ICD-10, bzw. für den onkologischen Bereich entsprechend der ICD-O.
Ursache von Krankheiten
Die Krankheitsursachen sind mannigfaltig. Bei vielen Krankheiten kann man keine einzelne Ursache dingfest machen, sondern nur Risikofaktoren herausarbeiten (siehe z.B. Herzinfarkt oder ungelöster, länger andauernder, schwächender Konflikt, vgl. Prof. Dr. med. Alexander Mitscherlich: "Krankheit als Konflikt" Suhrkamp 1966 und andere Autoren).
Krankheitsbegünstigend bzw. -verursachend ist oft auch ein Konflikt, aus dem sich der Patient, ohne es zu wissen, in einen Krankheitsgewinn flüchtet, von dem er bis zur Genesung profitiert, während der Konflikt an Wichtigkeit verliert und vom Patienten aus neuen Blickwinkeln mit Lösung gesehen werden kann. Liegt ein objektiv feststellbares, ärztlich behandelbares Symptom vor, muss die Krankheit auf herkömmliche, anerkannte Weise behandelt werden. Ein Ansprechen des Konflikts mit dem Patienten empfiehlt sich nicht, weil er davon noch kränker werden kann, nur um den Zusammenhang zwischen Konflikt und Symptom verdrängen zu können.
Typen von Krankheiten
Krankheiten können grob nach Typen eingeteilt werden:
- Erbkrankheiten (durch Vererbung verursacht)
- Infektionskrankheiten (durch Infektionen verursacht)
- Kinderkrankheiten
- Unfälle und Verletzungen (durch Außeneinwirkung verursacht)
- degenerative Erkrankungen (durch Entartung von Organen oder Gliedern, meist über Generationen, verursacht)
- Autoimmunkrankheiten (das Immunsystem bekämpft gesunde Zellen)
- Tumorkrankheiten (Zellen entarten und wachsen unkontrolliert)
- Iatrogene Erkrankungen (durch Behandlung verursacht)
- Zivilisationskrankheiten (falsche Ernährung, Bewegungsmangel u.a.)
- Mangelkrankheiten
- Wohlstandskrankheiten
Mit der gesellschaftlichen Bedingtheit von Erkrankung und Krankheitsverläufen sowie der staatlichen Steuerung des Gesundheitswesens beschäftigt sich die Medizinsoziologie.
Die gesellschaftliche Diskussion um die Abgrenzung von Krankheit zur Gesundheit wird in der Fachwelt mit Begriffen wie Healthism, Disease Mongering und Medikalisierung geführt.
Mit einer seelisch-körperlichen Betrachtungs- und Heilweise, unter Berücksichtigung der emotionalen und sozialen Ursachen sowie der Persönlichkeit und des Lebensschicksals des Patienten befasst sich die Psychosomatische Medizin.
Krankheitsverlauf
Der Krankheit selbst geht das Krankheitsvorfeld voraus, das durch die Anamnese ermittelt wird. Krankheit führt - behandelt oder unbehandelt - zu Heilung, Remission, einem Rezidiv (oder mehreren Rezidiven), Leiden oder Tod.
Häufig verwendete Begriffe, die den zeitlichen Verlauf beschreiben:
- akut = plötzlicher Beginn (z. B. grippaler Infekt)
- subakut = allmählicher Beginn (z. B. Hepatitis B)
- chronisch = längerer Verlauf (z. B. Multiple Sklerose)
- chronisch rezidivierend = immer wieder auftretend (z. B. "chronische" Bronchitis)
- foudroyant (oder: fulminant) = "blitzartig" einsetzend und verlaufend (z. B. Apoplexie)
Siehe auch
- Liste der Krankheiten, Krankheitserreger, Gesundheit, Prävalenz, Krankheitsgewinn, Krankheit als Metapher
Weblinks
- [http://www.sgipt.org/medppp/krank/iwk1.htm Zum Begriff 'krank' in der Medizin mit Blick auf Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie]
- http://www.hilfsorganisationen.de/MENUE/Krankheiten/ - Unterkategorie des Portals
- [http://www.akweb.de/fantomas/fant_s/fant007/07.htm Identitätspolitik in der Peripherie. Über Kranke und "Riskante" in der Normalisierungsgesellschaft, aus Fantômas 7/2005]
http://www.onmeda.de/krankheiten/index.html - Krankheiten auf onmeda.de
als:Krankheit
ja:病気
ms:Penyakit
simple:Disease
zh-min-nan:Pīⁿ
StörungStörung bezeichnet die Abweichung eines Vorgangs von seinem festgelegten oder vorausberechneten Verlauf aufgrund einer unvorhergesehenen endogenen (d.h. eigenverursachten) oder exogenen (d.h. fremdverursachten) Einwirkung.
Technik
Störungen in technischen Systemen können Ursachen in deren Hardware oder deren Software haben.
Störungen, insbesondere in technischen Anlagen, können für die Betroffenen negative Auswirkungen haben. Deshalb werden diese Anlagen meist überwacht, damit Störungen schnell erkannt und behoben werden können.
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Verwandte Begriffe:
- Ausfall, Versagen
- Fehler
- Schaden
- Störfall
- Havarie
- Unfall
- GAU
Archäologie
Eingriff in einen geschlossenen Fundhorizont durch später erfolgte Aktivitäten (wie Drainage, Raubgrabung, Tiefpflügen oder Überbauung).
Rechtswesen
Im Vertragsrecht, insb. im Schuldrecht könnenen Störungen bei Vertragserfüllung durch Schlechterleistung, Verzug oder Untergang auftreten. Je nach anzuwendenem Recht (Handelsrecht, Bürgerlichers Recht, Zivilrecht etc.) wird auch von Leistungsstörung bzw. Zahlungsverzug gesprochen. Der Verursacher hat i.d.R. für den auftretenden Schaden Ersatz zu leisten, so er sich mit Hilfe seiner Geschäftsbedingungen bzw. der Vertragsgestaltung im Voraus keine entsprechenden Freiräume hat einräumen lassen.
Meteorologie
In der Meteorologie sind Störungen Schlechtwetterereignisse, die z. B. durch das Eindringen eines Tiefs in ein Hochdruckgebiet entstehen.
Geologie
In der Geologie sind Störungen oder Störungsflächen tektonisch bedingte Trennflächen im Gestein, an denen sich Gesteinskörper gegeneinander verschieben oder verschoben haben. An der Erdoberfläche bilden sie sich als Störungslinien ab, die dem Schnitt zwischen der tektonischen Fläche und dem Gelände entsprechen. Häufig fallen sie mit dem Lauf von Fließgewässern zusammen. Siehe auch Geologische Störung.
Physik
In der Physik wird beispielsweise folgender Ablauf als Störung bezeichnet: In einem Magnetfeld sind elektrische Ladungen, die in ihrem Magnetfeld (meistens dargestellt als Netz) ihre Bahnen ziehen. Es kann zu einem Aufprall einiger Ladungen nach geraumer Zeit, wenn sich ihre Bahn langsam verändern, kommen, was dazu führt, dass das Netz sich gegebenenfalls verändert und/oder krümmt, so dass alle Bahnen der Ladungen sich verändern und es öfters zu Aufprällungen kommt, wie zum Beispiel bei der Sonne mit den Sonnenflecken, wo man vermutet, dass durch diese Aufprällungen, Sonnenflecken entstehen. Dieser ganze Vorgang wird als Störung bezeichnet, weil es zu Veränderungen anderer Bahnen von Ladungen kommt.
Allgemein ist eine gravitationelle Einwirkung eines Körpers auf einen anderen gemeint.
Kerntechnik
Ereignis bzw. Ereignisablauf, bei dessen Eintreten der bestimmungsgemäße
Betrieb der Anlage oder die Tätigkeit fortgeführt
werden kann und für den die Anlage ausgelegt ist oder für den bei der Tätigkeit
vorsorglich Maßnahmen und Einrichtungen vorgesehen sind. (siehe dagegen Störfall. siehe auch Sicherheitsebene)
Psychologie
Die Psychologie untersucht unter anderem Persönlichkeitsstörungen.
Konzentrationsstörungen können ein Anzeichenen für ernsthafte medizinische oder psychische Probleme sein oder einfach nur von Schlafmangel herrühren.
Störungen durch Lärm, andere Menschen oder unvorhergesehene Ereignisse, die den Handlungsablauf stören, gehören zum normalen Erleben eines Menschen. Treten sie jedoch allzu häufig auf oder nehmen gar Überhand, können sie zu Stress und anderen psychischen Folgen führen, welche die Lebens- aber auch Arbeitsqualität eines Individuums verringern.
Siehe auch:
- Störungssuche
- Störungsverfolgung
Kategorie:Ereignis
Seele
Etymologisches
Das Wort Seele (griech.: psychä, pneuma, lat.: anima, altnordisch: sál, litauisch:siela ) stammt vom althochdeutschen se(u)la ab, was "die zum See Gehörende" bedeutet. Nach germanischer Vorstellung waren die Seelen der Ungeborenen und der Verstorbenen Teil eines Mediums ähnlich dem Wasser (Duden-Universalwörterbuch, Mannheim, 2003).
Im übertragenen Sinne wird mit Seele auch ein wichtiges Element eines Gegenstands, eines ideellen Objektes oder mehrerer Menschen bezeichnet.
Der englische Begriff soul deckt sich nicht völlig mit dem deutschen Begriff Seele. Der Begriff soul versteht sich praktisch nur als religiöse Vorstellung einer von Gott geschenkten und nach dem Tod weiterlebenden Seele. Im Deutschen hat der Begriff Seele ebenfalls einen religiösen Hintergrund und wird häufig auch durch den Begriff Psyche (aus dem Griechischen) oder Geist ersetzt.
Begriff - Systematisches
Der Begriff wird in unterschiedlichen Zusammenhängen mit verschiedenen Bedeutungen benutzt. Diese Bedeutung wird vor allem in der Philosophie, in der Religion und in der Psychologie verwendet.
Seelen-Begriffe in der Philosophie
Die klassischen Philosophen (insbesondere Platon, Descartes sowie Thomas von Aquin) lehren die Unsterblichkeit der Seele. Diese folgt aus der Tatsache, dass die Seele eine immaterielle, einfache, d. h. nicht zusammengesetzte Substanz ist. Weil sie nicht aus Teilen besteht, kann sie auch nicht zerstört werden bzw. vergehen. Die Gegenthese besagt, dass das Wesen der Seele der eines Computerprogrammes gleicht. Schaltet man den Computer aus, "verschwindet" das Programm und bleibt nicht erhalten (ist also nicht "unsterblich").
Seele bei Platon
Seele bei Platon wird in drei Teile geteilt:
- in die Vernunftseele (logistikon), das Denken und das Teilhaben durch Erkenntnis an den "Ideen": modern gesprochen an den "Naturgesetzen": den Strukturen (Logos), die die kosmische Welt, die soziale Welt und die psychische Welt aufbauen;
- in die Affektseele (thymoeides) [wie Vertrauen, Zuneigung, Liebe, Angst, Hass, Neid...]
- und die Triebseele (epithymätikon) [wie Nahrungs-, Sex-, Schlaftrieb.]
Für Platon ist nur der Vernunftseelen-Anteil der Seele (Psyche) unsterblich.
Seele bei Aristoteles
Für Aristoteles bedeutet Psychologie die Untersuchung der Seele. Seinem Grundsatz treu bleibend, dass Form und Stoff immer als Einheit existieren, definierte Aristoteles die Seele als "Funktionsweise eines Körpers, die so organisiert ist, dass sie Träger vitaler Funktionen sein kann". In seiner Annahme von der essenziellen Verbindung von Seele und Körper widerlegte er die Pythagoreische Lehre von der Seele als einer spirituellen, im Körper gefangenen Einheit. Aristoteles' Lehre ist eine Synthese der früheren Vorstellung, dass die Seele nicht unabhängig vom Körper existieren kann, und der platonischen Idee von der Seele als einer gesonderten, nichtkörperlichen Ganzheit. Aufgrund der Funktionsweise der Seele werden die moralischen und intelektuellen Seiten der Menschheit entwickelt. Nach Aristoteles ist das menschliche Denken in seiner höchsten Form (griechisch: nous poetickos, "aktives Denken") nicht auf einen bloßen mechanisch- physischen Vorgang reduzierbar. Jedoch setzt ein solches Denken auch ein individuelles "passives Denken" voraus, welches über die physische Natur der Dinge nicht hinausgehen kann. Somit hat Aristoteles die Beziehung Zwischen dem menschlichen Verständnis und den Sinnen, entsprechend der späteren empirischen Auffassung, dass sich Wissen auf Sinneserfahrung stützt, klar dargelegt. Er schrieb:" Nichts existiert im Denken, was nicht schon vorher in den Sinnen existiert hätte" Empirismus
...
Seele bei Descartes
...
Seele bei Kant
Kant unterscheidet drei Wirklichkeitsbereiche: empirische, transzendentallogische und postulatorische Wirklichkeitsbereiche. „Seele“ gehört nach Kant dem postulatorischen Wirklichkeitsbereich an. Das sei erläutert.
Nach Kant hat jedes Erkennen nur mit Erscheinungen zu tun, nie aber mit den Dingen an sich: so wie sie unabhängig vom begrifflich wahrnehmenden Bewusstsein (= unabhängig von den wahrnehmenden menschlichen Verstandes- und Vernunftstrukturen) sind. Dennoch gibt es nach Kant objektive Welterkenntnis, insofern die Erkenntnisorgane bei allen Menschen gleich sind und so ein gleiches zwischenmenschlich feststellbares Wissen (objektives Wissen) möglich ist.
Kant nennt „Realität“ nicht nur die Wirklichkeiten der empirischen Welt, sondern auch die Wirklichkeiten der intelligiblen Welt. Zur intelligiblen Welt gehören nach Kant zunächst einmal die wahrnehmenden menschlichen Verstandes- und Vernunftstrukturen, deren Wirklichsein sich dem zeigten, der nach der Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt fragte: „Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht sowohl (nur) mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen überhaupt beschäftigt, so fern diese vor aller Erfahrung möglich sein soll.“ (Kant, Reine Vernunft B, Seite 43 (=B 25) Diese Erkenntnisstrukturen werden von Kant beschrieben in der „Kritik der reinen Vernunft“, in der „Kritik der praktischen Vernunft“ und in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“. Kant nennt solche Verstandes- und Vernunftstrukturen-Wirklichkeiten (Realitäten) auch „Apriori-Wirklichkeiten“, weil sie nicht abstrahierend gewonnen würden nach irgendwelchen Erfahrungen (a posteriori), sondern weil diese unabhängig von irgendwelchen Erfahrungen vor aller Erfahrung (a priori) im Welt-Ganzen vorlägen: im Verstandes-Bereich von erkennenden Lebewesen als für sich existierende Bewusstseins-Erkenntnis-Strukturen, die man nicht auflösen könne als bzw. reduzieren könne auf „gewonnen aus der Erfahrung durch Abstraktion“, wie die Empiristen glauben.
Aber Kant kennt noch eine dritte Art von Realität: die Postulaten-Realitäten der moralischen (praktischen) Vernunft: „unsterbliche Seele“ und „Gott“. >Postulat< bezeichnet eine notwendige Annahme, um einen Sachverhalt sinnvoll bestehen lassen zu können. Wer den Vernunft-Begriff anwende auf Handlungen, wie sie moralisch sein sollen, müsse denkerisch zwingend die Existenz einer unsterbliche Seele und die Existenz Gottes annehmen, weil die moralische Vernunft Handlungen verlange, die zu einem Widerspruch führten zwischen dem Glückseligkeitsverlangen und dem Moralischsein. Kant selbst erläutert diesen Widerspruch nicht, er ist für ihn wohl zu offensichtlich und aufgrund seines individualistischen Personwürde-Begriffs nicht ausformuliert. Man kann diesen Widerspruch so erläutern: Menschen leben als einzelne nicht vereinzelt, sondern als Teil einer Gemeinschaft, eines Ganzen. Als Individuen hängen sie in ihrer Existenz immer von den Existenzbedingungen des Ganzen ab, von dem sie ein Teil sind. Wer die Existenzbedingungen eines Ganzen verbessern will, erleidet oft existenzielle Nachteile: man wird angefeindet, verfolgt, eingekerkert oder umgebracht. Was also rational für die Lebensentfaltung eines Ganzen ist, nämlich dass sich einzelne selbstlos für es einsetzen, bedeutet oft Irrationalität für die Lebensentfaltung von einzelnen, die sich für dieses Ganze einsetzen. Dieser Widerspruch lasse sich nur unter der Annahmen auflösen, dass es Gott und eine unsterbliche Seele gäbe. Selbstverständlich kann man sich moralisch für andere einsetzen und dabei erhebliche Selbstopfer in Kauf nehmen, wenn man rein emotional handelt oder aufgrund von metaphysischen Irrtümern (z. B. Belohnung im Jenseits aufgrund moralischen Gutseins). Nur wären das rein emotionale Handlungsmuster oder Irrtümer und keine vernunft-kritischen Gründe.
Dabei ist es für Kant wichtig festzustellen, dass dieser reine Vernunftbegriff von "unsterblicher Seele" kein Beweis für das Existieren einer unsterblichen Seele ist, sondern – so könnte man formulieren – die eine "unsterbliche Seele" wird transzendentallogisch als wahr erkannt, was etwas anderes ist als ontisch (realitätshaft an-sich) wahr. „Transzendentallogisch wahr“ bedeutet für Kant: wahr für das erkennende Bewusstsein in dem Sinne, dass dem Bewusstsein die "unsterbliche Seele" als wahr erscheint als eine unleugbare Bewusstseins-Wirklichkeit. Aber nach Kant wäre es „transzendentaler Schein“, wollte man transzendentallogische Realitäten (Bewusstseins-Wahrheiten, Bewusstseins-Realitäten) als reine Vernunftbegriffe schon für ontische Realitäten (ontische Wahrheiten) halten: der „reine Vernunftbegriff, d.i. eine bloße Idee, deren objektive Realität dadurch, dass die Vernunft ihrer bedarf, noch lange nicht bewiesen ist" (KANT, B 620). Kant will damit sagen, dass wir zu leichtfertig denken, wenn wir die Realität eines Dinges nur deshalb annehmen, weil sein Begriff uns etwas Erfahrbares erklärt. Notwendige Erklärungsbegriffe schon für Realitäten zu halten, ist für Kant transzendentaler Schein: Richtig zu denken sei aber, dass die Existenz von reinen Erklärungsannahmen rein von der Vernunft aus nicht zu beweisen sind – aber auch nicht zu widerlegen, vielmehr sei der ontologische Status (ob real oder nicht) von Erklärungsannahmen rein von der Vernunft her unentscheidbar! Dennoch seien reine Vernunftbegriffe Entitäten (Realitäten), auf die ein Lebewesen mit Verstand nicht verzichten könne: sie seien ihm als Lebewesen mit Verstand einfachhin gegeben, also eine Verstandesrealität, die man durch transzendentallogische Reflexion (durch die Weise von Kant reflexiv zu erkennen) entdecken können.
Seelen-Begriffe in den Religionen
Seelen-Begriff im Judentum
Laut der Bibel ist die Seele entstanden, nachdem Gott Lebensodem (Geist) in den Körper, der aus Erdreich geformt war, gehaucht hat (1. Mose 2,7). Daher ist die Seele nach dem Tod nicht mehr vorhanden, da der Geist zu Gott zurück (Pred. 12,7) und der Körper zurück ins Erdreich (1. Mose 3,19; Pred. 12,9) geht und keine Empfindung mehr möglich ist. Sie ist nicht mehr wahrnehmbar, im "Unwahrnehmbaren" (so die wörtliche Übertragung des griechischen "Hades" bzw. des hebräischen "Scheol", oft mit "Totenreich" übersetzt).
"Der HERR tötet und macht lebendig; er führt in den Scheol hinab und führt herauf" (1. Samuel 2:6). In den Hades gehen die Seelen aller Menschen, ob gläubig oder nicht (Joh. 5:28-29; Hiob 3:11-19, 14:13; Hes. 32:18-32; Ps. 31:17; Dan. 12:2).
Als Redefigur (Synekdoche) beschreibt es ein Wesen vom Blickpunkt seiner Empfindungen aus. Sie bezeichnet die Genüsse, sowohl die geringeren, die der Mensch abgibt, als auch die besseren, die er dafür erhält (Seele verlieren und erhalten). Es gibt zahlreiche Schriftstellen, welche die Beziehung zwischen der Seele und den Sinnen erläutern (5. Mose 12,20; 23,25; Psalm 107,18; Jesaja 32,6 u. a.). Die Seele ist also auch die Empfindung, die erst durch die Verbindung eines organischen Körpers mit Odem oder Geist (Lebenskraft) entsteht.
Seelen-Begriff im Christentum
Die Vorstellung einer "unsterblichen Seele" als eigentlicher Identitätsträger des Menschen gegenüber einer sekundären Leiblichkeit (wie im Platonismus) ist den biblischen Texten fremd. Das semitische Menschenbild, wie es sich auch in den alttestamentlichen Texten widerspiegelt, ist nicht analytisch (wie das platonische), sondern synthetisch: Die Wirklichkeit ist komponiert aus verschiedenen Aspekten. "Fleisch" ist der Organismus des Menschen im Blick auf seine Sterblichkeit, "Seele" ist zunächst die "Kehle", der "Atem", der einen lebendigen Organismus von einem toten unterscheidet. Das "Herz" ist nicht - wie bei uns - Sitz der Gefühle, sondern der Gedanken und Entscheidungen. Sitz der Gefühle sind die Eingeweide: die "Nieren", vor allem aber die "Gebärmutter" - im Blick auf das Gefühlsleben ist dann auch vom Mutterschoßgefühl von Männern die Rede! Was den Menschen besonders belebt, ist der "Geist", wörtlich der "Windhauch", der von außen kommt und dem Menschen eingeblasen wird - entweder als göttliche Inspiration oder als dämonische Besessenheit. So kann Paulus im Neuen Testament davon sprechen, dass wir jetzt einen "Seelen-Leib" haben, in der Totenauferweckung aber einen "Geist-Leib" erhalten werden. Erst die Rezeption des Platonismus, zunächst durch das hellenistische Judentum (mit seinem Zentrum im ägyptischen Alexandria, dem Harvard-Yale-Princeton der antiken Welt), dann im Christentum macht die Idee einer unsterblichen Seele als nachtodlichem Identitätsträger in den biblischen Religionen heimisch. In den mystischen Strömungen des Judentums wurde diese Seelelehre weiter entfaltet, im orthodoxen und katholischen Chrisentum ist sie Teil der traditionellen Lehre, im zeitgenössischen Protestantismus wurde sie zum Teil aufgegeben zugunsten einer Ganztod-Hypothese (der ganze Mensch, Leib und Seele, stirbt im Tod; der ganze Mensch wird von Gott aus Gnade vollendet.)
Seelen-Begriff im Islam
(notwendige, noch auszufüllende Leerstelle)
Seelen-Begriff im Hinduismus
Alle mehr oder weniger bewusstseinsfähigen Lebewesen bestehen nach hinduistischer Auffassung aus drei unterschiedlichen Wirklichkeiten: aus einem sterblichen Körper, einem sterblichen Bewusstsein und einer unsterblichen, von Lebewesen zu Lebewesen wandernden Atman-Seele. Die Atman-Seele ist nichts rein Geistiges, Imaterielles wie das denkende und empfindende Bewusstsein, sondern sie ist eine sehr feinstoffliche Substanz, vergleichbar dem Licht, sie ist eine fein- und lichtstoffliche Wirklichkeit. Wenn der Mensch aus mehreren Wirklichkeiten besteht, dann ist die Atman-Seele die tiefste Wirklichkeit im Menschen, das tiefste Selbst. Aber diese tiefste Wirklichkeit ist nicht mit der menschlichen Person identisch, die wir mit „ich“ bezeichnen, sondern die Atman-Seele reicht über das Ich hinaus und wird in anderen Lebewesen wiedergeboren.
Die Reinkarnations-Lehre bedeutet deshalb nicht, dass jemand als Person wiedergeboren wird. Die Person des Menschen besteht nämlich aus einem individuellen Körper (z.B. männlich, schlank, klein, krankheitsanfällig) und einem individuellen Bewusstsein (z.B. Charakter, Zielvorstellungen). Beides aber vergeht im Tod. Nur der überpersonale Teile von einem bleibt erhalten, nämlich die Atman-Seele.
Dass nach hinduistischer Auffassung nicht ein personal-unsterbliches Selbst der tiefste Kern der Person, sondern die überpersonale Atman-Seele, ist nicht leicht vorstellbar, weil man sich durch das denkende Bewusstsein ständig als Ich-Persönlichkeit erfährt, die empfindet, nachdenkt, sich Ziele setzt... Ein Hindu könnte zum Verständnis darauf vergleichend hinweisen, dass man als 10-Jähriger eine andere Persönlichkeit hatte als mit 35 oder mit 60 Jahren. Und so wie man im Laufe des Lebens zu einer anderen Persönlichkeit werden kann, so kann auch die Atman-Seele im Laufe ihrer Wiedergeburten zu anderen Personen werden.
Die Hindus lehren, dass man erfahren könne, mit dem göttlichen Brahman eins zu sein. Diese Erfahrung ist in Worten kaum wiederzugeben, weil alle Begriffe ihr gegenüber viel mehr falsch als richtig sind. In dieser Wirklichkeitserfahrung weitet sich das Bewusstsein ins Unendliche, es ist ohne Grenzen, und man erfährt sich aufgehoben in einer Wirklichkeit unaussprechlichen Lichts und unaussprechlicher Einheit, die Brahman genannt wird. Aufgrund dieser Einheitserfahrung lehren die Hindus, dass die eigene tiefste Wirklichkeit, der Atman, eins ist mit dem göttlichen Brahman.
Wer erfahren hat und deshalb zutiefst weiß, dass alles Viele eigentlich mit Brahman eins ist, ist nicht mehr ängstlich an das Viele (weltliche Wirklichkeiten) gebunden, er sammelt dadurch kein neues Karma mehr an, er wird so nicht mehr wiedergeboren und geht damit im Tod ganz ins Brahman ein. Karma bezeichnet das Geprägtsein der Atman-Seele durch gutes und schlechtes Denken und Handeln, und das Karma bestimmt die Art der Wiedergeburt. Und zwar hinterlassen die Sinneswahrnehmungen, das Denken und Handeln in der Atman-Seele Eindrücke. Und diese Eindrücke verändern den Grad der Feinheit und Lichtheit des Atman-Seelenstoffes. Gutes Denken und Handeln machen die Atman-Seele feinstofflicher und lichter, schlechtes Denken und Handeln machen die Seele gröber und dunkler.
Manche Hindus verstehen das Einssein des Atman mit dem Brahman pantheistisch: So wie ein Salzklumpen sich im Wasser auflöst, so geht der Atman im göttlichen Brahman auf; so wie die Flüsse ins Meer eingehen, so gehen die Atmans ins das göttliche Eine ein. Das Atman ist identisch mit dem Brahman.
Und manche Hindus verstehen das Einssein des Atman mit dem Brahman panentheistisch: beim Eingehen der Atman-Seelen in das Brahman lösen die Atmans sich nicht im göttlichen Brahman auf, sondern behalten einen Eigenstand. Das Atman ist mit dem Brahman unauflöslich verbunden.
Es ist nicht einfach, die Einheit des tiefsten Selbst (Atman) mit dem Brahman zu erfahren. So wie man normalerweise wahrnimmt, kann man zwar das Viele erkennen, aber nicht das göttliche Eine, das in allem bzw. bei allem Vielen gegenwärtig ist. Um das göttliche Eine erfahren zu können, muss man seine Wahrnehmungs-Art ändern. Die Konzentrationstechniken des Yoga und die Askese (Enthaltung, Verzicht) wollen helfen, die Wahrnehmungs-Art so zu ändern, dass man das göttliche Eine wahrnehmen kann.
Die Askese dient dazu, dass das Bewusstsein mehr Freiheit erlangt gegenüber den weltlichen Bedürfnissen. Die Askese kann sich auf das Essen und Trinken durch Maßhalten und Fasten beziehen, auf die Sexualität durch sexuelle Enthaltsamkeit (Keuschheit), auf Herrschaft und Macht durch Gehorsam gegenüber Vorgesetzten oder auf Besitz durch Armut.
Das Yoga dient dazu, dass das Bewusstsein sich konzentrieren lernt und sich selbst in seinen vielen unbewussten Teilen kennenlernt. Nach jahrelanger Übung kann das Bewusstsein vielleicht dann auch die Erfahrung machen, dass seine tiefste Wirklichkeit, der Atman, eins ist mit dem göttlichen Brahman.- Weisheitslehrer wie Krishnamurti u.a. haben allerdings auch immer wieder betont, daß Menschen die Einheit mit dem Brahman sehr spontan erfahren können.
Seelen-Begriff im Buddhismus
Im Gegensatz zu hinduistischen Anschauungen kennt der Buddhismus, basierend auf den überlieferten Lehrreden des Siddhartha Gautama, des historischen Buddha, keinen unwandelbaren und unsterblichen überpersonalen Wesenskern. Ausdrücklich im Kontrast zum hinduistischen Atman, prägt er den Begriff des Anatman, des „Nicht-Selbst“.
Die Vorstellung es gäbe ein Ich, eine abgegrenzte Person oder ein Selbst ist demnach bereits eine grundlegende Täuschung über das Wesen der Wirklichkeit. Was Menschen als ihr „Selbst“ bezeichnen ist vielmehr ein ständig im Wandel begriffenes Zusammenspiel der fünf Daseins- oder Aneignungsgruppen (Sanskrit: Skandhas): des materiellen Körpers mit seinen Sinnesorganen, der Empfindungen, der Wahrnehmung der Welt, der Geistesformationen (Interessen, Willensregungen, Sehnsüchte und Tatabsichten) und letztlich des Bewußtseins. Wie ein Wagen eine zusammengesetzte Wirklichkeit, bestehend aus seinen Einzelteilen, ist, entsteht die Vorstellung eines Selbst aus dem Zusammenwirken dieser Daseins- oder Aneignungsgruppen.
Wie soll es aber eine Wiedergeburt geben können, ohne dass man an eine Anatman-Seele glaubt? Nach Buddha wird der Kreislauf der Geburten dadurch aufrechterhalten, dass ein karmisch geprägtes Seelen-Bewusstsein im Augenblick der Zeugung eine neue Person mit verursache: Ein aus guten Tatabsichten erwachsenes Bewusstsein suche sich nach dem Tod seines bisherigen Besitzers einen ihm entsprechenden guten Mutterschoß mit günstigen Erbanlagen und veranlasse die Entwicklung eines neuen Wesens, ohne selbst in dieses überzugehen. Das neue Wesen entspreche in der Qualität seiner Existenzform genau der Qualität der Tatabsichten des ihr voraufgehenden Seelenbewusstseins. Das neu entstandene Wesen sei aber keine völlig andere Person als die ihr voraufgehende, weil jede Existenzform von ihrer voraufgehenden geprägt sei und aus ihr hervorgehe wie eine Flamme, die an einer anderen entzündet wird. Das Seelen-Bewusstsein ist also wie eine Billardkugel, die eine andere Billardkugel in der Bewegung verursacht, oder wie ein Katalysator, der einen chemischen Prozess auslöst und im Produkt dieses Prozesses nicht mehr enthalten ist. Trotz des Fehlens einer Substanz zwischen den Existenzformen einer Wiedergeburtenkette gilt es als möglich, sich der vielen Existenzen zu erinnern, die eine Kreislaufgeburtenkette ausmache.
Seelen-Begriff der Psychoanalyse
Nach Ansicht der von Sigmund Freud geprägten Psychoanalyse liegen sämtlichen Handlungen des Menschen Motive aus unserer Seele (Psyche) zu Grunde. Als Motiv werden in diesem Zusammenhang Antriebsgründe und Beweggründe bezeichnet, die den Handlungen psychisch letztlich zugrunde liegen.
Als Psyche wird hier das System bezeichnet, welches Wahrnehmen und Denken begründet und die affektiven und rationalen Motive unserer Handlungen begründet. Das System des Organismus bezeichnet hierbei ein Gebilde, dessen wesentliche Elemente (Teile) so aufeinander bezogen sind, dass sie eine Einheit (ein Ganzes) bilden. Systeme organisieren und erhalten sich demnach durch Strukturen.
Als Struktur wird das Muster (die Form) der Systemelemente und ihrer Beziehungsgeflechte bezeichnet, durch die ein System funktioniert (entsteht und sich erhält). Die Motive unserer Handlungen werden nach Freud hierbei in drei prinzipiell unterscheidbaren Strukturen gegliedert: das Ich, das Es und das Über-Ich (siehe Sigmund Freud).
Zum frühen Ich zählte Freud auch den sozialisationsgebildeten Charakter eines Menschen: die bewusstseinsfähigen Emotionen und Bedürfnisse, die in Art und Intensität aus den Grundtrieben des Es durch den Sozialisationsprozess geformt worden sind. Dabei bezeichnete Freud die sozialisationsgeformten Emotionen und Bedürfnisse als >Triebabkömmlinge des Es im Ich<. Das Es mit seinen angeborenen Triebimpulsen wird hier mit einem Baumstamm verglichen, aus dem das frühe Ich als Krone herauswächst. Deswegen nennt Freud diesen Teil des Ichs ein Produkt des Es: er ist aus dem Material des Es (Grundtrieben) entwickelt worden. Man sollte die Emotionen und Bedürfnisse aber unter das Es subsumieren, weil dies begrifflich klarer und weniger verwirrend ist. Man ist vielleicht verführt, die Emotionen und Bedürfnisse zum Ich zu zählen, weil man alles Bewusste mit dem Ich gleichsetzen möchte und die Emotionen und Bedürfnisse ja bewusst werden können. Aber nicht alles Bewusste gehört zum Ich, denn Überichinhalte können bewusst werden. Und nicht alles Unbewusste gehört zum Es, wie die Überichinhalte zeigen. Bei allen drei psychischen Strukturen gibt es Bewusstes, Unbewusstes und Vorbewusstes ( = was bewusst gelernt wurde, aber zu einem unbewussten Habitus wurde wie Autofahren, Fremdsprache...). Zum Beispiel kann ein durch Ich-Einsatz bewusst eingeübtes Handeln automatisiert werden und damit vorbewusst sein. Und was man bewusst erlebt hat, kann im Gedächtnis versinken, es kann vergessen werden und damit unbewusst sein, aber auch wiedererinnert werden.
Zu den Elementen des Ichs zählt man zuallererst die Bewusstseinsleistungen des Wahrnehmens, des Denkens und des Gedächtnisses, weil sie dem Ich helfen, seiner spezifischen Aufgabe gerecht zu werden, nämlich realitätsgerecht (konfliktauflösend) zwischen den Ansprüchen aus dem Es, dem Überich und dem Sozial-Außen zu vermitteln – also um psychische und soziale Konflikte konstruktiv zu lösen. Ein Kriterium dafür, ob das Ich realitätsdicht oder realitätsfern an der Entfaltung des Lebens orientiert ist, ist das Freisein von destruktiven Sozial- und Individualkonflikten über längere Zeit und die Fähigkeit des Ich, Konflikte konstruktiv lösen zu können. Weil nur das Ich realitätsgerechtes Handeln zu sichern vermag, heißt das, dass nur das Ich ein wahrhaft menschliches Handeln zu sichern vermag. Diese Teile der Psyche sind keine Produkte des Es wie die Emotionen und Bedürfnisse, weil diese nicht aus dem Es hervorgehen durch den (An)Passungskonflikt zwischen Trieben und sozialisierender Umwelt, sondern weil sie ihre eigene, davon abgehobene spezifische Entwicklung durchlaufen.
Mensch - Tier
In vielen Kulturkreisen wie auch in der Antike wurden sowohl die physische Ähnlichkeit zwischen Menschen und Tieren, gleichzeitig aber auch die Unterschiede (Sprech- und Denkfähigkeit, Werkzeuggebrauch) erkannt.
Schöpfungsmythen beantworten diesen Unterschied durch eine dem Menschen innewohnende Seele, die Tieren nicht gegeben ist.
Der Ursprung dieser Seele liegt in dieser Sichtweise generell im Bereich des übernatürlichen (Religion).
- Sie wird oft mit der Fähigkeit des Menschen, moralisch zu urteilen und zu handeln, verknüpft.
- Tieren wird dagegen selten die Fähigkeit zugesprochen, zwischen "Gut" und "Böse" zu unterscheiden.
Die geistige Seele gibt dem Menschen die Fähigkeit, über seine Handlungen zu reflektieren, und damit auch die Verantwortung für sein Handeln. Insbesondere das Reflexionsvermögen und das Verantwortungsvermögen hängen eng mit der Einmaligkeit des Individuums und seiner Persönlichkeit zusammen (siehe Selbstbewusstsein).
Die genaue Beschaffenheit der Seele, ihre Funktion und Bedeutung sowie ihr Ursprung wird in den Religionen und in den Wissenschaften unterschiedlich verstanden.
Wissenschaftlicher Diskurs
Der Begriff Seele ist identisch mit dem aus dem Griechischen abgeleiteten Wort Psyche. Im Wissenschaftsbetrieb wird allerdings heute kaum je von Seele, sondern fast ausschließlich von Psyche gesprochen. Die Seele ist nach vorherrschender wissenschaftlicher Auffassung an ein funktionierendes Nervensystem gebunden. Sie sterbe zusammen mit dem Körper oder - beim Hirntod - auch schon vor dem Körper.
Mit der Seele befassen sich folgende Wissenschaften:
Die Psychologie, die Psychoanalyse, die Verhaltensforschung, die Kognitionswissenschaft, die Neurowissenschaften, die Anthropologie und die Endokrinologie. Sofern man die Philosophie zu den Wissenschaften zählt, so befasst auch sie sich mit der Seele (Leib-Seele-Problem).
Die Forschungen zum Nahtodeserlebnis (engl. near-death experience, NDE) oder die Reinkarnationsforschung werden oft als Pseudowissenschaften abgelehnt.
Wissenschaftler bewerten Erkenntnisse zur Seele (wie alle Menschen) unter der Sichtweise ihrer Weltanschauung.
- Rein materialistische oder reduktionalistische Wissenschaftler spekulieren, dass die psychologisch betrachteten Vorgänge sich letztendlich auf das komplexe Zusammenspiel biochemischer, elektrischer Prozesse und die Eigenschaften komplexer Systeme des Menschen zurückführen lassen könnten.
- Die Seele ist demnach identisch mit elektrischen bzw. biochemischen Vorgängen im Gehirn, die zwar noch zu einem guten Teil unbekannt, aber grundsätzlich mit den Naturgesetzen vereinbar sind.
Siehe auch: Materialität der Seele
Zitate
- Der Körper ist ein Mietwagen, den man irgendwann abgeben muss. Nichts spricht dagegen, dass der Fahrer bleibt. Aber es spricht auch nichts dafür. (Peter Ustinov)
- Und im Wissen, dass die Seele den Körper überlebt, brennt er nicht ungeduldig darauf, den Sieg der Wahrheit im gegenwärtigen Körper zu erleben. (Mahatma Gandhi [sanskrit: Große Seele])
- Seele lebt, weil Gott sie liebt (Harold Klemp, derzeitiger spiritueller Führer von Eckankar, einer kleinen religiösen Gemeinschaft, welche die Seelenreise als zentralen Glaubenssatz vermittelt)
- Wisse wahrlich, daß die Seele ein Zeichen Gottes ist, ein himmlischer Edelstein, dessen Wirklichkeit die gelehrtesten Menschen nicht zu begreifen vermögen, und dessen Geheimnis kein noch so scharfer Verstand je zu enträtseln hoffen kann. Sie ist von allen erschaffenen Dingen das erste, das die Vollkommenheit des Schöpfers verkündet, Seine Herrlichkeit anerkennt, sich an Seine Wahrheit hält und sich in Anbetung vor Ihm niederbeugt. (Baha'u'llah)
- Das Denken ist das Selbstgespräch der Seele. (Plato, griechischer Philosoph, Begründer der abendländischen Philosophie)
- Verzichten wir auf die Illusion, in der Seele eine immaterielle 'Substanz' zu sehen, dann leugnen wir nicht deren Existenz, sondern wir beginnen im Gegenteil, die Komplexität (...) zu erkennen, die zusammen das Wesen ausmachen, das sich in uns einmalig und unwiderleglich selber bezeugt. (Jacques Monod, Zufall und Notwendigkeit, Philosophische Fragen der modernen Biologie)
- Die große Frage, die ich trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag, lautet: Was will eine Frau? (Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse)
- "Der Begriff "Seele", "Geist", zuletzt gar noch "unsterbliche Seele", erfunden, um den Leib zu verachten ..." (Friedrich Nietzsche)
Literatur
Bücher
- Appiah, Kwame Anthony: Thinking it Through - An Introduction to Contemporary Philosophy. 2003, ISBN 0195134583
- Norbert Bischof: Das Kraftfeld der Mythen. 1998, ISBN 3492226558
- Reinhard Breuer: Das Rätsel von Leib und Seele; über das Verhältnis von Geist und Körper. Aus der Reihe »Bild der Wissenschaft«
- Christian Geyer(Hrsg.): Hirnforschung und Willensfreiheit. 2004, ISBN 3518123874
- Hasselmann/Schmolke: Welten der Seele, Archetypen der Seele, Weisheit der Seele, Wege der Seele. Goldmann Verlag
- Gerd Jüttemann: Die Seele - Ihre Geschichte im Abendland.
- Hans-Jörg Ronsdorf: Und die Toten leben doch - Die Unsterblichkeit der Seele. 1992, ISBN 3-89397-227-7 [http://www.sermon-online.de/search.pl?lang=de&id=7303&title=&biblevers=&searchstring=&author=0&language=0&category=0&play=0&tm=2 PDF Online]
- Russel, Bertrand: The Analysis of Mind. 1921, ISBN 1588277097
- Steven Schwartz: Wie Pawlow auf den Hund kam.
- Josef Seifert: Das Leib-Seele-Problem und die gegenwärtige philosophische Diskussion, eine systematisch-kritische Analyse. Zweite, korrigierte und erweiterte Auflage. Darmstadt 1989, ISBN 3534-07713-X
- Terrill Willson; Wie ich Seelenreisen lernte.
- P.G. Zimbardo: Psychologie. Springer Verlag, Ein Lehrbuch der Psychologie
- Dieter E. Zimmer: Die Vernunft der Gefühle.
Aufsätze
- Hermann Levinson, Anna Levinson: Vögel und Schmetterlinge als Erscheinungsform der menschlichen Seele. Naturwissenschaftliche Rundschau 58(10), S. 531-536, 2005,
Film
- Ghost - Nachricht von Sam ("Ghost") (USA, 1990) mit Whoopi Goldberg, Patrick Swayze, Demi Moore /
- Hinter dem Horizont
- Im Zeichen der Libelle
Siehe auch
Seelsorge, Internetseelsorge, Telefonseelsorge, Seelenwanderung, Außerkörperliche Erfahrung, Leib-Seele Problem, Anam Cara
Weblinks
- [http://psydok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2004/102/ Philosophische Dissertation, die u.a. ausführlich auf die Leib/Seele/Geist-Problematik eingeht]
- [http://www.firmenseele.de •Betrachtung einer Firmenseele in einem Unternehmen]
- [http://omnibus.uni-freiburg.de/~manfrin/lsp.html Ausführliche private wissenschaftlich Betrachtung]
- [http://www.hans-hass.de/Energon/427_431_Ueber_das_Wort_Seele.html Philosophische Betrachtung von Prof. Dr. Hans Hass, Wien]
- [http://www.zdf.de/ZDFmt/mediathek/ZDFmt_video_cont/0,3498,MT-2222833--MD-2095427-hi--3,00.html ZDF-Video: Johannes B. Kerner: Thema "Tod und Sterben"]
- [http://www.theologie-systematisch.de/anthropologie/1grundbegriffe.htm Aktuelle Literatur zum Leib-Seele-Verständnis des Menschen]
- [http://www.lucretius.de Lukrez: Die Sterblichkeit der Seele in 'de rerum natura']
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PsychiatrieDie Psychiatrie (von griechisch ψυχιατρική [επιστήμη], psichiatrikí [epistími] – [die Wissenschaft der] Seelenheilkunde, von Psyche – die Seele und iatrós – der Arzt) ist das Gebiet der Medizin, das sich mit der Diagnostik, Therapie und Prävention der psychischen Krankheiten befasst. Unter psychischen Krankheiten versteht man Erkrankungen, deren Symptome und Zeichen sich im psychischen Bereich (Wahrnehmung, Denken, Gedächtnis, Affektivität, Antrieb, Verhalten) äußern. Es gibt psychische Krankheiten, welche eine diagnostizierbare körperliche Ursache haben. Ebenso gibt es psychische Krankheiten, deren Ursachen nur unvollständig bekannt sind. Ein Teil der psychischen Erkrankungen und Störungen ist vorwiegend biologisch bedingt, ein anderer Teil beruht auf komplexen Wechselwirkungen zwischen biologischen und psychosozialen Faktoren.
Der Begriff "Psychiatrie" wird in etwas abfälligem Sinn auch für psychiatrische Krankenhäuser bzw. deren geschlossene Abteilungen verwendet.
Weil psychiatrische Erkrankungen vor allem in früheren Zeiten gesellschaftlich stigmatisiert waren, fällt es vielen Menschen schwer, ein solches Leiden an sich selbst zu erkennen. Viel häufiger werden von den Erkrankten selbst die Ursachen des Leidens in einer körperlichen Störung oder beim sozialen Umfeld gesucht. Dies kann im Extremfall, speziell bei Erkrankungen aus dem Kreis der Psychosen bis hin zu ausgedehnten Verschwörungstheorien gehen, an denen nicht nur Nachbarn, Ärzte, Anwälte und Richter, sondern auch Regierungen ferner Staaten, Zeitungen und Fernsehen beteiligt sein sollen. Diese Verkennung der Realität, zusammen mit der offensichtlichen Diskrepanz zur Realität der "Mehrheit" kann je nach Charakter zu Erbitterung, Gewalt, Querulantentum bis hin zu wiederholten Ausschöpfen aller rechtlichen Möglichkeiten oder auch zu stiller Verzweiflung führen.
Der gemessen an der Zahl der Betroffenen größte Bereich der Psychiatrie befasst sich aber weniger mit den wahnhaften, als vielmehr mit den affektiven Störungen und als zweitgrößter Gruppe den Störungen durch Suchtmittel, etwas weniger auch mit den Erkrankungen des neurotischen Formenkreises.
Das Stigma der psychiatrischen Behandlung ist heute zumindest in aufgeklärten Kreisen einer pragmatischeren Betrachtungsweise gewichen – man kann zum Psychiater gehen, wie man auch zum Orthopäden gehen kann, ohne deswegen schiefe Blicke zu ernten. Viel dazu beigetragen hat der Trend, immer weniger Menschen in psychiatrischen Kliniken zwangsweise einzusperren und diese immer kürzer dort zu behandeln. Dies wurde dank der Entwicklung wirksamer Medikamente möglich, die eine Behandlung oft ambulant ermöglichen, solange der Patient die Behandlung akzeptiert. Zwangseinweisungen und -behandlungen (Fürsorgerischer Freiheitsentzug) erfolgen nur noch auf Druck, beispielsweise aufgrund von Anzeigen von Nachbarn oder Verwandten sowie von Ärzten oder Polizeibeamten, die eine Fremd- oder Selbstgefährdung des Kranken befürchten, und können gerichtlich angefochten werden.
In früheren Zeiten und auch heutzutage noch in diktatorisch regierten Staaten wurde/wird die Psychiatrie vielfach dazu missbraucht, politische Gegner einfach "verschwinden" zu lassen.
Relation Psychiatrie – Neurologie
Die Neurologie ist das Fachgebiet von den organischen Erkrankungen des zentralen, peripheren und vegetativen Nervensystems, bei denen psychische Störungen nicht im Vordergrund stehen. Wissenschaftshistorisch hat sich in Deutschland die Neurologie aus der Psychiatrie entwickelt. Beide Gebiete wurden zur Nervenheilkunde zusammengefasst – entsprechend ist ein Nervenarzt ein Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Im angloamerikanischen Sprachraum ist dies anders: Dort hat sich die Neurologie als Teilgebiet der Inneren Medizin entwickelt. Heute wird die Psychiatrie in Deutschland als eigenständiges Fach von der Neurologie getrennt und an die Psychotherapie gekoppelt.
Die Klinische Psychologie fokussiert im Großen und Ganzen allein auf die psychische Genese psychischer Störungen, wenngleich die Grenzen der beiden Disziplinen im wissenschaftlichen Sinne immer mehr verwischen, so dass es in der Forschung zahlreiche Kooperationen zwischen Psychiatern und Psychologen gibt. Im Gegensatz dazu gibt es eine strikte institutionelle und rechtliche Trennung zwischen Psychiatern (die Ärzte sind) und (Klinischen) Psychologen. So ist es letzteren z.B. in Deutschland nicht erlaubt, Psychopharmaka zu verschreiben. Ebenso ist die universitäre Ausbildung des Psychiaters in den Grundlagen medizinisch mit Fokus auf körperliche Erkrankungen, während die des Psychologen überwiegend auf psychische Phänomene eingeht (Wahrnehmung, Denken, Gedächtnis, Interaktion, Persönlichkeit etc.) und körperliche Aspekte vom Psychischen her thematisiert (namentlich im Rahmen der Biopsychologie).
Geschichte und Kritik der Psychiatrie
Als der Vater der deutschsprachigen Psychiatrie und des Wortes "Psychiatrie" gilt der hallische Professor Johann Christian Reil (1759-1813).
Schon 1920 hat Sigmund Freud Militärpsychiater, die ihre Aufgabe darin sahen, traumatisierte Soldaten möglichst rasch an die Front zurück zu bringen und dabei brutale Methoden anwendeten und auf die Interessen ihrer Patienten keinerlei Rücksicht nahmen, als "Maschinengewehre hinter der Front" bezeichnet.
Historisch bestand die "Therapie" in vielen Anstalten bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts praktisch nur aus Verwahrung, da eine medikamentöse oder sonstige symptomatisch bessernde Herangehensweise nicht unmittelbar zur Verfügung stand. Die damaligen Zustände bestimmen auch heute noch oft das Bild der Psychiatrie in der Allgemeinheit.
In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte sich parallel zu den wachsenden Behandlungsmöglichkeiten auf medikamentöser und psychotherapeutischer Ebene ein verstärktes Interesse an der Geschichte der Psychiatrie. Gleichzeitig gab es Versuche, die Psychiatrie zu reformieren oder grundsätzlich in Frage zu stellen.
Im Mittelpunkt der Kritik standen zunächst das Verhalten der Psychiater in der Zeit des Nationalsozialismus und die großen psychiatrischen Anstalten. Sie wurden als 'totale Institutionen' kritisiert, die die Identität der Patienten beschädigen und offen gewaltsam mit ihnen verfahren. Diskutiert wurden ebenfalls Vorgänge, die im Dritten Reich unter der Bezeichnung Euthanasie bzw. Rassenhygiene stattgefunden hatten, so die systematische Tötung psychisch Kranker, und in noch größerem Umfang, deren Sterilisierung.
Weitergehende Kritiken stellten das herkömmliche Verständnis von Gesundheit und Krankheit überhaupt in Frage. Es gab erste Organisationen von Menschen mit Psychiatrieerfahrung. Die allgemein erfolgenden gesellschaftlichen Reformen ließen es auch naheliegend erscheinen, die Behandlung in der Psychiatrie bzw. die Erkennung als psychiatrisch behandlungsbedürftig zu hinterfragen. So erschien unter anderem Frances Farmer als bekanntes Opfer einer Zwangslobotomie beispielhaft abschreckend. Moderne Kritiker psychiatrischer Behandlungsweise sehen die medikamentöse Therapie als direktes Äquivalent und als Fortsetzung der heute nicht mehr praktizierten Lobotomie. Ein gesellschaftlich bedeutendes Werk bei der Aufarbeitung des Verständnisses von Psychiatrie war Einer flog über das Kuckucksnest.
Die Reform der Gesellschaft führte zumindest in Westeuropa auch zu einer Reform der Definition von psychiatrischer Behandlungsbedürftigkeit. Stand historisch die Angleichung an ein subjektiv abgeleitetes "Normal" im Vordergrund, so wandelte sich der Begriff in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hin zum Ziel einer Abschwächung destruktiver Tendenzen, seien sie auto-destruktiv, also nach innen gewendet, wie bei einem Suizid, oder nach außen gewendet, also schädlich für die Allgemeinheit.
Bis zum Zusammenbruch des Ostblocks wurde die Psychiatrie in diesen Staaten oft instrumentalisiert und zur Maßregelung unliebsamer Personen benutzt. Eine Aufarbeitung dieser Geschehnisse hat jedoch kaum nennenswert stattgefunden.
In der Bevölkerung steht gegenüber der Institution "Psychiatrie" oft die Angst vor Zwangstherapie und Entmündigung im Vordergrund, und die Angst, am Ende erst durch die Therapie selbst, die Medikamente, oder die Unterbringung, die Mitpatienten, "verrückt" zu werden. Per Gesetz ist die regelmäßige Einschaltung eines Richters bei einer Zwangseinweisung zwar mittlerweile obligat, jedoch hat das nicht zu einer wesentlichen Besserung des Rufs der Psychiatrie geführt.
Ein weiterer Kritikpunkt gegenüber der Psychiatrie ergab sich umgekehrt aus deren angeblich zu lascher Handhabung von Fällen sexueller Straftaten. Mehrfach, so berichtete die Presse, seien psychiatrische Gutachten verfasst worden, die eine Heilung proklamierten, während der daraufhin Entlassene sich sofort wieder straffällig machte - nicht selten durch ein Kapitalverbrechen. Effektiv zeigt sich aber dabei nur die Unfähigkeit von Medizinern, in die Psyche von Patienten zu blicken - ein prinzipielles Dilemma.
Die teilweise Auflösung von psychiatrischen Anstalten hatte sehr unterschiedliche Effekte. In Kalifornien wurden beispielsweise, als der spätere Präsident Reagan dort Gouverneur war, Patientinnen und Patienten aus Kostengründen einfach entlassen und in Pensionen untergebracht, wo sie ohne Betreuung ein elendes Leben fristeten. In Italien bemühte man sich, den Entlassenen zu helfen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Literatur:
- Françoise Castel, Robert Castel, Anne Lovell, „Psychiatrisierung des Alltags. Produktion und Vermarktung der Psychowaren in den USA“, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1982 (Castel und Lovell zeigen die Gründe für das Entstehen der Gemeindepsychiatrie, die später nach Deutschland importiert wurde, auf.)
- Klaus Dörner, Bürger und Irre. Zur Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie der Psychiatrie, Taschenbuchausgabe, Europäische Verlagsanstalt 1995
- Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973
- Erving Goffman, Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973
- Ernst Klee, Euthanasie im NS-Staat. Die ‚Vernichtung lebensunwerten Lebens’, Frankfurt am Main: Fischer 1985
- Peter Riedesser, Axel Verderber,»Maschinengewehre hinter der Front« – Zur Geschichte der deutschen Militärpsychiatrie ISBN 3-935964-52-8. Frankfurt am Main: Mabuse Verlag, 2. Auflage 2004
- Sozialistisches Patientenkollektiv, Aus der Krankheit eine Waffe machen, 6. erweiterte Auflage, Heidelberg 1995
Filme:
- „TITICUT FOLLIES“, Regie : Frederick Wiseman, USA 1966/67
(Wisemans Film, der die unmenschlichen Verhältnisse im Bridgewater State Hospital (Massachusetts) darstellt, durfte in den USA über 20 Jahre nicht gezeigt werden.)“
- „Nessuno o tutti 1) Tre storie 2) Matti da siegare“ [Keine oder alle 1) Drei Geschichten 2.) Irre, die loszubinden sind ], S. Agosti, M.Bellochio, S. Petraglia, Italien 1975
Fachbereiche der Psychiatrie
Allgemeinpsychiatrie
Dies ist der klinische Teil des Faches, welcher sich mit den psychischen Erkrankungen und Störungen des Erwachsenenalters beschäftigt. Die Akutpsychiatrie behandelt psychiatrische Notfälle.
Suchtmedizin
Die Suchtmedizin behandelt PatientInnen mit stoffgebundenem (Alkohol, Nikotin, Cannabis, Heroin etc.) oder stoffungebundenem (Spielsucht, Sexsucht etc.) Missbrauchs- oder Abhängigkeitsverhalten.
Gerontopsychiatrie
Gerontopsychiatrie wird allgemein als Psychiatrie für Menschen im höheren Lebensalter verstanden, wobei das Lebensalter (60 Jahre) nur eine ungefähre Richtmarke ist. Dabei geht es zum einen um Menschen , die bereits in jüngeren Jahren psychisch erkrankt sind und deren Behandlung unter Berücksichtigung altersbedingter Besonderheiten fortgesetzt werden muss, und
zum anderen um Menschen im höheren Lebensalter, deren psychische Erkrankung aus dem Alterungsprozess resultiert.
Forensische Psychiatrie
Sie befasst sich mit der Behandlung und Begutachtung von psychisch kranken Straftätern (siehe auch Maßregelvollzug).
Kinder- und Jugendpsychiatrie
Diese auch Pädopsychiatrie genannte Subdisziplin ist ein eigenständiges medizinisches Fachgebiet geworden. Sie befasst sich mit den psychischen Erkrankungen vom Säuglingsalter bis zur Volljährigkeit.
Psychosomatische Medizin
Die psychosomatische Medizin ist aus der Psychiatrie hervorgegangen, stellt aber ein eigenes Fachgebiet dar. Sie beschäftigt sich mit Erkrankungen, bei denen Wechselwirkungen zwischen psychischen und körperlichen Faktoren (Psychosomatik) wesentlich sind.
Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Um nach einem absolvierten Medizinstudium in Deutschland als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie tätig zu werden, bedarf es einer fünfjährigen Weiterbildungszeit, von der ein Jahr Pflichtweiterbildungszeit in der Neurologie ist.
- 4 Jahre Psychiatrie und Psychotherapie, davon 3 Jahre Stationsdienst, anrechenbar
- 1 Jahr Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie oder
- 1/2 Jahr Neurochirurgie oder
- 1/2 Jahr Neuropathologie oder
- 1/2 Jahr Neurophysiologie oder
- 1/2 Jahr Medizinpsychologie
- 1 Jahr Neurologie
Um sich zur Facharztprüfung anmelden zu können, müssen diagnostische Funktionen (wie etwa EEG) sowie Teilnahmen z.B. an Balint-Gruppen nachgewiesen werden.
- Théophile Alajouanine (1890–1980; Nachfolger von Jean-Martin Charcot an der Salpetriêre)
- Alois Alzheimer (1864–1915; Erstbeschreiber der nach ihm benannten Alzheimerschen Krankheit)
- Franco Basaglia (1924–1980 Venedig; hat die Schließung der Irrenanstalten in Italien betrieben)
- Hans Berger (1873–1941 Jena; Entdecker des Elektroencephalogramm (EEG); Schüler von Otto Binswanger).
- Eric Berne (1910–1970)
- Otto Binswanger (1852–1929 Jena)
- Eugen Bleuler (1857–1939; Schüler und Nachfolger von Forel in Burghölzli)
- Karl Bonhoeffer (1868–1948)
- Oswald Bumke (1877–1950; Nachfolger von Alzheimer in Breslau und Nachfolger von Kraepelin in München)
- Paul Flechsig (1847–1929 Leipzig)
- Auguste Forel (1848–1931; Burghölzli)
- Wilhelm Griesinger (1817–1868, Burghölzli)
- Alfred Hoche (1865–1943)
- Heinrich Hoffmann (1809–1894; auch Autor des Struwwelpeters)
- Karl Jaspers (1883–1969)
- Radovan Karadzic ( - 1945; vom UN-Tribunal in Den Haag wegen Völkermordes angeklagt und gesucht)
- Emil Kraepelin (1856–1926)
- Ernst Kretschmer (1888–1964)
- Arthur Kronfeld (1886–1941)
- Elisabeth Kübler-Ross (1926–2004; Sterbeforscherin)
- Ronald D. Laing (1927–1989)
- Leo Navratil ( - 1921; österr. Psychiater, der sich v.a. mit der Kunst psychiatrisierter Menschen beschäftigt hat)
- Ernst Gottlob Pienitz (1777–1853; Psychatriereformer)
- Johann Christian Reil (1759–1813; Vater der Allgemeinen und Integrativen Psychiaterie und Psychotherapie)
- Kurt Schneider (1887–1967)
- Johannes Heinrich Schultz (1884–1970)
- Thomas Szasz ( - 1920; radikaler Kritiker psychiatrischer Zwangsinterventionen)
- Karl Wilmanns (1873–1945)
Statistiken
framed
- Am 1. Januar 2001 waren 1.651 Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie registriert, von ihnen waren 587 niedergelassen. 75 übten keine ärztliche Tätigkeit aus.
Siehe auch
Forensische Psychiatrie, Antipsychiatrie, Psychologie, Zwangsbehandlung, Krankenhaus, Betreuungsrecht, Patientenverfügung, Psychische Erkrankungen
Weblinks
[http://www.sgipt.org/medppp/krank/iwk1.htm Zum Begriff 'krank' in der Medizin mit Blick auf Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie]
- http://www.m-ww.de/krankheiten/psychische_krankheiten/index.html
- http://www.ePsy.de Webkatalog für Psychiatrie und Psychologie
- http://www.psychiatriegespraech.de
- [http://home.arcor.de/rs1403/bericht.html Erfahrungsbericht – Chronologie einer Psychose]
- http://psywifo.klinikum.uni-muenchen.de/ informative Darstellung einer Psychiatrischen Klinik mit allen Funktionsabteilungen
- [http://www.aktiv-90.de Psychiatrieerfahrene mit deutschsprachigem Webkatalog zur Psychiatrie und Selbsthilfe]
- [http://www.cchr.org CCHR Citizen Commission on Human Rights, Kritik an der modernen Psychiatrie und deren Vorgehensweise](Scientology nahe Organisation)
- [http://www.blaek.de/weiterbildung/wbo_2004/download/WBO/B/Psychiatrie.pdf Bayerische Landesärztekammer zur Weiterbildung Psychiatrie und Psychotherapie]
- http://www.bpe-online.de/ Die offizielle Homepage des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener (BPE)
Literatur
[http://www.sgipt.org/medppp/krank/iwk1.htm www.sgipt.org] - Zum Begriff 'krank' in der Medizin mit Blick auf Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
- Klaus Dörner, Ursula Plog, Christine Teller: Irren ist menschlich - Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie. Psychiatrie-Verlag, ISBN 3884144006
- Samuel Shem: Mount Misery. Droemer Knaur, ISBN 342661460X
- Andreas Marneros, Frank Pillmann: Das Wort Psychiatrie wurde in Halle geboren. Von den Anfängen der deutschen Psychiatrie. Schattauer Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-7945-2413-6
- Markus Vieten: Berufsplaner Arzt. Via medici-Buchreihe, Thieme Verlag, ISBN 3131161051
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ja:精神医学
PsychologiePsychologie (aus griech. ψυχολογία, psychología „die Seelenkunde“) ist die Wissenschaft vom Erleben, Verhalten und Bewusstsein des Menschen, deren Entwicklung in der Lebensspanne und deren inneren und äußeren Ursachen und Bedingungen. Die Psychologie ist eine bereichsübergreifende Wissenschaft. Sie lässt sich nicht allein den Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften oder den Naturwissenschaften zuordnen.
Geschichtlicher Abriss
Die Psychologie "hat eine lange Vergangenheit, aber nur eine kurze Geschichte" (Ebbinghaus, 1908). Die Wurzeln dieser Disziplin reichen weit in die Vergangenheit zurück, als anerkannte Wissenschaft jedoch gibt es die Psychologie erst seit dem 19. Jahrhundert.
Erste Ansätze einer strikt erfahrungs-'wissenschaftlichen' Erforschung psychischer Leistungen wurden im 19. Jahrhundert von physiologisch forschenden Physikern wie Gustav Theodor Fechner und Hermann von Helmholtz unternommen, die Wahrnehmungsvorgänge als Leistungen von Sinnesorganen auffassten und diese zu erforschen begannen. Dieses Vorgehen führt(e) allerdings nur zu einer Sinnesphysiologie und damit allein noch nicht zu einer genuinen Psychologie, die den Selbsterfahrungsaspekt einschließt. Dasselbe gilt für die ebenfalls schon im 19. Jahrhundert begonnene Hirnforschung, die methodisch bedingt Neurophysiologie ist und allein ebenfalls nicht darüber hinausreicht.
Gewöhnlich gilt die Einrichtung seines experimentalpsychologischen Laboratoriums in Leipzig durch den Helmholtz-Schüler Wilhelm Wundt im Jahre 1879 als Lösung der Psychologie von der Philosophie und vor allem als Beginn der akademischen Psychologie als universitäres Fach und Forschungsfeld. Der Ansatz Wundts wird deshalb als Beginn der akademischen Psychologie angesehen, weil hier erstmals ein explizit empirisch-methodischer, an den experimentellen Naturwissenschaften orientierter und ausgerichteter Zugang methodologisch herausgearbeitet wurde, um psychologische Phänomene zu untersuchen.
Im Oktober 1875 begann Wilhelm Wundt seine Lehrtätigkeit als Professor in Leipzig denn auch mit der Vorlesung "Logik und Methodenlehre mit besonderer Rücksicht auf die Methoden der Naturforschung“. Er war auf diese Professur berufen worden, weil Leipzig diese neue "Idee", nämlich die, "dem Einfluss der Naturwissenschaft auf die Philosophie Geltung zu verschaffen", fördern wollte. Basierend auf einer methodologischen Auseinandersetzung, deren Ausgestaltung durch die sinnesphysiologischen Herangehensweisen geprägt worden war, die Methoden der Naturwissenschaften für die Philosophie allgemein zu nutzen, galt Wundts besonderes Interesse dabei psychologischen Fragestellungen. Von Beginn an hatte Wundt engen Kontakt zum Physiker Gustav Theodor Fechner, der selbst bis 1874 Vorlesungen an der Philosophischen Fakultät zu Leipzig gehalten hatte. Mit ihm besprach er auch seinen Plan zur Gründung eines psychologischen Instituts, zu der es wie beschrieben 1879 kam; zunächst als Privatinstitut, ab 1883 als offizielles Universitätsinstitut.
Grundsätzlich folgte die Psychologie dem oben genannten Selbstverständnis, weshalb Wundt und seine Kollegen die Psychologie auch als neue Disziplin ansahen, die aus der Zusammenfügung von (Experimental-) Physik, Physiologie und Mathematik unter strenger Beibehaltung des naturwissenschaftlichen Ansatzes und durch Anwendung dieser methodischen Prinzipien zwecks Erforschung psychologischer Phänomene geboren worden war.
Dieser Ansatz war so revolutionär und vielfach wohl auch ersehnt, dass Wissenschaftler dieser Disziplinen aus aller Welt begeistert nach Leipzig pilgerten, um unter Wundt zu studieren. Leipzig wurde zum "Mekka" der neuen Naturwissenschaft Psychologie. In der Hochzeit hatte Wundt allein fast 40 (!) wissenschafltiche Assistentenstellen. In diesen frühen Jahren entwicklten sich u.a. auch die psychologischen Disziplinen der Psychophysik und der Diagnostik, was wiederum für die Angewandte Mathematik und Statistik sehr fruchtbar war.
Missverständnisse entstehen immer wieder, weil Wundt seinerzeit zwar Professor für Psychologie, aber Philosophieprofessor war, was aber darin begründet liegt, dass es damals nur die Fakultäten für Medizin, Jurisprudenz, Theologie und Philosophie gab. Teilweise ist dieser Ursprung auch heute noch sichtbar. So werden z.B. in den meisten Ländern der Welt auch Naturwissenschaftler (z.B. Physiker, Chemiker oder Biologen) zum Doktor der Philosophie (Ph.D.) promoviert. Eine naturwissenschaftliche und andere Fakultäten wurden nämlich erst viel später gebildet, wie auch das Studium einzelner Disziplinen als selbstständige Fächer. In Deutschland geht schließlich ein von der ursprünglichen Idee her primär berufsqualifizierender Abschluss namens Diplom auf die Nationalsozialisten zurück. Das Diplomstudium der Psychologie wurde in Deutschland 1941 eingerichtet, unter gleichzeitiger Primärbetonung einer berufspraktischen Qualifikation als Wehrpsychologe (mit Schwerpunkt Diagnostik).
Auskünfte zu Schwierigkeiten einer genauen Standortbestimmung und zu Problemen bei der eindeutigen Zuteilung zur natur- oder geisteswissenschaftlichen Fakultät anhand der Inhalte oder der Methoden, gibt die anekdotenhafte Schilderung [http://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/psychologie/psychologie_als_wissenschaft.pdf"Psychologie zwischen Natur- und Geisteswissenschaften"] von Wolfgang Metzger.
Die neue Wissenschaft verbreitete sich wegen der äußerst zahlreichen Schüler Wundts weltweit rasend schnell. Viele Wundt-Schüler gründeten schon vor dem Ersten Weltkrieg eigene psychologische Institute weltweit, auch in den USA. In Deutschland auch durch Oswald Külpe und Karl Marbe 1896 in Würzburg. Dies war die Begründung der "Würzburger Schule", die sich vornehmlich mit der naturwissenschaftlichen Erforschung von Denk-, Urteils- und Willensprozessen beschäftigte, was der Psychologie einen bis dahin völlig neuen Forschungsgegenstand und eine neue Dimension bescherte.
Max Wertheimer (1880-1943) und Wolfgang Köhler (1887-1967) waren die maßgeblichen Begründer der Frankfurter und der Berliner Schule der Gestaltpsychologie bzw. Gestalttheorie. Zwar auch sehr streng mathematisch-naturwissenschaftlich ausgerichtet, stellten sie den elementaren Überlegungen Wundts aber einen ganzheitspsychologischen Ansatz gegenüber. Eine international wichtige Rolle spielte die Gestaltpsychologie in den 1920er und -30er Jahren. Die Gestaltpsychologie wurde jedoch bald durch den zunehmend dominanteren amerikanischen Behaviorismus in den Hintergrund gedrängt. Als ein wesentlicher Faktor dafür muss hier ganz besonders der wissenschaftliche Kahlschlag der Nationalsozialisten angesehen werden.
Wichtige Vertreter in den Anfangsjahren der wissenschaftlichen Psychologie waren neben Wundt und vielen anderen v.a. Gustav Theodor Fechner, Ernst Heinrich Weber, Francis Galton, Karl Pearson, Hermann Ebbinghaus, James McKeen Cattell (Wundt-Schüler der ersten Stunde und erster Psychologie-Professor in den USA), Alfred Binet, Charles Spearman, William Stern, Christian von Ehrenfels und William James.
Zu nennen ist sicher auch der Physiologe Iwan Petrowitsch Pawlow, der zwar kein Psychologe war, aber mit seinen Tierexperimenten (Pawlowscher Hund) Grundlagen des dann klassisch genannten Vorgangs der Konditionierung klären konnte, welcher später Psychologen zu weiteren Forschungen zu Phänomenen des Lernens animierte. Hier ist v.a. Edward Lee Thorndike und John B. Watson 1915 zu nennen, auf die der Behaviorismus zurückgeht. Dieses hat in den USA eine jahrzehntelange Lernforschung zur Folge gehabt und zur Etablierung der Lernpsychologie geführt, deren bekanntester Vertreter Burrhus Frederic Skinner sein dürfte, der das Konzept der operanten Konditionierung entdeckte. Zu nennen ist dann auch noch Albert Bandura, der später die Theorie des Modell-Lernens entwickelte. Auf diesen Grundlagen, neben vielen weiteren Einflüssen, insbes. aus Forschungsergebnissen verschiedener Teilgebiete der Allgemeinen Psychologie, wurde innerhalb der Klinischen Psychologie die Verhaltenstherapie (i.S. der frühen Form Behavioraler Therapie) entwickelt.
In den 1970er Jahren löste der Informationsverarbeitungsansatz den Behaviorismus als führendes Paradigma ab (sog. "Kognitive Wende" der Psychologie). Dies liegt jedoch nicht in einer theoretischen Untauglichkeit des Behaviorismus begründet, sondern in einem Wechsel der Interessen der Scientific Community. Themen wie Aufmerksamkeit, Denken oder Kognition und Emotionalität traten dabei in den Vordergrund. Im Gegensatz zum Behaviorismus, der die Funktionsweise des Gehirns methodisch unberücksichtigt ließ und deswegen oft als Blackbox-Psychologie (oder wegen der zahlreichen Tierversuche "Ratten-Psychologie" oder "Rats-and-Stats" -- "Ratten und Statistik"-Psychologie) bezeichnet wurde, ging man dazu über, auch Art und Funktion von Selbstwahrnehmungen, also bewusst gewordener Vorgänge zu erforschen. Der Computer wurde zur Metapher des menschlichen Geistes, wenngleich man sich der Beschränkungen des Computermodells schnell bewusst wurde, da beispielsweise die Parallelverarbeitungsleistungen des Gehirns damit nur schwer erklärbar sind. Neben diese Sichtweise trat in den 1980er Jahren der Konnektionismus, dessen zentrales Konstrukt Netzwerke sind. Statt des Computers dient hier das Gehirn als Metapher des Geistes, eine Entwicklung, der dadurch Vorschub geleistet wurde, dass sich unter Hirnforschern seit langem eine Art cerebraler Pseudopsychologie entwickelt hat, nach der Hirne denken, fühlen, überlegen, entscheiden, ja sogar "zukünftige Aktionen planen" - nach DAS MANIFEST elf "bedeutender Neurobiologen" vom Herbst 2004 -, ja sogar wissenschaftliche Theorien konstruieren, wenn nicht sogar die gesamte Wirklichkeit einschließlich des Wissenschaftlers, der diese Theorie entwickelt hat, gemäß der er sich selbst zum Konstrukt seines Gehirn erklärt hat (G. Roth in: Das Gehirn und seine Wirklichkeit). Insgesamt erwiesen sich Modelle auf Basis der Netzwerktheorie, auch durch Einbezug neuerer formaler Modellierungsmöglichkeiten, wie z.B. neuere Markov Prozesse, für die kognitiven Ansätze als sehr fruchtbar. Hinzu kamen weiterhin z.B. Einflüsse aus dem Konstruktivismus, der Kybernetik und der Systemtheorie. Auch auf die Gestaltpsychologie wurde wieder zurückgegriffen, bzw. wieder angeknüpft.
Für die Psychologie bedeutet dies, dass sich einzelne Bereiche nebeneinander wieder stärker ausbilden konnten, neben der Kognitionspsychologie auch die Biopsychologie mit ihren Unterbereichen, die beide einen großen Bestandteil der Kognitiven Neurowissenschaften darstellen. Demgegenüber spielen aber gleichzeitig auch verhaltensorientierte Ansätze wieder eine sehr starke Rolle, so dass innerhalb der Disziplinen der Psychologie verschiedene Ansätze (neben den hier bisher erläuterten auch noch weitere) gleichberechtigt nebeneinander existieren und flexibel bezogen auf eine Fragestellung genutzt werden können, ohne gegen irgendeine "Konvention" zu verstoßen, was derzeit das Fach Psychologie allerdings auch äußerst komplex macht.
Auch heute bekennt sich die Psychologie zu den Grundideen Wundts: Sie ist eine streng empirische Wissenschaft. Eine "geisteswissenschaftliche" Psychologie, im Sinne einer nur deutenden, sich nur theoretisch auseinandersetzenden oder nur theoretisch-beschreibenden Arbeitsweise, gibt es nicht. Theorien und daraus abgeleitete Modelle, Annahmen für die Beantwortung einer konkreten Fragestellung usw. werden mit geeigneten wissenschaftlichen Methoden empirisch geprüft. Daher stellt die Mathematik und insbesondere die Stochastik eines der wichtigsten Werkzeuge des Psychologen dar. Methodisch finden sich heute neben den naturwissenschaftlichen Ansätzen teilweise auch solche der empirischen Sozialwissenschaften. Absolut vorherrschend sind auch hier quantitative Methoden. Die Psychologische Methodenlehre war ihrerseits für die Entwicklung der Methoden der empirischen Sozialforschung (insbes. der Befragung (z.B. Interview oder Fragebogenentwicklung) und der Beobachtung) wie auch für die Statistik (vgl. da z.B. Faktorenanalyse oder Conjoint-Analyse) sehr einflussreich und befruchtend.
Die Psychoanalyse Freuds sowie die Theorien anderer Vertreter einer Tiefenpsychologie wie Carl Gustav Jung oder Alfred Adler spielen in der heutigen akademisch-universitären Psychologie nur eine Nebenrolle, an den meisten Fakultäten wird die Psychoanalyse praktisch ausgeklammert (häufig nur als Stunde in der "Geschichte der Psychologie" vermittelt). Schon zu Zeiten Freuds verlief die Entwicklung unabhängig voneinander. Zwar rezipierte Freud zumindest Wundts Veröffentlichungen, wurde aber offenbar nicht von ihnen beeinflusst, was auch darin zu sehen ist, dass Freud (übrigens auch Schüler von Helmholtz) die Forschung verließ (und damit schlicht nicht mehr naturwissenschaftlich-experimentell arbeiten konnte) und schließlich später als praktizierender Arzt aus persönlichen, nicht mit (gängigen) Methoden durchgeführten Beobachtungen seiner Patienten und gedanklicher, deutender und interpretativer Verarbeitung seiner persönlichen Eindrücke, seine Theorie und Methode entwarf.
Der "Flirt" der Psychologie mit der Psychoanalyse fand erst viel später statt, insbes. im Rahmen einer Möglichkeit, stärker praktische Anwendungen im Repertoire zu haben, aber auch kurzzeitig als Forschungsparadigma. Einiges konnte, sofern wissenschaftlich untersuchbar, in Teilen belegt und später in weiterführende Modelle, z.B. der Kognitionspsychologie, integriert und weiter differenziert, oder eben auch schlicht besser erklärt werden. Gleichzeitig wurde auch sehr vieles empirisch widerlegt (so auch z.B. die Neurosenlehre). Insgesamt war die Psychoanalyse für die Psychologie wenig fruchtbar. Auf der Anwendungsseite wurden tiefenpsychologische Ansätze dann schnell mit wissenschaftlich abgesicherten und aus der empirisch-psychologischen Forschung entwickelten Verfahren, insbes. dem Klientenzentrierten Ansatz (wiss. Absicherung von Grundvariablen der professionellen Beziehungsgestaltung, sowie Prozess und Effekt von Interventionen (insbes. Beratung bei Anpassungsproblemen) und Psychotherapie) und später der Verhaltensanalyse und Verhaltenstherapie (zusätzlich Absicherung der theoretischen Grundlagen) ersetzt.
Bei der in der Öffentlichkeit häufig anzutreffenden Gleichsetzung von Psychologie und Psychoanalyse bzw. dem Verständnis von Psychoanalyse als Teildisziplin der Psychologie handelt es sich um einen populären Irrtum. Psychoanalytische Ideen spielen gleichwohl in der Entwicklungspsychologie, der Sozialpsychologie und der pädagogischen Psychologie sowie der klinischen Psychologie eine gewisse Rolle, aber wie erwähnt eher in historischem Kontext.
Einen relativ jungen Ansatz stellt die evolutionäre Psychologie (EP) dar. Evolutionspsychologische Ansätze finden sich heute in nahezu allen psychologischen Disziplinen und Forschungsfeldern, vor allem in der Entwicklungs- und Sozialpsychologie. Hier ist sie in der Aggressions- und Altruismusforschung, der Attraktivitätsforschung, in Forschungen zu Partnerschaft, Beziehungsgestaltung und Liebe sehr | | |