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| Shangqing |
ShangqingShangqing ist eine Schule des Daoismus, die Ende des 4.Jahrhunderts in China auftrat. Sie ist geprägt durch die Techniken der visuellen Meditation und die alten Techniken, wie sie z.B. von Ge Hong vertreten wurden, traten in ihr in den Hintergrund. Die Shangqing-Schule stellt die erste Schule des Daoismus dar, die ein gegliedertes und kohärentes Ganzes darstellt, das sich auf kanonische Texte gründet und streng reglementierten Vorschriften der Überlieferung gehorcht.
Der Name Shangqing bedeutet "höchste Reinheit".
Die Schule des Shangqing basiert auf Schriften, die Yang Xi, über den kaum etwas bekannt ist, in den Jahren zwischen 364-370 von Göttern und Geistern offenbart und diktiert wurden. In den folgenden Jahrhunderten verbreitete sich die Shangqing-Bewegung vor allem unter der chinesischen Intelligenzija und stellte eine Konkurrenz der südchinesischen Kultur zur Bewegung der Himmelsmeister dar, welche danach trachteten, die Eigenständigkeit der südchinesichen Kultur zu unterdrücken.
Die Techniken der Shangqing-Schule, deren Ursprünge sich bis zu den ekstatischen Flügen der Schamanen der Zhou-Zeit zurückverfolgen lassen, wie sie in den Chuci beschrieben werden, basieren auf visuellen Meditationen, bzw. visionärer Mystik oder geistiger Imagination und die älteren Techniken des Daoismus wie physische Übungen, Anwendung von Drogen und Heilkräutern oder operative Alchemie treten in ihr zurück. Die Götter erscheinen in dieser Schule nicht als Wesen, die durch magische Formeln bezwungen werden können, wie bei den Himmelmeistern, sondern als Fürsprecher und Vermittler von Wissen, die dem Adepten die Schlüssel zu den himmlischen Reichen überbringen und dementsprechend stellt das Shangqing die erste Schule des Daoismus dar, die echte Hymnen an Gottheiten hervorgebracht hat.
Der Adept trachtet danach, sich mittels der Imaginationsmethoden zu vergöttlichen und zu kosmisieren, so daß sein mikrokosmisches Wesen ein Abbild des Makrokosmos wird und er somit das Dao verwirklicht. Das Ziel des Shangqing besteht darin, die Vielheit des menschlichen Geistes und Körpers zu einer komplexen Einheit zu verschmelzen und zur Harmonie zu bringen und so zur ursprünglichen Einheit zurückzukehren. Der Adept nimmt teil an der Welt der Götter mit himmlischer Musik, prächtigen Höfen, Baldachinen aus bunten Federn, Drachenscharen, singenden Phönixen und prächtigen Wagen, sucht Paradiese auf, gelangt zu den Weltenbergen, bereist die Gestirne, visualisiert die Körpergottheiten, absorbiert das Qi der neun uranfänglichen Himmel und ähnliches mehr. Diese imaginativen Reisen lassen sich nur mittels Führern, Karten, Talismanen und der Kenntnis geheimer Namen der Götter und der zu druchschreitenden Pforten durchführen.
Der wichtigste Text des Shangqing ist das Dadong zhenjing, der wahrhafte Klassiker der großen Höhle (bzw. Tiefe). Er wird von den Adepten rezitiert und dies soll die Unsterblichkeit gewährleisten, was die Alchemie des früheren Daoismus überflüssig machte.
Der Hauptsitz der Shangqing-Schule war der Berg Maoshan, der auch heute noch daoistische Klöster beherbergt und die Schule wird dementsprechend auch Maoshan-Schule genannt. Das Shangqing wird nach wie vor in China praktiziert.
Literatur
Livia Kohn (Hg.): Daoism Handbook, Brill 2000, ISBN 90-04-11208-1
Kategorie:Chinesische Philosophie und Religion
Kategorie:Daoismus
Kategorie:Taoistische Literatur
Kategorie:Mystik
Daoismus
Der Daoismus (chin. 道教 dàojiào = Lehre des Weges), auf Deutsch auch: Taoismus, ist eine chinesische Philosophie und Religion und wird als Chinas eigene und authentisch chinesische Religion angesehen. Seine historisch gesicherten Ursprünge liegen im 4. Jh. v. Chr., als das Daodejing (in älteren Umschriften: Tao te king, Tao te ching …) des Laozi (Laotse, Lao-tzu) entstand.
Neben Konfuzianismus und Buddhismus ist der Daoismus eine der „Drei Lehren“, die China maßgeblich prägten. Trotz zum Teil sehr unterschiedlicher Auffassungen konnten sie im chinesischen Geistesleben zu einer Tradition verschmelzen. Sie werden deshalb auch unter dem Begriff „Chinesischer Universismus“ zusammengefasst.
Auch über China hinaus haben die „Drei Lehren“ wesentlichen Einfluss auf Religion und Geisteswelt der Menschen ausgeübt.
In China beeinflusste der Daoismus die Kultur in den Bereichen der Politik, Wirtschaft, Philosophie, Literatur, Kunst, Musik, Ernährungskunde, Medizin, Chemie, Kampfkunst und Geographie.
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Aufgrund der verschiedenen Ausprägungsformen und der unklaren Abgrenzung zu anderen Religionen ist die genaue Anzahl der Anhänger des Daoismus nur schwierig zu erfassen. Besonders viele Daoisten leben heute in Taiwan, wo viele der daoistischen Schulen Zuflucht vor der Verfolgung durch die Kulturrevolution suchten.
Entstehung
Wann genau die daoistische Lehre entstanden ist, bleibt unklar. Der Daoismus hat erst in einem langen Entwicklungsprozess Form angenommen, wobei fortlaufend Strömungen des Altertums integriert wurden. Die daoistische Lehre greift viel Gedankengut auf, das in China zur Zeit der Zhou-Dynastie (1040-256 v. Chr.) weit verbreitet war. Dazu gehören die kosmologischen Vorstellungen von Himmel und Erde, die Fünf Wandlungsphasen, die Lehre vom Qi (Energie),Yin und Yang und das Yijing (I Ging), aber auch die Tradition der Körper- und Geisteskultivierung, die mit Atemkontrolle und anderen Techniken wie Taijiquan und Qigong, Meditation, Visualisation und Imagination, Alchemie und magischen Techniken Unsterblichkeit erreichen wollte.
Die Suche nach Unsterblichkeit geht wahrscheinlich auf sehr alte Glaubensinhalte zurück, denn im Zhuangzi, einem daoistischen Klassiker aus dem 4. Jh. v. Chr. werden bereits die Xian erwähnt, die Unsterblichen, deren wichtigste der gelbe Kaiser, Huang Di und die Königinmutter des Westens, Xiwangmu, sind, Gestalten, die schon in der Shang-Zeit im 2. Jahrtausend v.Chr. nachzuweisen sind.
Laozi und das Daodejing
Ob es einen Denker namens Laozi (chin. 老子 = Der Alte Meister) wirklich gegeben hat, wird heute bezweifelt. Im Daoismus wird ihm das Daodejing (der Leitfaden vom Dao und vom De) zugeschrieben. Seine Biographie ist von Legenden umrankt und äußerst umstritten. Er soll zur Zeit der streitenden Reiche im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben, die von Unruhen und Kriegen geprägt war. Sie stellt eine Blütezeit der chinesischen Philosophie dar, da viele Gelehrte sich Gedanken machten, wie wieder Frieden und Stabilität erreicht werden könnten. Man spricht daher auch von der Zeit der Hundert Schulen. Das Daodejing enthält eine solche Lehre, die sich an den Herrscher richtet und Frieden hervorrufen will.
Das Daodejing wird auch mit dem Namen seines legendären Verfassers „Laozi“ bezeichnet. In seiner heutigen Form wird es in zwei Bücher mit insgesamt 81 Kapiteln unterteilt. Der erste Teil behandelt das Dao, der zweite das De. Das Buch stellt jedoch keine logisch aufgebaute Konstruktion einer Weltanschauung dar, sondern erscheint vielmehr als eine ungeordnete Sammlung mystischer und dunkler Aphorismen, die zu eigener, subjektiver Interpretation anregen. Daher entstanden im Lauf der Zeit auch mehrere hundert Kommentare, die den Text auslegen, sowie hunderte Übersetzungen.
Zhuangzi
Ganz anders geschrieben ist dagegen das Nanhua zhen jing, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“ (eigentlich „Das wahre Buch aus Nanhua“, der Stadt, aus der Zhuangzi stammt, der auch „der wahre Mensch aus Nanhua“ genannt wurde). Es wurde im 4. Jh. v. Chr., kurz nach der Entstehung des Daodejing, von Zhuangzi (Dschuang Dsi, Chuang-tzu, etwa 369-286 v. Chr.) verfasst, nach dem es auch „Zhuangzi“ genannt wird. In ihm wird das Wesen des Daoismus in oft paradoxen Parabeln und Anekdoten erläutert, in welche philosophische Diskussionen eingeflochten sind. Zhuangzi greift dabei einige Vorstellungen vom Daodejing auf, weist aber andere weit von sich - so ist zum Beispiel von der politischen Zielsetzung des Laozi bei ihm nichts mehr übrig. Der weltabgewandte Weise ist hier das Idealbild.
Wie beim Daodejing ist auch hier die Autorschaft umstritten. Zwar ist Zhuangzi mit Sicherheit eine historische Persönlichkeit, das Buch wurde aber wahrscheinlich in großen Teilen von seinen Schülern zusammengetragen.
Zur Zeit des Laozi und des Zhuangzi ist weder eine philosophische noch eine religiöse Organisation greifbar, die man Daoismus nennen könnte. Es gibt nur vereinzelte Texte, die von daoistischem Gedankengut zeugen und die später, als sich daoistische Organisationen gründeten, als kanonische Schriften aufgefasst wurden. Jedoch ist unstrittig, daß sich diese Texte im Zusammenhang mit religiösen Praktiken und Glaubensinhalten entwickelten.
Daoismus als Philosophie
Exkurs: philosophischer vs. religiöser Daoismus
Die Unterscheidung zwischen Daoismus als Religion und Daoismus als Philosophie ist eurozentristisch und begrifflich unscharf. Sie stellt eher ein Hilfsmittel der westlichen Sinologie dar, um verschiedene Aspekte der langen Geschichte des Daoismus leichter beschreiben zu können. Dennoch wird auch im Chinesischen tendenziell zwischen philosophischem Daoismus (dào jiā 道家) und religiösem Daoismus (dào jiào 道教) unterschieden. Der Daoismus ist jedoch eine ebenso facettenreiche Erscheinung wie andere Religionen auch. Im Laufe seiner über zweitausendjährigen Geschichte haben sich die unterschiedlichsten Lehren und Systeme herausgebildet.
Die Trennung von religiösem und philosophischem Daoismus ist daher eine sehr grobe Vereinfachung, und es herrscht Uneinigkeit in der Forschung, ob diese Unterscheidung weiterhin verwendet werden sollte, weil sie der Komplexität des Gegenstands nicht gerecht wird.
Das Begriffspaar ist immerhin von begrenztem Nutzen, weil es in einer Beschreibung des Daoismus eine erste, hilfreiche Gliederung ermöglicht. Der Sachverhalt ist aber sehr viel mehrgestaltiger, als es diese Vereinfachung nahelegt.
Der Begriff des Dao
Das Wort „Daoismus“ leitet sich ab von „Dao“ (Tao), einem Begriff der chinesischen Philosophie, der bereits lange vor dem Daodejing verwendet wurde, aber erst in diesem Text seine zentrale Stellung und besondere, universale Bedeutung erhielt. „Dao“ bedeutet ursprünglich „Weg“, im klassischen Chinesisch aber bereits „Methode“, „Prinzip“, „der rechte Weg“. Bei Laozi nimmt dann der Begriff des Dao die Bedeutung eines der ganzen Welt zugrundeliegenden, alldurchdringenden Prinzipes an. Es ist die höchste Wirklichkeit und das höchste Mysterium, die uranfängliche Einheit, das kosmische Gesetz und Absolute. Aus dem Dao entstehen die „zehntausend Dinge“, also der Kosmos, und auch die Ordnung der Dinge entsteht aus ihm, ähnlich einem Naturgesetz, doch ist das Dao selbst kein omnipotentes Wesen, sondern der Ursprung und die Vereinigung der Gegensätze und somit undefinierbar.
Philosophisch könnte man das Dao als jenseits aller Begrifflichkeit fassen, weil es der Grund des Seins, die transzendente Ursache ist und somit alles, auch den Gegensatz von Sein und Nichts, enthält. In diesem Sinne kann nichts über das Dao ausgesagt werden, weil jede Definition eine Begrenzung enthält. Das Dao ist aber sowohl unbegrenzte Transzendenz als auch das dem Kosmos, dem All innewohnende immanente Prinzip.
Das Wirken des Dao bringt die Schöpfung hervor, indem es die Zweiheit, das Yin und das Yang, Licht und Schatten, hervorbringt, aus deren Wandlungen, Bewegungen und Wechselspielen dann die Welt hervorgeht.
Daoistische Ethik
Die ethische Lehre des Daoismus besagt, die Menschen sollten sich am Dao orientieren. Indem sie den Lauf der Welt beobachten, in welchem sich das Dao äußert, können sie die Gesetzmäßigkeiten und Erscheinungsformen dieses Weltprinzips kennen lernen. Da das Dao sich im Ziran, dem „von-selbst-so-Seienden“, der Natur, offenbart, steht es für Natürlichkeit, Spontanität und Wandlungsfähigkeit, und der Weise erreicht die Harmonie mit dem Dao weniger durch Verstand, Willenskraft und bewusstes Handeln, sondern vielmehr auf mystisch-intuitive Weise, indem er sich dem Lauf der Dinge anpasst. Denn es gibt im Kosmos nichts, was fest ist: Alles ist dem Wandel unterworfen und der Weise verwirklicht das Dao durch Anpassung an das Wandeln, Werden und Wachsen, welches die phänomenale Welt ausmacht.
In den Wandlungen der Phänomene verwirklicht jedes Ding und Wesen spontan seinen eigenen „Weg“, sein eigenes Dao, und es wird als ethisch richtig erachtet, dieser Spontanität ihren Lauf zu lassen und nicht einzugreifen, also Wu wei, „Nicht-Eingreifen“ oder „Nicht-Handeln“ zu praktizieren. Die Dinge und ihr Verlauf werden als sich selbst ordnend und sich selbst in ihrer Natur entfaltend und verwirklichend angesehen. Es erscheint dem Weisen als sinnlos, seine Energie in einem stetigen Willensakt der Handlung (des Eingreifens in das natürliche Wirken des Dao) zu verschwenden, sondern das Tun sollte angemessen sein, durch eine Verwirklichung reinen und nicht selbstbezogenen Geistes, der geschehen lassen kann, ohne durch seine eigenen Wünsche und Begierden verblendet zu sein.
Es wird also als klug angesehen, sich möglichst wenig in das Wirken des Dao einzumischen oder sich ihm gar entgegenzustemmen. Besser als durch große Kraftanstrengungen werden Ziele verwirklicht, wenn dafür die natürlichen, von selbst ablaufenden Vorgänge genutzt werden, die durch das Dao bestimmt sind. Dieses Prinzip der Handlung ohne Kraftaufwand ist eben das Wu Wei. Indem der Weise die natürlichen Wandlungsprozesse mitvollzieht, gelangt er zu einer inneren Leere. Er verwirklicht die Annahme und Vereinigung von Gegensätzen, denn das Dao, welches das Yin und Yang hervorbringt, ist die Ursache und Vereinigung dieser beiden. Somit verwirklicht der Weise im Einklang mit den natürlichen Prozessen den Dreh- und Angelpunkt der Wandlungsphasen von Yin und Yang, die leere Mitte der Gegensätze.
Das Daodejing liefert die Weltanschauung, die das Ideal des daoistischen Weisen blieb: Gleichmut, Rückzug von weltlichen Angelegenheiten und Relativierung von Wertvorstellungen, sowie Natürlichkeit, Spontanität und Nicht-Eingreifen.
Nach daoistischer Auffassung führt nur die Übereinstimmung mit dem Dao zu dauerhaftem und wahrem Glück, während die Involviertheit in weltliche Angelegenheiten zu einem Niedergang der wahren Tugend (De) führt. Deshalb ist es ratsam, Gleichmütigkeit gegenüber Gütern wie Reichtum und Komfort zu erlangen, und sich vor übermäßigen Wünschen zu hüten.
Daoismus als Religion
Wu wei
Den Unterschied zwischen philosophischem und religiösem Daoismus, den wir hier aus pragmatischen Gründen verwenden (s.o.), könnte man derart fassen, dass der philosophische Daoismus das Ideal des Weisen hat, der das Dao verwirklicht, indem er eine bestimmte Geisteshaltung einnimmt, während der religiöse Daoist danach strebt, Erleuchtung zu erlangen und das Dao zu verwirklichen, indem er durch unterschiedliche Methoden wie Meditation (Qigong, Taijiquan), Konzentration, Visualisation, Imagination, Atemtechniken, Alchemie, Ritual und Magie aus Geist und Körper, dem Mikrokosmos, ein Abbild des Makrokosmos erschafft und auf diese Weise eins wird mit dem Universum.
Das erste gesicherte Datum des Daoismus als Religion ist das Jahr 215 n.Chr., als Cao Cao die Kirche der Himmelsmeister anerkannte.
Viele Schulen des Daoismus strebten nach Unsterblichkeit und sind wahrscheinlich aus schamanistischen Techniken und Unsterblichkeitskulten entstanden (s.Fangshi), die sich dann während der Han-Zeit mit der philosophischen Richtung des Daoismus verbunden haben.
Alle Schulen des Daoismus streben danach, zum Ursprung zurückzukehren, dies wird in daoistischen Begriffen z.B. die Rückkehr zum Einen, zur Perle, die Rückkehr zum Zustand, bevor es Himmel und Erde gab genannt. Diese Rückkehr geschieht, indem der daoistische Adept ein klassifizierendes System benutzt, dessen kosmologische Grundlagen Yin und Yang, die fünf Wandlungsphasen sowie andere numerologische Koordinaten sind und sich in den Mittelpunkt des so von ihm konstruierten Kosmos begibt und einordnet, verbindet, bestimmt und benennt um eine Integration zu erreichen und aus der Welt ein Instrument des Geistes zu machen.
Die daoistischen Götter, auch „Unsterbliche“ genannt, haben oft keine Geschichte, andere gehen auf historische oder legendäre Personen zurück, die als bedeutend für die Entwicklung von Land und Volk angesehen werden. Sie stellen aber eher eine Inkarnation von Funktionen als Individuen oder Götter im westlichen Verständnis dar. Neben den Göttern, von denen der Adept geheiligt wird, gibt es auch Götter, über die er befehlen kann.
Verhältnis zum Buddhismus
Als der Buddhismus im 2. Jahrhundert nach China kam, wurde er erst als eine seltsam verzerrte Variante des Daoismus wahrgenommen, weil die ersten Übersetzer von buddhistischen Konzepten Begriffe aus der daoistischen Lehre verwendeten. Außerdem besagte eine daoistische Legende, dass die Gründerfigur Laozi nach Westen ausgewandert war. In China erklärte man daher einfach, Laozi sei nach Indien gekommen und hätte als Buddha die „Barbaren“ zum Daoismus bekehrt, diese hätten die Lehre aber nicht vollkommen begriffen, und so sei der Buddhismus entstanden.
Durch diese Auffassung herrschte anfangs eine gewisse Nähe und ein reger Austausch von Ideen; der Daoismus übernahm beispielsweise vom Buddhismus die Höllenvorstellungen und die Organisation seines Mönchswesens.
Durch die gegenseitige Beeinflussung von Daoismus und Buddhismus entstanden auch neue Schulen. Ein erfolgreiches Beispiel einer solchen Verschmelzung ist der Chan-Buddhismus (; japanisch: 禅【ぜん】 zen). Sein Einfluss war prägend für die chinesische Tang- und Song-Zeit und hält in Japan bis heute an.
Ein Beispiel für die Übernahme buddhistischer Ideen ist die daoistische Schule Quanzhen.
Die Himmelsmeister
Im 2. Jahrhundert entstand die erste daoistische Organisation beziehungsweise „Kirche“, als Zhang Daoling (Chang Tao Ling) 142 n.Chr. in Sichuan die Bewegung der Himmelsmeister (tianshi dao) gründete. Zhang Daoling nahm dabei vermutlich Anleihen beim Buddhismus, möglicherweise auch beim monotheistischen Mazdaismus.
In der Gruppe, die nach einer Abgabe, die ihre Anhänger zu leisten hatten, auch „Fünf-Scheffel-Reis“-Bewegung (wudoumi dao) genannt wird, herrschten messianische und revolutionäre Gedanken vor: Die Han-Dynastie sollte gestürzt werden, damit der Himmelsmeister Zhang Daoling regieren und die Endzeit beginnen konnte.
Etwa 30 Jahre lang existierte sogar ein Himmelsmeister-Staat, der durch einen großen Verwaltungsapparat charakterisiert war. Die Bürokratie spiegelte die Vorstellung vom Himmel wieder, der im Glauben der Himmelsmeister auch bürokratisch gegliedert ist. Bitten und Gebete wurden in Formularen verfasst und durch Verbrennung an die jeweils zuständigen Gottheiten geschickt.
In der Himmelsmeister-Bewegung entstand eine ausgeprägte Ethik und ein daoistischer Kultus. Durch die Pflichtbeiträge entwickelten sich die Gemeinden zu ökonomisch bedeutsamen Organisationen. Unter der Wei-Dynastie (386-534) traten immer mehr Mitglieder der Aristokratie der Himmelsmeister-Bewegung bei. Auch viele Dichter und Künstler gehörten ihr an.
Ab dem 2. Jh. wurde auch Laozi nicht mehr nur als alter Weiser gesehen, sondern als Gott verehrt. Ebenso wurde aus dem abstrakten Begriff des Dao eine personale Gottheit. Jedoch stellen die Götter des Daoismus eher eine Verkörperung von Funktionen als individuelle Entitäten dar. Die Ritualgötter sind im allgemeinen entweder abstrakte Instanzen oder Verkörperungen von Naturkräften, zum Beispiel der Erde, der Flüsse, des Regens, der Berge. Auch der vergöttlichte Laozi stellt eher eine Hypostase des Dao und des daoistischen Heiligen dar, wie Zhuangzi ihn beschrieb, weniger eine personale Gottheit, wie sie der westlichen Vorstellung entspricht.
Entwicklung zur Volksreligion
Schon die daoistischen Philosophen verwendeten bildhafte Geschichten und alte Volkssagen, um ihre Ideen zu erläutern. Während der Han-Zeit verband sich der Daoismus mit älteren kosmologischen, theologischen und anthropologischen Vorstellungen, deren Spuren sich schon in der Shang-Zeit finden lassen. Diese älteren Vorstellungen stammen wahrscheinlich aus Unsterblichkeitskulten und der schamanistischen Tradition (siehe Fangshi). Auch mehr und mehr volkstümliche Bräuche, Riten und buddhistische Elemente hielten Einzug in die daoistischen Praktiken. Die daoistische Religion wurde polytheistisch und definierte sich durch eine gemeinsame liturgische Tradition. Es entstand ein reichhaltiger Götterhimmel, dessen genaue Ausformung sich von Schule zu Schule unterscheiden konnte, in dem sich aber drei oberste Gottheiten, die Drei Reinen, herauskristallisierten: Yuanshi tianzun, der Himmeslehrwürdige des Uranfangs, Daojun oder Lingbao tianzun, der Herr des Dao bzw. Himmelsehrwürdige des magischen Juwels und Daode tianzun oder Taishang Laojun, der Himmelsehrwürdige des Dao und des De bzw. der höchste Herr Lao, welcher der vergöttlichte Laozi ist.
Das liturgische System bildet den formalen Rahmen für unterschiedliche lokale Kulte und das daoistische Pantheon wird bevölkert von kosmischen Gottheiten, Naturgöttern, Dämonen, Geistern, Unsterblichen (Xian) und Vollkommenen (Zhenren). Sitz des Pantheons sind heilige Berge und Grotten, die ein mikrokosmisches Abbild des Makrokosmos darstellen, sowie Tempel, Altar und Körper.
Durch die Himmelsmeister-„Kirche“ Zhang Daolings vollzog sich eine gewisse Vereinigung der verschiedenen daoistischen Gemeinschaften. Diese starke und breitenwirksame Organisation wurde während der Sui- und Tang-Dynastie zu einer echten Volksreligion und religiösen Macht. Die Dynastie der Tang behauptete, von Laozi abzustammen und machte seine Verehrung zu einem offiziellen Kult. Der daoistische Kaiser Xuanzong gründete landesweit daoistische Tempel und hatte eine große Vorliebe für daoistische Rituale. Aus der Ming- und Tangdynastie gibt es auch die meisten daoistischen Schriften. Es handelte sich um die Blütezeit des Daoismus.
Unter der Song-Dynastie (960-1279) wurde der Daoismus dann vollständig in die Volkskultur integriert, u. a. dadurch, dass die lokalen und regionalen Organisationen durch Kaiser Zhenzong zu einem Netzwerk offiziell geförderter Tempel zusammengeschlossen wurden, die auch säkulare Aufgaben wie die Organisation von Märkten und das Eintreiben der Handelssteuer übernahmen.
Als Chinas letzte Dynastie, die Qing im Jahre 1644 gegründet wurde, wurde der Daoismus mit Restriktionen und Verboten belegt, da die Qing dem orthodoxen Konfuzianismus nahestanden und die Mandschu Angst vor chinesischem Nationalismus hatten, weshalb sie lokale Organisationen unterdrückten.
Im Taiping-Aufstand 1849 wurden dann sämtliche Tempel, sowohl buddhistische als auch daoistische, zerstört und im Verlauf des 20Jh. verstärkte sich die Tendenz immer mehr, die ursprüngliche chinesische Religion zu zerstören.
Daoistische Praktiken
Im Laufe der Jahrtausende entstanden in China eine Vielzahl daoistischer Schulen mit unterschiedlichen Lehrinhalten und Praktiken. Ein Hauptmerkmal des religiösen Daoismus war jedoch in vielen Schulen die Suche nach Unsterblichkeit. Viele Praktiken haben ihre Ursprünge in den Praktiken der Fangshi des Altertums. Der daoistische Kanon (Daozang) der in seiner letztgültigen Fassung 1442 zusammengestellt wurde, gibt von den unterschiedlichen Praktiken einen Eindruck. Er enthält tausende von Werken, und die Texte handeln u. a. von Philosophie, Liturgie, Ritualistik, Magie, Sexualpraktiken, Medizin, Imagination und mythischen Welten, Hagiographien, dem Yijing (I Ging), Alchemie, Moral, Meditationstechniken und Hymnen.
Die ersten Texte, die eine detaillierte Beschreibung der nach innen gewendeten Meditation gaben, waren die der Shangqing-Schule, bzw. das Shangqingjing (Buch der großen Reinheit), welche ab dem 4. Jh. n. Chr. entstanden. Die Shangqing Meditationen enthalten unterschiedliche Elemente: Der Adept verkehrt rituell und imaginativ mit Göttern, rezitiert heilige Texte und visualisiert und durchläuft komplex strukturierte Elemente und Prozesse der Kosmologie, Mythologie und Symbolik des Daoismus. Die Visualisationen dieser Schule stellen Reisen in geistige Welten dar, wie sie schon von den Schamanen der Shang-Zeit ausgeführt wurden. Sie führen in Reiche der irdischen Paradiese, der Götter, der stellaren Welten, der Bewegungen von Yin und Yang und der verschiedenen Formen von Qi (Energie). Das Ziel der komplexen Techniken ist es, durch die Harmonisierung von Geist und Körper zur ursprünglichen Einheit zurückzukehren. Wiederholt stellen Kenner daoistischer Praktiken die Behauptung auf, bei diesen Reisen handele es sich - zumindest bei einigen Adepten - um außerkörperliche Erfahrungen.
Im Streben nach Unsterblichkeit entwickelten Daoisten einige alchemistische Techniken, später dann auch Techniken der inneren Alchemie. Einer der Vertreter dieser Richtung war Ge Hong. Etwa seit dem 4. Jahrhundert n.Chr. wurde versucht, Elixire oder Pillen herzustellen, die das Leben verlängern. Dabei spielten Zinnober (Dan), Quecksilber (Gong) und Gold (Jin) eine besondere Rolle. Durch die Eigenschaften, die sie in chemischen Reaktionen zeigen, galten sie als Elemente, die die Unwandelbarkeit in äußerlicher Veränderung (ein zentrales Merkmal des Dao) verkörpern. Viele, die sich von den Pillen Langlebigkeit versprachen, starben an Quecksilbervergiftung, was wohl einer der Gründe dafür war, dass die Alchemie bis zum Ende der Tang-Zeit immer unpopulärer wurde und verstärkt eine Hinwendung zur inneren Alchemie stattfand. Durch die alchemistischen Forschungen wurden jedoch auch andere Gebiete befruchtet, beispielsweise entstanden dadurch das Schießpulver und halluzinogene Drogen, ebenso wurde die Medizin beeinflusst.
Die Shangqing-Meditationen zeigen bereits eine Hinwendung von der äußeren zur inneren Alchemie, die sich im 9. Jh. dann vollends ausbildete. Anstatt Substanzen im Labor zu mischen, wurden der eigene Körper und Geist als "inneres Labor" verstanden. Es galt nun, durch meditative Techniken das uranfängliche Chaos zu strukturieren und durch Kultivierung von Vitalität (Jing), Energie (Qi) und belebendem Geist (Shen) die Leere und Einheit zu verwirklichen.
Voraussetzung für diese Praktiken ist die Vorstellung, dass Analogien zwischen allen Ebenen bestehen, das heißt, dass Kosmos, Erde und Mensch analog strukturiert sind und sich in allen Details entsprechen.
Eine Schule, die sich durch Beeinflussung durch den Buddhismus verstärkt dem liturgischen Ritual zuwandte, war die Lingbao Pai.
Ein weiterer Abkömmling des Daoismus ist das Feng Shui, welches ursprünglich Geomantie war, später sich aber darauf bezog, die Umgebung des Menschen nach bestimmten Prinzipien zu ordnen, um Glück, Erfolg und Harmonie zu erzeugen.
Unter der sozialistischen Diktatur wurden die Religionen Chinas unterdrückt und verfolgt, während der Kulturrevolution wurden viele Klöster und Tempel zerstört, Schriften vernichtet und die Mönche und Nonnen umerzogen. Mittlerweile besinnt man sich auch in der Volksrepublik wieder auf das religiöse Erbe sowie auf das daoistische Handlungswissen in Bezug auf die Heilkunst und viele Klöster und Tempel wurden wieder aufgebaut, Ausbildungsstellen für Möche und Nonnen geschaffen und sogar einige universitäre Forschungsstellen für Daoismus eingerichtet. Es gibt um die Jahrtausendwende in der VR China ungefähr dreitausend daoistische Heiligtümer.
Der Staat hat in der Volksrepublik eine offizielle Version des Daoismus durchgesetzt, die Wohlwollen, Patriotismus und den Dienst an der Öffentlichkeit betont. Die Ausbildung eines Daoisten in der Volksrepublik umfasst daoistische Doktrin, Rituale, Musik, Kalligraphie, Philosophie, Kampfkunst und Englische Sprache. Viele daoistische Priester sind jedoch nicht gemeldet und gehören nicht den Regierungsorganisationen an, so dass die Statistiken widersprüchlich sind. Die wieder aufgebauten Tempel sind gut besucht, zu einigen Anlässen wie dem Laternenfest kommen Tausende von Pilgern, woraus man schließen kann, dass der Daoismus auch in der Volksrepublik noch eine Rolle spielt.
Viele Daoisten flohen nach Taiwan, wo der daoistische Kultus nach wie vor blüht. Im heutigen China existieren noch zwei Hauptlinien der religiösen daoistischen Tradition, der Quanzhen-Daoismus (Schule der vollständigen Wahrheit), auch als neidan, innere Alchemie, bezeichnet, und der Zhengyi-Daoismus (Schule der orthodoxen Einheit), welcher direkt auf die Tradition der Himmelsmeister zurückgeht.
Die Quanzhen-Daoisten leben monastisch und zolibatär und legen die Hauptpraxis auf Meditation, während die Zhengyi-Daoisten heiraten dürfen und auch in priesterlichen und magischen Funktionen, beispielsweise als Ritualpriester bei Tempeln, Familien und Einzelpersonen, d.h. auch bei Begräbnis- und Hochzeitsriten oder Exorzismen und Heilungen arbeiten. Der Zhengyi-Daoismus besitzt im Gegensatz zum Quanzhen, der stark buddhistisch beeinflußt ist, eine ausgeprägte Ritualistik und magische Praktiken. Die Tempel, in die die Zhengyi-Priester eingeladen werden, verehren meistens Lokalgötter.
Es werden Rituale zu vielen Anlässen durchgeführt: Dem Geburtstag des Lokalgottes, der Restauration eines Tempels oder um eine neue Götterstatue einzuweihen. Ein Ritual kann bis zu neun Tage dauern, und ist oft verbunden mit Theateraufführungen, Prozessionen und Opfern. Viele Rituale sind ausgeprägt liturgisch. Das Hauptritual ist eines der kosmischen Erneuerung und Rückverbindung.
Die monastische Quanzhen-Schule unterscheidet sich vom Zhengyi durch das zurückgezogene Leben der Meditation und inneren Alchemie, ohne der Allgemeinheit die Arbeit in einem Ritualservice anzubieten und ihn durchzuführen. Innere Alchemie strebt nicht nach Herstellung eines Stoffes oder physischer Unsterblichkeit, sondern stellt eine Erleuchtungstechnik dar, eine Methode der Ordnung von Selbst und Welt. Sie ist eine operative Disziplin, die durch einen schöpferischen Akt zur Geburt eines neuen Menschen führen soll und die Erhöhung des Geistes über die Welt anstrebt. Da die Quanzhen-Schule viele Elemente des Buddhismus übernommen hat, besitzt sie einen stark spekulativen Charakter und die Texte dieser Schule sind durch bestimmte Merkmale charakterisiert:
- Geistige und physische Schulung
- die Praxis unterschiedlicher Techniken wie Atemübungen, Visualisationen und innerer Alchemie
- die Übernahme bestimmter Spekulationen des Buddhismus, z. B. über Wu (Leere) und You (Dasein) und die Methode der Gong'ans (jap. Koan)
- die Übernahme konfuzianischer Werte
- Eine systematische Verwendung des Yijing, sowie alchemistischer Techniken in einer metaphorischen, geistigen Form.
Techniken der Shangqing-Schule werden nach wie vor von Zhengyi und Quanzhen praktiziert.
Der Daoismus im Abendland
Die Geschichte der Rezeption des Daoismus in der westlichen Welt ist ungefähr 200 Jahre alt, und vor allem das Daodejing beeinflusste u. a. Kunst, Literatur, Psychologie und Philosophie.
Die erste Übersetzung des Daodejing ins Lateinische durch einen Jesuiten stammt aus dem Jahr 1788. Von den 60er Jahren des 19. Jh. bis Anfang des 20 Jh. erschienen dann größere Mengen an Laozi-Übersetzungen, die hauptsächlich von Missionaren angefertigt wurden, so daß es nicht verwunderlich ist, daß die meisten dieser Übersetzungen tendenziös christlich sind. Auch die im deutschen Sprachraum bekannteste Übersetzung von Richard Wilhelm kann ihren christlichen Hintergrund nicht leugnen.
Im 19 Jh. wurde dann die Rezeption des Daoismus im Westen stark durch die Theosophische Gesellschaft, die eine Mischung aus indischer Mystik und westlichem Okkultismus propagierte, beeinflusst.
Nach dem Ende des ersten Weltkrieges verstärkte sich das Interesse an östlicher Weisheit und insbesondere die Pazifisten wendeten sich dem Wu wei, dem Nicht-Handeln zu. So rief beispielsweise der deutsche Dichter Klabund im Jahr 1919 in seiner Schrift "Hör es Deutschland" das Volk auf, nach dem heiligen Geist des Dao zu leben, und in Deutschland brach durch die Übersetzungen des Zhuangzi und des Laozi durch Richard Wilhelm und durch Martin Buber eine regelrechte Daoismus-Euphorie aus, die sich unter Literaten und Künstlern verbreitete. So wurden insbesondere Hermann Hesse, Alfred Döblin und Bertolt Brecht durch diese Übersetzungen beeinflusst.
Döblins Roman „Die drei Sprünge des Wang-Lun“ und Charles Waldemars „Das Kleinod des Lao-Tse“ zeigen zum Beispiel eine starke Annahme daoistischen Gedankengutes, insbesondere des Wu wei, und Hesses gesamtes Werk ist von östlicher Philososphie durchdrungen, während Brecht im Daoismus eher eine Überlebensstrategie für die Zeit des Nationalsozialismus sah.
Die Rezeption des Daoismus durch die Psychologie fällt auch in die Zeit des zweiten Weltkrieges. Carl Gustav Jung fand in Übersetzungen der daoistischen Werke „Das Geheimnis der goldenen Blüte“ und des älteren „Yi Jing“ durch Richard Wilhelm starke Anregungen zur Entwicklung seiner eigenen psychologischen Theorien und er schrieb zu beiden das Vorwort.
In den 20er Jahren wurden dann die Ideen des Daoismus durch den damals populären Philosophen Hermann Graf Keyserling aufgenommen und verbreitet, der in den daoistischen Klassikern die tiefsten Aussprüche zur Lebensweisheit fand.
Auch der Philosoph Martin Heidegger wurde durch Übersetzungen daoistischer Texte durch Richard Wilhelm und Martin Buber inspiriert, jedoch auch der Zen-Buddhismus beeinflusste sein Werk. Heideggers nicht nihilistische Darstellung vom Nichts als „Fülle“ scheint direkt auf den Daoismus zurückzugehen.
Karl Jaspers, ein anderer Existenzphilosoph dieses Jahrhunderts schrieb das Werk „Lao-tse/Nagarjuna-zwei asiatische Mystiker“, in dem er sich um das Verständnis des Daoismus bemühte, und auch Ernst Bloch setzte sich mit dem Daoismus auseinander.
In den 50er Jahren fand der Daoismus dann über den Umweg des Zen-Buddhismus Eingang in die westliche Kultur. Die Poeten und Künstler der beat generation fanden Gefallen an den Ideen des Zen und popularisierten ihn. Breiten Raum fand dabei die Darstellung des Daoismus als Ursprung des Zen wie z. B. in Alan Watts Werk „The Way of Zen“, der später zum Begründer eines amerikanischen Daoismus wurde, durch das Buch „Tao: The Watercourse Way“, dessen Ideen sich besonders in der Hippie-Bewegung ausbreiteten.
In den 70er und 80er Jahren wurde dann das Dao als Allheilmittel für die erkrankte westliche Kultur in Europa gesehen. Der Daoismus wurde trivialisiert und vornehmlich auf die ältere Yin und Yang Lehre bezogen und breitete sich in dieser Form in der New Age Bewegung aus.
Nach Fritjof Capras „Das Tao der Physik“ von 1976 erschienen dann größere Mengen an populärdaoistischen und trivialisierten Werken wie „Das Tao Kochbuch“ oder „Easy Tao“, wobei Capras Ansatz repräsentativ ist für die Verwurstung des Dao.
Peter Sloterdijk reagierte demgemäß in seinem Buch „Eurotaoismus“ spöttisch auf dieses „östliche Philosophie fast food“.
Inzwischen ist der Daoismus durch die Esoterik-Welle zum integralen Bestandteil der westlichen Kultur geworden und ein Viertel des Esoterik-Buchhandels wird mit Werken zum Daoismus bestritten.
Unterschiedliche Transskriptionen
Literatur
Daodejing
- Günter Debon (übers.): Tao-te-king. Das heilige Buch vom Weg und von der Tugend, Stuttgart 1961.
- Viktor Kalinke (übers.): Studien zu Laozi - Eine zweisprachige (deutsch/chin.) Ausgabe des Daodejing, Edition Erata, ISBN 3-934015-15-8.
- Ernst Schwarz (übers.): Laudse, Daudedsching. Reclam 1970 oder dtv 1985.
- Richard Wilhelm (übers.): Laotse. Tao Te King. Das Buch vom Sinn und Leben, München (Diederichs Gelbe Reihe 19) 1978. ISBN 3-424-01411-7 (Orig. 1910).
- Richard Wilhelm (übers.): Laotse. Tao Te King. Das Buch vom Sinn und Leben, Wiesbaden (Matrix Verlag) 2004. ISBN 3-937715-07-X (Orig. 1921).
Nan hua zhen jing (Das wahre Buch vom südlichen Blütenland)
- Victor H. Mair (übers.): Zhuangzi. Das klassische Buch daoistischer Weisheit, Frankfurt/M. 1998.
- Richard Wilhelm (übers.): Dschuang Dsi. Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, München (Diederichs Gelbe Reihe 172) 1969. ISBN 3-89631-421-1 (Orig. 1912).
Weitere Bücher:
- Fritjof Capra: Das Tao der Physik, ISBN 3426773244.
- Gary Zukav: Die tanzenden Wu Li Meister, ISBN 3499179105.
- Thomas Cleary (Hrsg.): Die drei Schätze des Dao, Frankfurt/Main 1996 ISBN 3-596-12899-4
- Theo Fischer: Wu wei, Hamburg 2002, ISBN 3-499-19174-1
- Theo Fischer: Lass dich vom Tao leben, Hamburg 2002, ISBN 3-499-60699-2
- Raymond N. Smullyan: Das Tao ist Stille, Frankfurt 1994, ISBN 3-8105-1858-1
- Christhop Gitter: Geschichte des Daoismus ISBN 3-424-01298-X
- Isabelle Robinet: Taoist Meditation,New York 1993, ISBN 0-7914-1360-8
- Isabelle Robinet: Geschichte des Taoismus, München 1995 ISBN 3-424-01298-X
- Livia Kohn (Hrsg.): Daoism Handbook, Leiden 2000, ISBN 90-04-11208-1
- Josef Thesing/Thomas Awe (Hrsg.): Dao in China und im Westen, Bonn 1999, ISBN 3-416-02864-3
Weblinks
- http://home.pages.at/onkellotus/ Online Sammlung von Übersetzungen des Daodejing
- http://www.tao-te-king.org/index.html Dàodé Jīng online German + English
- http://www.taiji-qidao.de Taijixue - Traditionelle Schule des philosophischen Daoismus
- http://www.tianchan.de/ Tianchan - traditionelle daoistische Strömungen
- http://www.daoistcenter.org/ Zentrum für daoistische Studien (engl.)
- http://rels.queensu.ca/dao/ Daoistische Studien: Quellen und Informationen (engl.)
- http://www.eng.taoism.org.hk/ Taoist Culture & Information Centre
- http://www.truetao.org/ - Daodejing-Übersetzung und Kolumne mit lebenspraktischen Artikeln(engl./dt./frz.)
- http://www.iging.biz Einführung ins I Ging über die acht Trigramme
- http://www.dailytao.org/ englische Übersetzung des Daodejing, täglich wechselnd ein Kapitel
Online-Audio-Beiträge
- [http://www.br-online.de/wissen-bildung/collegeradio/medien/ethik/china/ Die Seele Chinas - Zur Aktualität taoistischer Ideen]
Siehe auch
Dao,
De,
Laozi, Daodejing,
Zhuang zi,
Ge Hong,
Himmelsmeister,
Shangqing,
Neidan,
Zhang Daoling,
Yi jing,
Yin und Yang,
Taiji,
Konfuzianismus,
Buddhismus
Kategorie:Chinesische Philosophie und Religion
ja:道教
ko:도교
ms:Taoisme
zh-min-nan:Tō-kàu
MeditationMeditation (lat. meditatio = "das Nachdenken über" oder lat. medius = "die Mitte") ist eine Konzentrationsübung mit dem Zweck, einen veränderten Bewusstseinszustand oder letztlich sogar die Erleuchtung zu erreichen. Im älteren Sprachgebrauch bezeichnet "Meditation" einfach ein Nachdenken über ein Thema oder die Resultate dieses Denkprozesses. In manchen Religionen wird die Meditation als eine besondere Form des Gebets betrachtet.
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Unter Meditation kann man jede absichtslose Konzentration auf eine Tätigkeit oder einen Gegenstand verstehen. Die Konzentration wird dabei nicht durch den Verstand gesteuert, sondern ergibt sich als Folge der Versenkung. Die Tätigkeit kann aktiv manipulierend sein, es kann sich aber auch um innere Kontemplation eines Gegenstandes oder einer Idee handeln. Wesentlich ist in jedem Fall ein Zustand der "entspannten Aufmerksamkeit", förderlich ist eine Umgebung ohne Störreize, bzw. die Fähigkeit, seine Sinne ruhen zu lassen. Neurologisch geht ein meditativer Zustand oft mit einer Änderung des Hirnwellenmusters einher.
Es wird unterschiedlich diskutiert: Einerseits wird die Position eingenommen, dass das Ziel der Meditation vielfältig sei, andererseits wird vorgebracht, dass es bei dem Ziel der Meditation einzig darauf ankäme, sich als "eins mit dem Ganzen zu erleben".
Der Begriff Meditation wird als Beschreibung eines Zustands und auch als eine Technik des Meditierens benutzt.
Der Zustand, der erreicht werden soll, kann je nach Art der Meditation recht unterschiedlich sein. Insbesondere bei einigen Varianten der aktiven Meditation ist er kaum von den Begriffen Trance und Ekstase abzugrenzen.
Der Gegenstand der Meditation kann beinahe beliebig sein, so dass auch Musizieren oder sogar einfache, d. h. nicht Aufmerksamkeit fordernde Arbeiten auf meditative Art ausgeführt werden können. Einige der bekanntesten Meditationstechniken beziehen sich auf den Atem, die Beobachtung des Atems (Zen Meditationstechniken, Yoga). Andere wiederum wie in der christlichen Tradition verankerte auf das "Gehen" (z.B. Sankt Jakobs Weg in Spanien) oder das Arbeiten ("ora et labora").
Eine Meditationstechnik kann allein oder in einer Gruppe unter Anleitung durchgeführt werden.
Man kann die verschiedenen Meditationstechniken grob in zwei Gruppen einteilen, in die passive (kontemplative) Meditation und die aktive Meditation. Des Weiteren ist zu unterscheiden, ob äußere Reize (wie Musik oder Lichteffekte) und entheogene Substanzen eine Rolle spielen. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist oft nur die passive Form ohne äußere Reize mit dem Wort Meditation gemeint, andere Formen werden dann meist als Rituale, Übungen oder ähnliches beschrieben.
Meditation ist wesentlicher Bestandteil vieler Religionen, in denen das Sich-Versenken als Übung zur Annäherung an ein höheres Wesen ("Gott") oder einen höheren Bewusstseinszustand verstanden wird. Dabei ist es allerdings recht unterschiedlich, ob eine stille, passive Form oder eine aktive gewählt wird.
Stille Meditation
Die christlichen Traditionen von Jesusgebet und Eucharistie sind Techniken, die neben ähnlichen Gebets- und Konzentrationsübungen ursprünglich als Meditation bezeichnet wurden. Dieses Wort wurde dann später für die aus dem Osten importierten Techniken übernommen. Das führt manchmal zur Verwirrung, weil sich die verschiedenen Traditionen in Form und Wirkung zum Teil wesentlich unterscheiden.
Die stille (passive, kontemplative) Meditation ist vor allem im Hinduismus und Buddhismus, einigen Schulen des Daoismus sowie im Christentum verbreitet. Auch moderne, westliche Varianten folgen meist dieser Form. Eine Extremform der stillen Meditation bedient sich der Reizdeprivation, um eine Veränderung des Bewusstseinszustandes herbeizuführen.
Im Hinduismus und Buddhismus ist die Meditation (sanskrit: dhyana) ein zentrales Element. Sie wird traditionellerweise im Lotus-Sitz ausgeübt. Meditation hat vor allem als Bestandteil des Yoga Verbreitung gefunden.
Seit einigen Jahrzehnten wurde in den westlischen Ländern Meditation als Mittel gegen Zivilisationsfolgen wie Lärm, Hektik, Leistungsdruck und anderen Stress beliebt.
Autogenes Training dient der Entspannung und der Lenkung des Bewusstseins, wird aber in der Regel nicht als Meditation oder Yoga verstanden, weil Suggestionen eine größere Rolle als bei traditionellen Formen des Meditierens haben. Auch werden im klassischen Yoga mit der Meditation spirituelle Ziele verfolgt, wohingegen beim Autogenem Training medizinisch-therapeutische Aspekte eine größere Bedeutung haben. Therapeutische Meditation als ein Weg der Hypnotherapie gehört ebenfalls in diese Kategorie.
Musikalische Meditation
Viele Schulen verwenden rhythmische Klänge und Musik, um die Meditation zu erleichtern. In der christlichen Tradition sind das insbesondere Choräle, aber auch das Rosenkranz-Gebet kann ähnlich einem Mantra meditativ sein. Im Hinduismus und Buddhismus werden sowohl Mantras entweder lautlos, leise gesprochen oder als Gesänge (Chanting) benutzt. Die Gospels der Christen sind im Allgemeinen keine musikalischen Meditationen, da sie zwar Gesang beinhalten, aber hauptsächlich der Bestätigung des eigenen Glaubens dienen und zur Aufhellung der Stimmung beitragen. In einigen Formen kann der Gospel-Gesang aber durchaus zu einem Trance-Zustand führen.
Eine der aktiven Formen ist die durch Tanzen unterstützte "Meditation", die vor allem in der orientalischen Tradition (z. B. Dhikr im Sufismus, der islamischen Mystik) und bei vielen Naturvölkern zu finden ist. Hierbei werden meist sehr monotone Tanzbewegungen über lange Zeit ausgeführt, oft gestützt durch einen schnellen Trommelrhythmus oder durch Schellen oder Rasseln, die die Tänzer selbst tragen. Durch diese Technik ist es möglich, einen tranceartigen Bewusstseinszustand zu erreichen. Ob diese Techniken noch unter den Begriff der Meditation fallen ist allerdings unklar.
In diesem Sinne könnte man heutige Techno-Raves auch als musikalische Meditation betrachten. Die Musik besteht im wesentlichen aus schnellen, wiederkehrenden Rhythmen, und auch hierbei werden monotone Tanzbewegungen teils stundenlang ausgeführt.
Körperliche Meditation
Häufig wird auch eine körperliche Tätigkeit benutzt, um einer Meditation einen Fokus zu geben. Die einfachste Tätigkeit, die so benutzt wird, ist wohl das Gehen, das sowohl in der christlichen Kultur (bei verschiedenen Mönchsorden, etc.) als auch in der fernöstlichen Kultur Anwendung findet.
In der Tradition des Yoga werden verschiedene Körperhaltungen und Übungen, sowie Fasten und andere Arten der Askese verwendet, um die Meditation zu unterstützen. Im Zen-Buddhismus hingegen können ganz unterschiedliche Tätigkeiten Gegenstand der Meditation sein, wie z. B. das Blumenbinden (Ikebana), die Kalligraphie (Shodō) oder das Bogenschießen (Kyūdō).
Auch Kampfkünste können Gegenstand und Vehikel der Meditation sein: besonders in den daoistischen Traditionen der inneren Kampfkünste (z. B. Taijiquan) spielt der meditative Aspekt eine große Rolle. In manchen Stilen tritt dabei der kämpferische Ursprung fast völlig zurück. Auch in vielen der äußeren Kampfkünste werden meditative Praktiken geübt.
In einigen Traditionen, zum Beispiel beim so genannten roten Tantra, werden auch sexuelle Handlungen und Reize zur Meditation eingesetzt.
In neuerer Zeit (ab Ende 1970) hat Bhagwan Shree Rajneesh auch in seinem Ashram in Poona auf den "westlichen" Menschen zugeschnittene Meditationstechniken entwickelt. Hierunter fallen die Dynamische Meditation, die Kundalini-Meditation, die Nataraj-Meditation und die Nadabrahma-Meditation. Eine weitere im Westen bekannte Meditationsschule ist die Transzendentale Meditation (TM). Die Organisationen, die Kurse in diesen Meditationstechniken anbieten, sind umstritten.
Die medizinischen Wirkungen, wie sie die Gehirnstrommessungen sogar nachweisen, werden auch mit dem gemeinsamen Wortstamm mit "Med"izin gefunden: als das ursprüngliche Ziel der inneren Mitte. Früher waren Ärzte zugleich Priester.
Entheogene Meditation
Manche Kulturen setzen auch entheogene Substanzen (bewusstseinserweiternde Drogen) bei der Meditation ein. Dazu muss allerdings bemerkt werden, dass die Einnahme einer Droge allein i. A. nicht zu einem meditativen Zustand führt — hierzu sind auch die entsprechenden mentalen Techniken notwendig. Auch ist es bei vielen dieser Praktiken unklar, ob sie noch unter den Begriff der Meditation zu fassen sind.
Das Spektrum der verwendeten Substanzen ist sehr breit, und auch die erzielte Wirkung ist je nach Art und Dosis der Droge recht unterschiedlich. Es beginnt bei leichten Stimulanzien, wie zum Beispiel dem im Katholizismus verwendeten Weihrauch, über psychotrope Substanzen wie Cannabis, das vor allem bei den Rastafari zu religiösen und meditativen Zwecken eingesetzt wird. Auch bei dem Schwitzhüttenritual nordamerikanischer Indianer werden zum Teil psychoaktive Pflanzen angewandt. Starke Halluzinogene werden vor allem in schamanistisch geprägten Kulturen benutzt, um, meist in Verbindung mit einem Tanz oder ähnlichem Ritual, in einen Trance-Zustand einzutauchen.
Meditationsarten
- Autogenes Training
- Jesusgebet
- Mantra
- Qigong
- Samatha
- Tafeln von Chartres
- Taijiquan
- Transzendentale Meditation
- Vipassana
- Gehmeditation
- Zazen
- Kontemplation
Literatur
- Sakyong Mipham (Vorwort von Pema Chödrön): Wie der weite Raum. Die Kraft der Meditation, dtv 2005
Weblinks
- [http://www.zeit.de/2005/38/Dalai-Bewusstsein Dalai Lama: Mehr Licht im Labor! Über Meditation] - Dalai Lama in einem Beitrag der zeit.de/2005/38
- [http://www.kontemplation.at Sitzmeditation in der Stille]
- [http://www.bio.com/newsfeatures/newsfeatures_research.jhtml?cid=14400147 bio.com: Meditation Associated with Increased Grey Matter in the Brain (engl.)] - Bericht über eine in NeuroReport (16: 1893-1897, 2005) veröffentlichte Studie über die durch Meditation vermittelte Dickenzunahme bestimmter kortikaler Regionen des Gehirns
Kategorie:Buddhismus
Kategorie:Religion
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Kategorie:Spiritualität
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Kategorie:Zen
Kategorie:Yoga
ja:瞑想
HimmelsmeisterDie Himmelsmeister (chin. 天师道/天師道 Tiānshī Dào = Weg des Himmelsmeister) sind eine religiöse daoistische Organisation, deren Ursprünge in der späteren Han-Zeit liegen. Die Bewegung der Himmelsmeister wurde durch Zhang Daoling gegründet und es handelt sich um die erste Erscheinungsform des organisierten Daoismus, die bis in die heutige Zeit in China fortbesteht.
Geschichte
Die historischen Vorläufer der Himmelsmeister sind die Bewegung der Gelben Turbane (Taiping Dao) in Zentral- und Ostchina und der Fünf Scheffel Reis(Wudoumi Dao) in der Provinz Sichuan. Die Gelbturbane nahmen große Scharen an Anhängern auf und es handelte sich um eine messianische Bewegung. Im Jahre 184 wurde durch die Gelbturbane ein Aufstand angezettelt, der die für dekadent gehaltenen Han stürzen sollte und das Zeitalter des großen Friedens (Taiping) anbrechen lassen sollte. Die Praktiken der Gelbturbane wie Heilung durch Sündenbekenntnis, Exerzitien, Rezitation heiliger Texte und Hierarchien waren den Praktiken der Himmelsmeister sehr ähnlich, die darüber hinausgehend auch eine Schrift der Gelbturbane, das Taiping Jing, den Klassiker vom großen Frieden, übernahmen.
Dem Gründer der Himmelsmeister Zhang Daoling war im Jahr 142 Laozi erschienen, der im Volk als Heiliger verehrt wurde. Zhang Daoling verkündete daraufhin das 'Gesetz des rechtmäßigen Einen aufgrund der Autorität eines abgelegten Eides' (Zhengyi), welcher die Herrschaft der drei Himmel einleiten, die Welt vom Verfall befreien und in einem vollkommenene Staat das auserwählte Volk wieder einsetzen sollte. Auch hier schien es um den Sturz der Han zu gehen, denn die Himmelsmeister, insbesondere der erste Himmelsmeister Zhang Daoling, gelten als irdische Stellvertreter des Laojun, des vergöttlichten Laozi, einem der drei Reinen. Von diesem erhielt Zhang Daoling die Autorität böse Kräfte zu bannen und die Menschen zu führen. Da die Anhänger fünf Scheffel Reis (Wudou Mi Dao) zu entrichten hatten, bekam die Bewegung zunächst aufgrund dieser Steuer ihren Namen.
In Sichuan organisiserten dann der Sohn und der Enkel Zhang Daolings, Zhang Lu, ein unabhängiges Staatswesen, das dank der erhobenen Steuer politisch und finanziell autonom war. Im Jahr 215 ergab sich Zhang Lu dann Cao Cao, den er als neuen durch Laozi legitimierten Kaiser anerkannte und im Gegenzug erkannte Cao Cao die Himmelsmeister an und stattete Zhang Lu mit Einkünften und Titeln aus.
Die Erben Zhang Daolings und Zhang Lus trugen fortan den Titel Tianshi, Himmelsmeister.
Die religiösen Praktiken der Himmelsmeister waren vielfältig. Sie verehrten bereits ein relativ vielfältiges und volkstümliches Pantheon. Sie empfingen im Laufe ihrer Ausbildung "Register" mit den Namen göttlicher Mächte, die sie anrufen und aktivieren konnten. Es herrschte eine Vermischung von Recht und Moral. Vergehen wie Trunkenheit, Laster und Diebstahl wurden durch die Götter beobachtet und verzeichnet und durch zumeist öffentliche Bekenntnisse und Bestrafungen gesühnt. Die Bestrafungen waren wohltätige Handlungen oder Sühne durch Zurückgezogenheit und es gab auch Bußrituale. Krankheiten wurden durch Beichte und mit magischem Wasser behandelt, da sie als Strafe für Vergehen galten.
Die Gläubigen rezitierten heilige Texte wie das Daodejing, praktizierten Atemübungen und enthielten sich zwecks Langlebigkeit des Getreides.
Es gab auch kollektive, durch die Himmelsmeister ausgeführte Zeremonien und sogenannte Fastenzeremonien, welche die Vorläufer späterer daoistischer liturgischer Zeremonien waren. Dreimal im Jahr fanden Feste statt, um Krankheiten durch Petitionen an die verwaltenden Götter zu heilen.
Verrufen waren die sexuellen Rituale der Himmelsmeisterbewegung, die vom Buddhismus als Orgien angeprangert wurden.
Jeder Teilnehmer eines solchen Rituals musste sich mit einem vom Himmelsmeister vorgeschriebenen Partner, der gemäß einer Rangordnung ausgesucht wurde, nach drei Fastentagen vereinigen. Das Ritual wurde begleitet von Fasten, Gebeten, Atemübungen, visueller Meditation und Beschwörungen der Götter. Das Ziel dieser Rituale war es die Namen der Teilnehmer in 'die Register des Lebens' einzuschreiben.
Obwohl die Himmelsmeisterbewegung viele volksreligiöse Elemente übernommen hatte, kämpfte sie doch immer gegen die anderen Volksreligionen an, die niemals die Bedeutung der Himmelsmeister erlangten.
Während des 4. bis zum 6. Jh. spalteten sich die Himmelsmeister auf, in die südlichen und die nördlichen Himmelsmeister. Die südlichen Himmelsmeister bezeichnen die Gruppe, die sich in der Region von Jiangnan im südöstlichen China bildete. Diese Gruppe stand zwar in der Tradition der Himmelsmeister, hatte aber niemals eine eigene kirchliche Organisation und vermischte sich mit anderen daoistischen Strömungen wie dem Shangqing.
Die nördlichen Himmelsmeister bezeichneten jene Gruppe, die die Tradition Zhang Daolings direkt unter der Wei-Dynastie der Toba (Hunnen) fortsetzten.
Sie erreichten politische Macht am Hofe, wo sie neben dem Buddhismus ihre Ideen präsentierten. Die Wei-Dynastie war aus einem Volk hervorgegangen, dessen Religion, eine Mischung aus Schamanismus und Animismus, es aufnahmebereit für die magisch-religiösen Praktiken der Himmelsmeister machte und so erlangte der Himmelsmeister Kou Qianzhi auch politische Macht und die Kaiser ließen sich von ihm ihr Mandat unter der Regierungsdevise "Vollkommener Herrscher des großen Friedens" bestätigen und ein daoistischer Altar wurde am Rand der Hauptstadt errichtet, wo einhundertzwanzig Priester ihren Kult zelebrierten.
Nach dem Tod Kou Qianzhis und dem Auftreten neuer Strömungen des Daoismus konnten sich die Himmelsmeister jedoch nicht mehr am Hofe halten und in den folgenden Jahrhunderten hatten sie nur einen geringen Einfluss.
Im 8. und 9. Jahrhundert bildeten sich dann neue Zentren und eine neue Linie der Himmelsmeister. Die Zhengyi-Kirche bildete Zusammenschlüsse und Gilden, die zu Zentren der lokalen Kulte wurden und bis in die Gegenwart bestehen.
Unter den Song und den Ming wurden die Priester der Zhengyi in den Rang von Oberhäuptern sämtlicher daoistischer Richtungen gesetzt und heutzutage gehört die Sekte der Himmelsmeister bzw. die Zhengyi-Kirche zu den blühendsten und aktivsten daoistischen Richtungen, die noch existieren.
Die Himmelsmeister entsprachen in ihrer Geschichte den Bedürfnissen des Volkes nach Heilung, guter Ernte, Regen und ähnlichem. Es entwickelten sich Schriften, die der Rezitation dienten, der Meditation und dem Gebet, was mit der Sphäre des Göttlichen (Shen-ming) verbinden sollte. Nur wer dieses vollkommen beherrschte, war in der Lage, die Liturgien richtig auszuführen. Dem Berufsstand eines Himmelsmeisters kam Exklusivität zu, da ihm auch geheime Formeln (Mi-jue) mitgeteilt wurden, die bei den Liturgien zu sprechen waren.
Gemeinsames Gebet oder Lieder und Choräle einer Gemeinde von Gläubigen, wie sie im westlichen Religionsverständnis eine Rolle spielen, sind Phänomene die im Daoismus der Himmelsmeister nie eine Bedeutung hatten.
Die Himmelsmeister im heutigen China
Die Zhengyi bestehen noch heute fort auf Taiwan und in der VR China, jedoch sind ihre Rituale heutzutage natürlich modifiziert und komplexer und es wird bezweifelt, dass die heutigen Himmelsmeister, die in Taiwan residieren, echte Nachfahren der ursprünglichen Himmelsmeister der Familie Zhang sind.
Der amtierende Himmelsmeister ist jedoch im Besitz des überlieferten Jadesiegels und des Zauberschwertes des Zhang Daoling, deren Ursprünge sich bis in die Yuan-Zeit zurückverfolgen lassen. In Taiwan gibt es viele eindrucksvolle Tempel der Zhengyi und jedes Dorf hat seinen eigenen Tempel, der das Zentrum der Gemeinde bildet.
Der Daoismus der Himmelsmeister wird von Priestern getragen, die ihr Amt professionell ausüben und die eine lange Ausbildung, die oft schon mit dem siebten Lebensjahr beginnt, erfahren. Der Beruf wird oft vom Vater zum Sohn vererbt und das Lehrer-Schüler-Prinzip bestimmt die individuellen Traditionslinien. Für die Ausbildung zum Priester der Zhengyi sind 20 Jahre Studium notwendig. Die Rituale und Texte der Himmelsmeister entwickelten sich nach diesen Traditionslinien, Orten und Epochen unterschiedlich weiter und die Texte werden oft in einer Priesterfamilie vererbt. Diese Priester üben auch oft in großer Toleranz eine Art geistiger Aufsicht über das religiöse Leben im Volk aus, in dem Zauberer, Magier und Schamanen beliebt sind, welche nach ihren Kappen Rotköpfe oder Schwarzköpfe genannt werden und im allgemeinen zu den Gegnern der orthodoxen Daoisten zählen.
Die heutigen Himmelsmeister glauben an Götterhierarchien, die einem Verwaltungsapparat ähneln. Mythologisch wurde aus dem Buddhismus ein System von Himmeln und Höllen übernommen und im Pantheon sind viele buddhistische Bodhisattvas und Gottheiten zu finden, aber auch historische herausragende Persönlichkeiten.
Die Himmelsmeister bieten einen Ritualservice für Privatpersonen und Tempel an, so etwa bei Hochzeiten, Begräbnissen oder dem Geburtstag eines Lokalgottes. Auch Exorzismen und Heilungen werden durchgeführt. Ihre Rituale sind komplex und elaboriert und im den komplexen mystischen Systemen gibt es rituelle Initiationen, Reinigung und Erneuerung. Eines der Rituale ist z.B. das Verbrennen von Papiertalismanen manchmal auch mit Gebeten. Das höchste Ritual ist das der kosmischen Erneuerung, das zur Wintersonnenwende durchgeführt wird und kosmische Wiedergeburt symbolisiert. Es kann bis zu neun Tage dauern. Vor den Ritualen wird oft gefastet und ein Geist der Vergebung invoziert. Einige der Priester sind auch Schamanen oder Geistmedien, die Kontakt mit den Toten aufnehmen und astrologisch geschult sein können.
Die übliche Form der Verehrung durch Gläubige ist das Darbringen von Weihrauch in einem mit Asche gefüllten Dreifuß. Manche Tempel unterhalten auch eigene Amateurtheater, die für die Götter und Zuschauer Aufführungen veranstalten.
In der VR China ist der Daoismus mit dem Makel des Aberglaubens behaftet und wurde jahrzehntelang mit dem Hinweis darauf, es handele sich nicht um Religion, sondern um primitiven Schamanismus, unterdrückt, breitete sich aber im letzten Jahrzehnt wieder weiter aus und Tempel wurden restauriert und wieder mehr Priester ausgebildet, sowie universitäre Forschungsstellen eingerichtet.
Auf Taiwan ist der Daoismus weiterhin sehr verbreitet.
Kategorie:Chinesische Philosophie und Religion
Kategorie:Daoismus
Siehe auch: Neidan, Shangqing, Lingbao Pai
Literatur
- Livia Kohn (Hrsg.): Daoism Handbook, Brill, Leiden, 2000, ISBN 90-04-11208-1 (Handbuch der Orientalistik; Bd. 4,14)
- Isabelle Robinet: Geschichte des Daoismus, Diederichs, München, 1995, ISBN 3-424-01298-X
ja:五斗米道
Mystik
Mystik bezeichnet Berichte und Aussagen über die Erfahrung einer höchsten Wirklichkeit. Diese wird oft, aber nicht notwendigerweise, als göttliche Erfahrung bezeichnet. Da der Ausdruck eines Menschen, der diese höchste Wirklichkeit erreicht hat, immer auch von seinem jeweiligen persönlichen Hintergrund (Religion, Kultur) geprägt ist, läßt sich aus phänomenologischer Sicht nicht mit Sicherheit sagen, ob diese höchste Wirklichkeit in den unterschiedlichen Strömungen ein und dieselbe Erfahrung kennzeichnen.
Der Begriff Mystik leitet sich von lateinischen mysticus: geheimnisvoll, geheim; bzw. dem griechischen Wort mystikos zu myein: (Augen und Lippen) schließen, her.
Religionsgeschichtliche Bedeutung
Religionsgeschichtlich versteht man unter Mystik eine Sonderform religiösen Verhaltens, der mit einem bestimmten Frömmigkeitstypus verbunden ist.
Die mystische Gotteserfahrung ist auch in den mystischen Strömungen des Judentums, des Christentums und des Islams bekannt, dort wird sie aber mit unterschiedlichen Begriffen wiedergegeben: Feuer (Mose), Liebe (Johannesbriefe), göttliches Du, tiefstes Selbst (Augustinus, Gott als innerstes Innen), "sanftes, leises Säuseln") (1 Kön 19,12).
In den östlichen Religionen Buddhismus, Taoismus und im Jainismus werden mystische Erfahrungen einer letztendlichen Wirklichkeit in Bezug auf eine göttliche Wesenheit weder abgelehnt noch behauptet, sondern offengelassen, um eine strenge Negative Theologie aussagen zu können.
Von Mystik abgeleitet ist mystisch, ein oft im abwertenden Sinne gebrauchtes Adjektiv, das unverständliches, rätselhaftes und unsinniges Reden bezeichnet, aber oft auch nur geheimnisvoll bedeutet.
Erläuterungen
Mystik gegenüber konventionellem Gottesglauben
Manche Menschen verbieten sich den Glauben an Gott, weil sie meinen, im Glauben einer Illusion anheim zu fallen. Für sie wäre der Glaube an Gott nur akzeptabel, wenn etwas von Gott wirklich erfahrbar wäre. Diese Menschen ersetzen den direkten Gottesglauben teilweise durch Mystik.
Zur Schwierigkeit, über die höchste erfahrbare Wirklichkeit zu reden
Menschen, die die mystische Erfahrung gemacht haben, weisen darauf hin, dass kein Begriff und keine Aussage das Erfahrene auch nur annähernd beschreibt, "dass alle diese Vokabeln irreführender sind, wahrscheinlich irreführender, als wenn man darüber schlicht schweigt". (Carl Friedrich von Weizsäcker, Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie, Hanser 1978(5), 536)
Mystiker reden nicht gerne über ihre Erfahrung, weil alle zur Verfügung stehenden Begriffe und Aussagen dem Erfahrenen gegenüber viel mehr falsch als richtig sind. R. Lay beschreibt das so: "Diese Erfahrungserkenntnis Gottes [...] geht einher mit der Unfähigkeit, über Gott zu sprechen. Genauer: Jetzt weiß ein Mensch von einem Gott – aber sein Wissen muss sprachlos bleiben. Wenn er zu sprechen beginnt, weiß er, dass er über etwas anderes spricht, als über Gott. Und das ist ihm peinlich und unangenehm." (Rupert Lay, Credo. Wege zum Christentum in der modernen Gesellschaft, Langen-Müller/Herbig 1981, 93)
Von Thomas von Aquin, dem größten mittelalterlichen Theologen, wird berichtet, dass er alle seine Bücher verbrennen wollte, nachdem er diese Gotteserfahrung gemacht hatte, weil er eben erkennen musste, dass all die Begriffsinhalte des Wortes "Gott" mehr falsch als richtig sind für die Beschreibung dieser Erfahrung.
Buddha wollte das mystisch Erfahrene nicht Gott nennen, weil das, was man allzu oft unter Gott verstehe, die erfahrene höchste Wirklichkeit nicht sei. Denn diese höchste Wirklichkeit sei kein Wesen, das mit Verstand und Willen ausgestattet sei und handele, sondern die höchste Wirklichkeit sei einfach nur da als alles überstrahlender Friede und glückselige Wirklichkeit. Die höchste Wirklichkeit bewahre Menschen auch nicht vor Unglück oder befreie auch nicht aus Lebensgefahren, wenn man sie in Gebeten inständig darum bäte, sondern in der Welt geschehe viel unabänderliches Leid, und dennoch sei alles in dieser höchsten Wirklichkeit geborgen. Die höchste Wirklichkeit erschaffe auch nicht die vielen Weltdinge wie die Quelle einen Bach hervorbringe oder wie ein Künstler sein Kunstwerk erschaffe. Man wisse nichts darüber, wie das Entstehungsverhältnis sei von der letzten Wirklichkeit und den Weltdingen. Die höchste Wirklichkeit sei einfach da als souveräne, unantastbare, absolut erfüllende Wirklichkeit, die prinzipiell von Menschen wahrgenommen werden könne.
Das mystisch Erfahrene wird manchmal als Leerheit (Nichts) beschrieben. Das bedeutet nicht, dass das mystisch Erfahrene nichts wäre, sondern Leerheit besagt, dass das mystisch Erfahrene nicht wie die Weltdinge aus mehreren Einzelheiten zusammengesetzt ist und deshalb im Vergleich zur Welt Leerheit genannt werden kann. Das mystisch Erfahrene wird aber auch als Wirklichkeit beschrieben, in der es kein Leid, keinen Tod und keine Entwicklung mehr gibt, die eine absolute Erfüllung und Seligkeit bedeutet – aber ganz anders, als man sich Glückseligkeit vorstellen kann und zu sagen wüsste.
Das mystisch Erfahrene ist aber so gewaltig und wunderbar, dass theistisch geprägte Menschen dafür kein anderes Wort haben als das Wort für die höchste Wirklichkeit, das Wort Gott. Atheistisch geprägte Menschen, die die mystische Erfahrung gemacht haben, werden diese Erfahrung eher aussagen als die Erfahrung der wahren Natur allen Seins, als die tiefe kosmische Einheit aller Dinge. Denn die höchste Wirklichkeit kann nur in den Begriffen und Vorstellungsformen erfahren und ausgesagt werden, die durch die Sozialisation im Bewusstsein vorhanden sind. Theistisch geprägte Menschen werden gegenüber einer nicht-theistischen Beschreibungsweise kritisch fragen, warum man die absolute Erfüllung gebende Wirklichkeit nur als tiefe naturhafte Weltkraft oder als unpersönlich-kosmischen Weltgrund aussagt und nicht als überpersonale göttliche Wirklichkeit.
Man darf sich nicht vorstellen, dass man in der mystischen Erfahrung Gott erfährt als ein sichtbares Gegenüber, wie man es sonst von der weltlichen Objekterkenntnis her kennt. Von einer "direkten" Erfahrung Gottes kann also insofern nicht die Rede sein, als das Ich diesem Höheren nicht gegenübersteht, sondern umfasst wird von diesem Höheren. Das Ich erfährt "nur", dass es grenzenlos in etwas anderem geborgen ist. Primär erfährt es also eine Wirklichkeit über sich selbst. "Nur" sekundär erfährt es Gott "direkt", inso-fern das Ich mit-wahrnimmt, in was es geborgen ist. Man kann also sagen, Gott selbst sei unsichtbar (vgl. 1 Tim 6,16: "Gott, der in unzugänglichem Licht wohnt, den kein Mensch gesehen hat.").
Zum Problem des vernünftigen Sprechens über Gott siehe Näheres unter dem Link „Analogielehre – vernünftig über Gott sprechen? (Sprachphilosophie und Theologie)“
Christliche Mystik
Allgemein
Christliche Mystiker gibt es viele, angefangen vom Apostel Paulus über die spanischen Mystiker Johannes vom Kreuz und Theresa von Avila über Meister Eckhart über Nikolaus von der Flüe bis Carl Friedrich von Weizsäcker. Die Praxis christlicher Mystiker ist in manchem identisch, in manchem personal unterschiedlich.
Identisch ist allen christlichen Mystikern erstens die Suche nach innerer Vollkommenheit gemäß der Bergpredigt-Seligpreisung Jesu: „Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.“ Das Herz, das sind die Affekte. Affekte sind Wahrnehmungsorgane und Handlungsmotive unserer Psyche, z. B. Wut, Angst, Vertrauen, Hass, Neid, Mitleid, Neugier. Unter unreinen Affekten versteht man Handlungsmotive, die Krisen und Konflikte nicht lösen, sondern verfestigen oder bewirken. Reine Affekte sind Handlungsmotive, die Krisen und Konflikte mindern oder gar auflösen. „Wenn die Affekte Organe unserer Wahrnehmung sind, so ist es vernünftig, für möglich zu halten, dass die gereinigten Affekte den Raum freimachen für eine Wahrnehmung des Höchsten.“ (Carl Friedrich von Weizsäcker, Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie, Hanser 1978 (5), 499)
Zweitens ist den christlichen Mystikern identisch die Suche nach einer zureichenden Antwort auf die Lebens-Sinn-Frage. Hierzu schreiben die Philosophen Ludwig Wittgenstein und Rupert Lay:
„Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen... Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit. (Nicht Probleme der Naturwissenschaft sind ja zu lösen.)... Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (Ist nicht dies der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langem Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand?)“ (Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, 6.41; 6.4321; 6.521)
R. Lay, in: Grundzüge einer komplexen Wissenschaftstheorie, Bd. 1, Josef Knecht Verlag 1971, Seite 81 f schreibt hierzu: „Für Aussagen über ‚Sinn von Welt‘ mit seinen Entsprechungen (‚Sinn von Menschheit‘, ‚Sinn des Lebens‘) wollen wir uns die Anmerkung Wittgesteins zu eigen machen: ‚Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen [...]‘. Da (laut Wittgenstein) die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt bedeuten, wäre die Beantwortung der Sinnfrage ‚unaussprechlich‘ ( = ‚mystisch‘ im Sinne Wittgensteins). Wir stehen hier vor der Problematik, dass eine Frage gestellt wird, die nicht in der gleichen Erkenntnisschicht (und damit Sprachschicht) beantwortet werden kann, in der sie gestellt wurde.“ Und, so Lay, dies sei der Grund, warum nach Wittgenstein der Sinn des Lebens zwar mystisch erfahren, aber nicht klar aussprechbar sei.
„Wenn Sie längere Zeit regelmäßig meditieren, ist es nicht ausgeschlossen, dass sie ein Erlebnis haben, das man im Zen ‚satori‘ nennt, das Erich Fromm als X-Erfahrung bezeichnet. In dieser Erfahrung wissen Sie plötzlich um den Sinn Ihres Lebens, ohne ihn auch nur andeutungsweise verbalisieren zu können. Ihre X-Erfahrung werden Sie im Horizont Ihrer Weltanschauung verarbeiten. Sind sie ein theistisch-religiöser Mensch, werden Sie sie vielleicht als Gotteserfahrung wahrnehmen, orientieren sie sich eher profan, eher als ‚kosmisches Gefühl‘, als die Wahrnehmung der Welt, des Lebens, dessen, was real wichtig ist. Sie sind dann am Ende des Sinnsuche angelangt – und wissen darum. Alle Rätsel, die Ihnen die Welt und Ihr Selbst aufgaben, erscheinen gelöst.“(Rupert Lay, Vom Sinn des Lebens, 192)
Paulus als jüdisch-christlicher Mystiker
Nikolaus von der Flüe als christlicher Mystiker
Der Schweizer Mystiker Niklaus von Flüe (Bruder Klaus) gilt Carl Gustav Jung als »der einzige hervorragende schweizerische Mystiker von Gottes Gnaden, [der] unorthodoxe Urvisionen hatte und unbeirrten Auges in die Tiefen jener göttlichen Seele blicken durfte, welche alle, durch Dogmatik getrennten Konfessionen der Menschheit noch in einem symbolischen Archetypus vereinigt enthält« [Ges. Werke, 11, § 487].
In ihrem Buch "Die Visionen des Niklaus von Flüe" zeigt Marie-Louise von Franz, wie die Visionen dieses mittelalterlichen Mystikers ihn dazu drängten, sein christliches mit einem heidnisch-germanischen Gottesbild zu verbinden. Es lassen sich darin aber auch Elemente des mystischen Islam (Sufismus), des mystischen Hinduismus und Buddhismus (Tantrismus) und des mystischen Judentums (Kabbala) nachweisen (vgl. Weblinks).
Hinduistische Mystik
Die Hindus lehren, dass man erfahren könne, mit dem göttlichen Brahman eins zu sein. Diese Erfahrung ist in Worten kaum wiederzugeben, weil alle Begriffe ihr gegenüber viel mehr falsch als richtig sind. In dieser Wirklichkeitserfahrung weitet sich das Bewusstsein ins Unendliche, es ist ohne Grenzen, und man erfährt sich aufgehoben in einer Wirklichkeit unaussprechlichen Lichts und unaussprechlicher Einheit, die Brahman genannt wird. Aufgrund dieser Einheitserfahrung lehren die Hindus, dass die eigene tiefste Wirklichkeit, die Atman-Seele (vgl. Seele: Seelenbegriff im Hinduismus,) eins ist mit dem göttlichen Brahman.
Manche Hindus verstehen das Einssein des Atman mit dem Brahman pantheistisch: So wie ein Salzklumpen sich im Wasser auflöst, so geht der Atman im göttlichen Brahman auf; so wie die Flüsse ins Meer eingehen, so gehen die Atmans ins göttliche Eine ein. Das Atman ist identisch mit dem Brahman.
Und manche Hindus verstehen das Einssein des Atman mit dem Brahman panentheistisch: beim Eingehen der Atman-Seelen in das Brahman lösen die Atmans sich nicht im göttlichen Brahman auf, sondern behalten einen Eigenstand. Das Atman ist mit dem Brahman unauflöslich verbunden.
Es ist nicht einfach, die Einheit des tiefsten Selbst (Atman) mit dem Brahman zu erfahren. So wie man normalerweise wahrnimmt, kann man zwar das Viele erkennen, aber nicht das göttliche Eine, das in allem bzw. bei allem Vielen gegenwärtig ist. Um das göttliche Eine erfahren zu können, muss man seine Wahrnehmungs-Art ändern. Die Konzentrationstechniken des Yoga und die Askese (Enthaltung, Verzicht) wollen helfen, die Wahrnehmungs-Art so zu ändern, dass man das göttliche Eine wahrnehmen kann.
Die Askese dient dazu, dass das Bewusstsein mehr Freiheit erlangt gegenüber den weltlichen Bedürfnissen. Die Askese kann sich auf das Essen und Trinken durch Maßhalten und Fasten beziehen, auf die Sexualität durch sexuelle Enthaltsamkeit (Keuschheit), auf Herrschaft und Macht durch Gehorsam gegenüber Vorgesetzten oder auf Besitz durch Armut. Das Yoga dient dazu, dass das Bewusstsein sich konzentrieren lernt und sich selbst in seinen vielen unbewussten Teilen kennenlernt. Nach jahrelanger Übung kann das Bewusstsein vielleicht dann auch die Erfahrung machen, dass seine tiefste Wirklichkeit, der Atman, eins ist mit dem göttlichen Brahman.
Buddhistische Mystik
In der buddhistischen Mystik, die insbesondere im Mahayana -und Vajrayana verbreitet ist, geht es wie bei allen buddhistischen Schulen nicht um direkte Erfahrung eines göttlichen Wesens, vielmehr ist die Natur des Geistes des Praktizierenden selbst jenseits von Dualität. Sie wird jedoch aufgrund einer temporären Verschleierung nicht als solche erkannt.
Aus dieser Nichterkenntnis, auch grundlegende Unwissenheit genannt, entsteht die Vorstellung eines unabhängig von anderen Phänomenen existierenden Ichs und damit geht das Auftreten der Geistesgifte Verwirrung/Dummheit, Hass, Gier, Neid und Stolz einher, die Ursache allen Leidens. Ziel aller Praxis ist es, die Geistesgifte in ursprüngliche Weisheit umzuwandeln, die Ich-Vorstellung aufzulösen und die den unerleuchteten Wesen eigene Aufspaltung der Phänomene in Subjekt und Objekt zu überwinden. Die den fühlenden Wesen innewohnende, bis dahin verschleierte Buddhanatur wird spontan, als immer schon grundlegend vorhanden erkannt. Einen Menschen, der dieses erreicht, nennt man erleuchtet oder schlicht Buddha. Um dies zu erreichen benutzen Buddhisten Praktiken wie Meditation, Gebet, Opferdarbringungen, verschiedene Yogas und spezielle tantrische Techniken.
Islamische Mystik
Die Sufis (islamische Mystiker) glauben, daß Gott in jeden Menschen einen göttlichen Funken gelegt hat, der im tiefsten Herzen verborgen ist. Gleichzeitig wird dieser Funke auch durch die Liebe zu allem, was nicht Gott ist, verschleiert, genauso wie durch die Aufmerksamkeit gegenüber den Banalitäten der (materiellen) Welt, sowie durch Achtlosigkeit und Vergeßlichkeit. Laut dem Propheten Muhammad sagt Gott zu den Menschen: „Es gibt siebzigtausend Schleier zwischen euch und Mir, aber keinen zwischen Mir und euch.“
Die meisten Sufis praktizieren deshalb eine tägliche Übung namens Dhikr, das bedeutet Gedenken (also Gedenken an Gott, bzw. Dhikrullah). Dabei rezitieren sie bestimmte Stellen aus dem Koran und wiederholen eine bestimmte Anzahl der göttlichen Attribute (im Islam neunundneunzig). Darüber hinaus kennen die meisten sufischen Orden (Tariqas) ein wöchentliches Zusammentreffen in sogenannten Tekkes, bei dem neben der Pflege der Gemeinschaft und dem gemeinsamen Gebet ebenfalls ein Dhikr ausgeführt wird. Je nach Orden kann dieser Dhikr auch Musik, bestimmte Körperbewegungen und Atmungsübungen beinhalten.
Moderne religionsunabhängige Mystik
Seit Carl Gustav Jung wird Mystik immer mehr zu einer religionsunabhängigen inneren Kontemplation jenseits der Spaltung in verschiedene Konfessionen und Religionsbekenntnisse. Vorbild dazu ist der Schweizer Mystiker Niklaus von Flüe (Bruder Klaus).
Der englische Philosoph und Nobelpreisträger Bertrand Russell schrieb ein bekanntes Buch "Warum ich kein Christ bin", machte aber als suchender Atheist am Schluss seines Lebens eine mystische Erfahrung. Das Zeugnis darüber (seine beschreibenen Worte) ist oben unter dem Text "Mystische Erfahrung als Liebe" wiedergegeben.
Weiterführendes
Mystik und Rationalität
Mystik wird häufig als irrational, wissenschaftsfeindlich und weltabgewandt bezeichnet.
Jeder Rationalität liegt ein relativer Begriff von Vernunft zugrunde. Rational ist also alles was Erkenntnis (allgemeiner auch Überleben, Erfolg, Glück usw.) bringt. Der Mystiker erfährt dagegen etwas, das er absolute Erkenntnis nennt. Die Rationalität der Mystik hebt relative Rationalität deshalb nicht auf, sondern erweitert sie. Im heutigen Sprachgebrauch wird die Rationalität der Mystik meist transrational genannt.
Der Erkenntnisgewinn in der modernen Wissenschaft grenzt sich durch eine Auswahl von Methoden wie Reproduzierbarkeit, Empirie und Falsifikation von einem Erkenntnisgewinn durch persönliche Erfahrung ab. In diesem Sinn ist mystische Erfahrung definitionsgemäß immer nicht-wissenschaftlich.
Weltabgewandtheit durch die Vermeidung von körperlichen Freuden durch Fasten, Askese und Zölibat oder durch den Rückzug in die Einsamkeit als Eremit hat in den Religionen eine lange Tradition. Anscheinend kann so eine Haltung teilweise zum Erreichen einer mystischen Erfahrung beitragen. Zen-Meister Willigis Jäger, einer der modernen Mystiker in Europa, betont dagegen: "Ein spiritueller Weg, der nicht in den Alltag führt, ist ein Irrweg." Auch die Verse "Der Ochse und sein Hirte", die den Entwicklungsweg eines Zen-Schülers im alten Japan beschreiben, enden mit der Rückkehr auf den Marktplatz.
Erkenntnistheoretische Erörterung der mystischen Erfahrung
Mystische Erfahrung und andere Bewusstseinszustände
- Halluzination
Halluzinationen sind Erlebnisse, die unsere Psyche im Wachzustand produziert. In dieser Form können sie mit mystischen Erlebnissen durchaus verwechselt werden. Anhand einer Reihe von Merkmalen wie Inhalte der Erfahrung, Dauer, Kommunikationsfähigkeit, Ausdruck, Vokabular und Emotionalität versucht man mystische von psychotischen Zuständen zu unterscheiden. So ist ein wesentlicher Unterschied die Neubewertung und Umorganisation aller wichtigen handlungsleitenden Motive, Affekte, Welt- und Selbstbildvorstellungen, die durch eine echte Erleuchtungserfahrung entsteht.
- Schlaf, Traumbewusstsein, Hypnose
Die mystische Erfahrung ist weder eine Erfahrung im schlafenden Zustand, noch eine im trancehaften Zustand oder der Hypnose. Diese Zustände zeichnen sich besonders durch eine, auf bestimmte Bewusstseinsinhalte verkürzte, Aufmerksamkeit aus. Mystische Erfahrung ist dagegen eine Erfahrung, bei der man sehr wach und aufmerksam ist. So war die Antwort eines Zen-Meisters auf mehrmalige Nachfragen, was (für die Erleuchtung) wichtig sei: „Achtsamkeit, Achtsamkeit, Achtsamkeit“. Physiologische Untersuchen weisen aber daraufhin, dass der Zustand in der Meditation Ähnlichkeiten mit dem Schlafzustand aufweist ('The Psychology of Meditation’, Clarendon Press, Oxford, 1987).
Allerdings lässt sich der skeptische Einwand, die mystische Erfahrung sei nur eine Halluzination, wissenschatlich so wenig entkräften, wie der Einwand, dass man nicht sicher sein könne, jetzt nicht zu träumen, weil man jeden Hinweis auf die Unterschiede von Traumbewusstsein und Wachbewusstsein – das Zeit- Raum- und Kausalerleben ist sehr unterschiedlich – mit dem Hinweis abtun kann, dass man auch einmal einen Traum haben kann, in dem die Traumwirklichkeiten sich wie die Realität verhalten. Aber so, wie man weiß, dass man nicht träumt, wenn man im Wachzustand ist, so weiß man, dass die mystische Erfahrung keine Halluzination ist, wenn man die erste Wirklichkeit erfahren hat – objektiv beweisen lässt sich das nicht, sondern nur erfahren.
Mystische Erfahrung und Wahrnehmung
Allgemein lässt sich sagen, dass alles, was sich von einer ersten Wirklichkeit wahrnehmen und vermitteln lässt, nur Bilder sein können. „So wie man eine Blume auf der Wiese oder eine Wolke am Himmel nur vermittels der optischen Gesetze des menschlichen Auges wahrnehmen kann, so kann auch die Erscheinung des Mystikers psychisch nur nach den Gesetzen der menschlichen Psyche erfolgen.“ (Eugen Drewermann, Tiefenpsychologie und Exegese, Band II, 1989 (5), 402).
Zusammenfassend gesagt, begegnet einem in der mystischen Erfahrung das Göttliche genau in den Bildern und Begriffen, die einem in seinem Kulturkreis bekannt sind: als Licht, als Eins, als Nirwana, liebendes Du... Das Heilige oder Göttliche begegnet einem in den Begriffen und Vorstellungsformen, die dem Bewusstsein durch seine individuell-soziale und individuell-kulturelle Prägung zugänglich geworden sind.
Um von diesen Erscheinungsbildern zur eigentlichen Erleuchtung weiterzugehen, hat der historische Buddha seine Schüler mit folgenden deutlichen Worten motiviert: ’’Wenn dir Buddha begegnet, töte ihn.’’ Auf den christlichen Kulturkreis übertragen, erscheint uns diese Aufforderung sogar noch drastischer.
Mystische Erfahrung als absolute Erfahrung
Prinzipiell unterscheiden sich die Methoden der Erkenntnisgewinnung in der Wissenschaft und der Alltagserfahrung von der Erkenntnisgewinnung in der Mystik. Ohne selbst eine echte und nachhaltige Erleuchtungserfahrung zu verwirklichen, kann man das Wesentliche nicht verstehen. So dienen die Vorträge von Zen-Meistern nicht der Vermittlung von intellektuellen Wissen, sondern der Vorbereitung und der Motivation oder es sind Hilfen auf dem Weg, um die Erfahrung in den Alltag zu integrieren.
Dabei haben Mystiker aller Zeiten und Kulturen immer wieder darauf hingewiesen, dass die erfahrene Wirklichkeit in einer echten mystischen Erfahrung viel intensiver empfunden wird als die Wirklichkeit, die durch Sinneswahrnehmungen und Denkvorgänge vermittelt wird. Der Zweifel des Verstandes, der durch die Aktivität des Denkens entsteht, tritt in den Hintergrund oder löst sich völlig auf. Es macht also nur bedingt einen Sinn den Begriff von Wirklichkeit aus der Philosophie mit der Erfahrung von Wirklichkeit in der Mystik zu vergleichen. Die völlige Abwesenheit von Zweifeln muss allerdings kein Dauerzustand sein. So ist zum Beispiel von Franz von Assisi bekannt, dass er viele Jahre unter einem nicht kontrollierbaren Wechsel dieser Erfahrungsebenen stark gelitten hat.
Wie will man die mystische Erfahrung erklären? Hierzu schreibt C.F.v. Weizsäcker: "»Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.« (Mt 5,8) Im Herzen sollen wir rein sein. Das Herz – das sind die Affekte. Wir finden uns aber unreinen Herzens vor. Wie können wir im Herzen rein werden? Das Entscheidende wird das Verlangen nach Reinheit sein, eben das Hungern und Dürsten ...(das Bitten und Betteln um den Geist der Liebe, des Vertrauens, des Nicht-Verhärtens... – d. Verf.). Wenn die Affekte Organe unserer Wahrnehmung sind, so ist es vernünftig, für möglich zu halten, dass die gereinigten Affekte den Raum freimachen für eine Wahrnehmung des Höchsten." (Carl Friedrich von Weizsäcker, Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie, Hanser 1978 (5), 499 )
Siehe auch
- Christliche Mystik, Kabbala, Sufismus, Zen, Vajrayana (Tantrismus), Yoga
- Liste von Mystikern, Mysterium, mystische Erfahrung
Literatur
Allgemeine Literatur
- René Bütler: Mystik der Welt. Quellen und Zeugnisse aus vier Jahrtausenden. Ein Lesebuch der mystischen Wahrheiten aus Ost und West. Heyne, München 1995, ISBN 3-453-08757-7
- Georg Schmid: Die Mystik der Weltreligionen. Eine Einführung. 4. Aufl. Kreuz, Stuttgart 2000, ISBN 3-7831-1016-5
- Timothy Freke, Peter Gandy: Die Welt der Mystik. Die mystischen Traditionen von Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam, Judentum, Schamanismus. Goldmann, München 2001, ISBN 3-442-21540-4
- Annemarie Schimmel: Wie universal ist die Mystik? Die Seelenreise in den großen Religionen der Welt. Herder, Freiburg im Breisgau u.a. 1996, ISBN 3-451-04484-6
- Peter Dinzelbacher (Hrsg.): Wörterbuch der Mystik. 2. Aufl. Kröner, Stuttgart 1998, ISBN 3-520-45602-8
Spezielle Literatur
Forschung
- Karl Albert: Einführung in die philosophische Mystik. WBG, Darmstadt 1996, ISBN 3-534-12948-2
- Peter Widmer: Mystikforschung zwischen Materialismus und Metaphysik. Eine Einführung. Herder, Freiburg i.Br. u.a. 2004, ISBN 3-451-28322-0
- Guttmann, Gieselher: Zur Psychophysiologie der Bewußtseinssteuerung Meditation - Trance - Hypnose: Wurzeln und biologische Korrelate 2002, Tonkassette
Sufismus
- Annemarie Schimmel: Sufismus. Eine Einführung in die islamische Mystik. 2. Aufl. Beck, München 2003, ISBN 3-406-46028-3
- Annemarie Schimmel: Mystische Dimensionen des Islam. Die Geschichte des Sufismus. Insel, Frankfurt a.M. u.a. 1995, ISBN 3-458-33415-7
Christentum
- Peter Dinzelbacher: Christliche Mystik im Abendland. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters. Schöningh, Paderborn u.a. 1994, ISBN 3-506-72016-3
- Kurt Ruh: Geschichte der abendländischen Mystik. 5 Bde. Beck, München 1990-1999.
Kabbala
- Daniel C. Matt (Hrsg.): Das Herz der Kabbala. Jüdische Mystik aus zwei Jahrtausenden. Barth, Bern u.a. 1996, ISBN 3-502-65450-6
- Gershom Scholem: Von der mystischen Gestalt der Gottheit. Studien zu Grundbegriffen der Kabbala. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1977, ISBN 3-518-07809-7
Buddhismus
- Daisetz T. Suzuki: Der westliche und der östliche Weg. Über christliche und buddhistische Mystik. Neuaufl. Ullstein, Frankfurt am Main u.a. 1995.
Weblinks
- [http://www.textlog.de/4495.html Artikel "Mystik" in Eislers Wörterbuch der philosophischen Begriffe (1904)]
- [http://unser-weltbild.de/html/mystik.html Kurzüberblick Mystik]
- [http://helmutwalther.privat.t-online.de/mystik2_zt.htm Zeittafel und Zitate zur Mystik]
- [http://www.willigis-jaeger.de Personal Website des Benediktiners und Zenmeisters Willigis Jäger]
- [http://www.sufiportal.de/ Deutsches Portal zum Sufismus]
- [http://www.schamanismus-information.de/schamanismus/mystik.htm Schamanistische Mystik]
- [http://www.ifrr.de/PDFs/HEFT4_01.PDF 68seitiges Infoheft "Mystik" für ev. Religionspädagogen (PDF)]
- [http://www.stereo-denken.de/eins-my.htm Essay von Jürgen Kuhlmann über (Zen-)Mystik heute]
- [http://www.sukhavati.de Website über die Verbindung von Mythologie und Mystik, insbesondere über den Mythenforscher Joseph Campbell]
- [http://www.neo-tech.com/german-discovery/einflu27.html Beispiel für moderne Kritik an der Mystik]
Kategorie:Spiritualität
Kategorie:Esoterik
Kategorie:Weltanschauung
!
Kategorie:Zen
ja:神秘主義
ms:Mistisisme
AlchemieDie Alchemie (auch Alchimie) ist ein alter Zweig der Naturphilosophie und wurde im 17./18. Jahrhundert sukzessive von der modernen Chemie und Pharmakologie abgeloest. Die Kunst der Alchemie wurde von Alchemisten (auch Alchimisten) praktiziert. In heutiger Zeit bezeichnen sich manche Vertreter von Pseudowissenschaften ebenfalls als Alchemisten. Zur Möglichkeit der künstlichen Herstellung von Gold (siehe Goldsynthese) und von anderen Edelmetallen (siehe Edelmetallsynthese).
Herkunft
Es wird angenommen, dass sich das Wort Alchemie vom arabischen „al-kymiya“ bzw. vom griechischen "χυμεία" (chymeia) herleitet. Ersteres entspricht dem Namen mit dem die alten Ägypter selbst ihr Land bezeichneten, d. h. Alchemie wird hier als „Kunst der Ägypter“ verstanden, im Sinne des Letzteren als „Lehre des Gießens“. Anhand der Etymologie werden bereits ihre Ursprünge im alten Ägypten und im (hellenistischen) Griechenland deutlich.
Aufgabengebiet und Errungenschaften
Die Alchemie war teilweise von der Idee der künstlichen Herstellung von Gold getrieben, auf der Suche nach dem Stein der Weisen oder dem Universallösungsmittel Alkahest. Dabei arbeitete sie hauptsächlich mit der Methode Versuch und Irrtum (Trial and Error), die auch heute noch eine wichtige Methode zur Erkenntnisgewinnung ist. Die Alchemisten waren der Meinung, chemische Elemente könnten ineinander umgewandelt (transmutiert) werden.
Alchemisten befassten sich, im Gegensatz zu gelegentlichen Falschangaben, nicht mit der Herstellung lebender Kunstwesen (Homunculus, Basilisk). Anklänge an diese okkulten Experimente finden sich beispielsweise noch in Goethes Faust I und Faust II und in Meyrinks Golem.
Wir verdanken der Alchemie unter anderem die (Wieder-)Erfindung des Porzellans und Schwarzpulvers in Europa. Berühmte Alchemisten waren z. B. Vincentius Cascariolo aus Bologna, der 1604 erstmals einen Phosphoreszenz-Farbstoff herstellte, den so genannten „Bologneser Leuchtstein” oder „Lapis Solaris”. Diese Entdeckung beförderte Diskussionen über die Natur des Lichtes und führte bereits 1652 zu ersten spektroskopischen Untersuchungen. Der Hamburger Heinrich Hennig Brand war ein weiterer wichtiger Alchemist. Er entdeckte 1669 die Chemilumineszenz des weißen Phosphors („Phosphorus mirabilis“) und damit die erste Chemilumineszenzreaktion überhaupt. Diese Chemilumineszenzreaktion fand als Mitscherlich-Probe Eingang in die forensische Chemie und ist auch heute noch ein beeindruckendes Experiment.
Arbeitsmittel
Wichtige Grundlage und sozusagen die Bibel der Alchemisten war die Tabula Smaragdina. Sie ist eine dem Hermes Trismegistos zugeschriebene, ursprünglich wohl griechische, später in lateinischer Fassung verbreitete Sammlung von wenigen, schwer verständlichen und auslegungsbedürftigen Sätzen, in denen die gesamte Weltweisheit enthalten sein sollte.
Ein spezieller Ofentyp der Alchemisten wird Athanor genannt.
Manche Gefäße der Alchemisten werden nach Tieren benannt, so z. B. Igel oder Gans oder das Menschliche Paar.
Philosophische Bedeutung
Allerdings handelt es sich bei der Alchemie nicht nur um eine praktische Disziplin im Sinne einer Proto-Chemie. Sie hat vielmehr auch eine philosophische Dimension: die verschiedenen alchemischen Vorgänge – wie beispielsweise die Umwandlung eines bestimmten Metalls in ein anderes – stehen hier für die Entwicklung des Menschen, d. h. für inner-psychische Prozesse. Diesen psychologischen Aspekt der Alchemie betonte vor allem der schweizer Psychiater und Psychoanalytiker Carl Gustav Jung, der sich eingehend mit ihr beschäftigte und versuchte, sie für seine Analytische Psychologie fruchtbar zu machen.
Bedeutende Alchemisten
Alchemisten des alten Ägypten, sowie der Griechischen und Römischen Antike
- Hermes Trismegistos (legendär)
- Ostanes (vor 500 v. Chr.)
- Xamolxides (ca. 550 v. Chr)
- Empedokles (ca. 490–430 v. Chr)
- Demokrit (ca. 470–380 v. Chr)
- Maria die Alchemistin (ca. 470 v. Chr.)
- Zosimus aus Panopolis (ca. 250 bis ca. 310 n. Chr.)
Chinesische Alchemisten
In China haben sich innerhalb daoistischer Strömungen solche der Inneren Wandlung Neidan und solche der äußeren Wandlung Waidan herausgebildet, die in ihren Anfängen allerdings noch nicht geschieden waren. Das mit dem Prinzip des Dao verknüpfte Streben nach Unsterblichkeit – allerdings eigentlich im Sinne der Vollendung und Einswerdung im Dao – wurde ganzheitlich auf Körper und Geist bezogen, sodass es auch einige Alchemisten innerhalb der chinesischen Geschichte gab, die versuchten Metalle zu veredeln, dabei nebenbei das Schießpulver entdeckten und nach einem Elixier [dan] suchten, das irdische Unsterblichkeit ermögliche. Dies war aber als Ergänzung zu den inneren Arbeiten Qigong, Meditation, Fasten etc. gedacht.
Die ersten Spezialisten in den Künsten der Unsterblichkeit waren die Fangshi, die als einsiedlerische Weise in den Bergen lebten, schamanistische Praktiken anboten, von Kaisern und Adeligen besucht und gelegentlich unterstützt wurden.
Aus dieser Tradition kommt Wei Boyang, Autor des ältesten chinesischen alchemistischen Traktats Thouyi cantong qi („Über das Vereinigen der Entsprechungen“), der gemäß der Legende während des 2. Jh. n. Chr. gelebt haben soll. Ihm wird folgender Mythos nachgesagt: Nachdem der Hund an einem Experiment das rechte Elixier betreffend tot umfiel, sprach der Meister: „Ich habe den Weg der Welt, meine Familie und Freunde aufgegeben, um in den Bergen zu leben. Es wäre schamvoll, zurückzugehen, ohne das Dao der heiligen Unsterblichen gefunden zu haben. Durch dieses Elixier zu sterben kann nicht schlechter sein, als ohne es zu leben. So muss ich es dann zu mir nehmen.“ Auch er schluckte das Elixier und fiel auf der Stelle tot um. Nachdem die enttäuschten Schüler gegangen waren, erwachten Hund und Meister und schwebten zum Himmel empor, um Unsterbliche zu werden.
Ein anderer war Ge Hong (284–364 n. Chr.). Sein Hauptwerk heißt Baopuzi („Er, der den unbehauenen Klotz umarmt“ oder „Der Meister, der die Schlichtheit umfaßt“). Die Shangqing-Schule nahm später einige seiner Techniken auf.
Lü Dongbin, einer der Acht Unsterblichen, soll einer der ersten gewesen sein, der sich ausschließlich der Inneren Alchemie zuwandte. Sein Schüler war Liu Haichan; von diesem soll Zhang Boduan (987–1082 n. Chr.) sein Wissen erhalten haben. Er schrieb das Wuzhen pian („Über das Begreifen der Wirklichkeit“), welches die Ausdrucksweise der äußeren Alchemie auf die inneren Wandlungen überträgt. Ziel sei die Erschaffung des shengtai („geistiger Embryo“ der Unsterblichkeit). Es begründeten sich nach seinem Tod viele Schulen des Neidan. Seine Schüler begründeten etwa den südlichen Zweig der „Schule der Vollkommenen Wirklichkeit“ (wörtlich: Der Weg der Verwirklichung der Wahrheit").
Alchemisten des Islamischen Kulturkreises
- Kalid ben Jazichi (7.–8. Jh.)
- Kalid ben Jesid (geboren 702?)
- Geber (ca. 721–815), Vate | | |